Das ZDF hat in einer 45-minütigen Dokumentation der Geschehnisse rekonstruiert, die zum dramatischen Untergang der 56-Meter-Superyacht „Bayesian“ im Jahr 2024 vor der sizilianischen Küste führten. Beim Untergang kamen sieben Menschen ums Leben, 15 konnten gerettet werden.
Die Autoren benutzen in der Rekonstruktion oft den Konjunktiv. Was nicht verwundert. Die betroffenen Parteien überzogen sich gegenseitig mit millionenschweren Klagen, auch andere Berichterstatter wurden wegen angeblicher Falschbehauptungen verklagt. Die bisherige Rekonstruktion der Ereignisse beruht vor allem auf physikalischen Gesetzmäßigkeiten und Simulationen. Einen offiziellen Abschlussbericht gibt es noch nicht, Gerichtsprozesse laufen. Auch hätten laut der Doku-Autoren alle Parteien, von den Besitzern über Konstrukteur und den drei verklagen Crewmitgliedern (wegen fahrlässigen Schiffbruchs und fahrlässiger Tötung) die Gelegenheit bekommen, sich zu den Details der Doku zu äußeren. Deren Anwälte hätten dies aber abgelehnt.
So gibt die Doku im Wesentlichen den bisher auch von der YACHT veröffentlichten und weiter unten im Artikel zusammengefassten Kenntnisstand wieder. Dennoch ist sie sehr sehenswert. Sie liefert aufwändig und dramatisch erzählt eine Rekonstruktion der Schreckensnacht.
Einziger Kritikpunkt: Die Frage in der Unterzeile der Titels der Doku, „warum sinken Schiffe“, wird nicht annähernd zufriedenstellend beantwortet. Die herangezogenen anderen Schiffsunglücke haben nichts bis wenig mit den Geschehnissen auf der „Bayesian“ zu tun. An diesem Punkt haben sich die Autoren ein zu hohes Ziel gesteckt.
Interessant ist dagegen eine in der Doku wiedergegebene Modellierung der Vereinigung spanischer Boots- und Schiffbauingenieure. Aus deren Windsimulation ergab sich, dass vor allem die Verstagung und die Salingspaare bei Krängung eine Wirbelschleppe erzeugten, deren Widerstand wie ein gesetzter Drachen wirkte. Die „Bayesian“ war demnach, obwohl alle Segel geborgen waren, aus „Windsicht“ allein wegen ihres Riggs besegelt.
Ebenfalls interessant sind die in der Doku widergegebenen spanischen Modellierungen zum Volllaufen der Yacht. Wenn, wie vermutet, Lüftungsöffnungen nicht geschlossen gewesen waren, hätte die Yacht bereits ab 35 Grad Lage (Kombüsenlüftung) Wasser aufgenommen. Wenn, wie ebenfalls vermutet wird, sich die Crew auf ein Ankermanöver vorbereitet, habe, hätten dafür die Lüftungsöffnungen für die Maschinen geöffnet gewesen sein müssen.
Die Maschinen laufen nur bei geöffneten Lüftungsluken. Die Maschinenluken hätten laut Modellierung ab 40 Grad Lage Wasser gemacht, und zwar mit einer Tonne pro Sekunde. Die Yacht, das berichteten Augenzeugen, sei über das Heck gesunken, was zu vollgelaufenen Maschinenräumen passt. Ob das tatsächlich so war und ob der Crew daraus ein Fehlverhalten vorgeworfen werden kann, ist Gegenstand von Gerichtsprozessen.
Sieben Menschen kamen bei dem Unglück ums Leben. Ihre Leichen wurden Tage später nacheinander von Tauchern geborgen. Zu den Umständen, in denen sie gefunden wurden und die zu vielen Spekulationen führten, etwa in welchen Kabinen und in welchem Zustand, äußern sich die Doku-Autoren nicht.
Das berichtete die YACHT:
In der Nacht vom 18. auf den 19. August 2024 lag die 56 Meter lange Segelyacht „Bayesian“ rund eine halbe Seemeile vor Porticello an der Nordküste Siziliens vor Anker. An Bord befanden sich zwölf Gäste und zehn Crewmitglieder. Während eines heftigen Gewitters geriet die Yacht in extreme Böen, kenterte und sank innerhalb weniger Minuten auf etwa 50 Meter Tiefe.
Im ersten Bericht vom 20. August schilderten wird unter der Überschrift „56 Meter lange ‚Bayesian‘ sinkt vor Palermo, sechs Personen vermisst“ den damaligen Kenntnisstand. 15 Menschen waren aus einer Rettungsinsel geborgen worden, ein Besatzungsmitglied war tot aufgefunden worden, sechs Personen galten noch als vermisst. Eine entscheidende Rolle bei der Rettung spielte die in der Nähe ankernde „Sir Robert Baden Powell“. Deren Kapitän Karsten Börner und seine Crew entdeckten die Rettungsinsel und nahmen die Überlebenden auf. Als mögliche Ursache wurde zunächst eine Wasserhose vermutet.
Zwei Tage später berichteten wir, dass Eigner Mike Lynch tot aus dem Wrack geborgen worden war. Zu diesem Zeitpunkt waren fünf der sechs Vermissten gefunden worden, während die Suche nach Lynchs 18-jähriger Tochter Hannah weiterlief. Gleichzeitig begannen die ersten technischen Überlegungen: Diskutiert wurden offene Rumpfklappen, die Windangriffsfläche des ungewöhnlich hohen Aluminiummastes sowie der möglicherweise aufgeholte Liftkiel.
Am 28. August veröffentlichten wir die Einschätzung des früheren „Bayesian“-Kapitäns Stephen Edwards. Edwards hatte die Yacht von 2015 bis 2020 geführt und verwies auf ihre Sonderstellung: Sie war die einzige Slup auf der ansonsten als Ketsch ausgeführten 56-Meter-Plattform von Perini Navi und trug einen außergewöhnlich hohen Mast.
Nach seiner Darstellung bestand der feste Ballast aus rund 200 Tonnen Blei, während der bewegliche Kiel vor allem als Schwert gegen Abdrift diente. Entscheidend sei der sogenannte Flutungswinkel gewesen. Bei etwa 40 bis 45 Grad Krängung habe Wasser über Lüftungsöffnungen eindringen können, sofern die entsprechenden Systeme in Betrieb waren. Eine offen stehende große Rumpfklappe hielt Edwards dagegen für unwahrscheinlich. Seine Ausführungen erklärten technische Grenzen der Yacht, konnten den konkreten Unglücksablauf aber noch nicht belegen.
Nach mehreren Monaten auf dem Meeresgrund rückte die Bergung in den Mittelpunkt. Anfang Februar 2025 meldeten wir zunächst, dass sich die Bergung der „Bayesian“ wegen der Komplexität des Vorhabens verzögerte. Vorgesehen war, die Yacht aufzurichten und anschließend mit Kränen oder zusätzlichen Auftriebssystemen zu heben. Von der Untersuchung des Wracks erhofften sich italienische und britische Ermittler Aufschluss über die Kielstellung, mögliche Flutungswege und das Verhalten von Crew und Schiff während der Kenterung.
Im März hieß es dann, die Bergungsarbeiten sollten am 20. April 2025 beginnen. Nach der Hebung sollte das Wrack zur forensischen Untersuchung nach Termini Imerese gebracht werden. Parallel liefen in Italien strafrechtliche Ermittlungen sowie in Großbritannien Untersuchungen zu den Todesfällen britischer Opfer.
Die Arbeiten begannen schließlich später als vorgesehen und wurden von einem weiteren tödlichen Unglück überschattet. Am 12. Mai berichteten wir, dass ein niederländischer Taucher bei den Bergungsarbeiten gestorben war. An der Operation arbeiteten rund 80 Fachleute. Der mehr als 70 Meter lange Mast sollte vor dem Heben des Rumpfes abgetrennt werden. Die Kosten der gesamten Bergung wurden in Medienberichten auf rund 30 Millionen Euro beziffert.
Am 16. Mai 2025 veröffentlichten wir eine ausführliche Auswertung des ersten Untersuchungsberichts der britischen Marine Accident Investigation Branch. Der Bericht rekonstruierte die Nacht wesentlich genauer als die frühen Meldungen.
Demnach hatte die „Bayesian“ vor Porticello Schutz vor dem angekündigten Wetter gesucht. Gegen 3 Uhr näherte sich das Gewitter, wenig später begannen sowohl die „Bayesian“ als auch die benachbarte „Sir Robert Baden Powell“ mit schleifendem Anker zu driften. Um 4.06 Uhr neigte sich die „Bayesian“ innerhalb von nur 15 Sekunden um rund 90 Grad nach Steuerbord. Die Generatoren fielen aus, Wasser lief über die Steuerbordreling und die Treppenhäuser ins Innere. Um 4.22 Uhr gelang es der Crew, eine Rettungsinsel auszubringen. Gegen 4.45 Uhr sank die Yacht.
Die Stabilitätsberechnungen waren besonders brisant. Nach der im Bericht verwendeten Modellierung konnte bei direktem Seitenwind bereits eine böige Windgeschwindigkeit von mehr als 63,4 Knoten zum Kentern führen. Die tatsächlich auftretenden Böen lagen offenbar darüber. Der Bericht stellte außerdem fest, dass die Yacht nach der extremen Krängung nicht mehr in der Lage war, sich selbst aufzurichten. Die Untersuchung war zu diesem Zeitpunkt ausdrücklich noch nicht abgeschlossen, da das Wrack noch nicht vollständig ausgewertet werden konnte.
Wir ergänzten den Bericht am 23. Mai mit einer Podcast-Folge, in der Chefredakteur Martin Hager die Ergebnisse einordnete. Thematisiert wurden der niedrige Kenterwinkel, die Konstruktion von Kiel und Schwert, die Rolle der „Sir Robert Baden Powell“ sowie plötzlich entstehende Gewitterzellen im Mittelmeer.
Einen Tag später folgte der ausdrücklich als Meinung gekennzeichnete Kommentar „Bayesian-Untergang: Zur falschen Zeit am falschen Ort“. Darin argumentierte Martin Hager auf Grundlage des britischen Zwischenberichts, dass pauschale Schuldzuweisungen an die Crew nicht gerechtfertigt seien. Zugleich stellte er die Frage, weshalb eine für den Charterbetrieb zugelassene Superyacht einen deutlich niedrigeren Kenterwinkel als viele moderne Serien- oder Regattayachten aufwies.
Am 21. Juni 2025 gelang schließlich der Durchbruch bei der Bergung der „Bayesian“. Der Mast war zuvor mit einem ferngesteuerten Sägewerkzeug abgetrennt und auf dem Meeresgrund abgelegt worden. Acht Hebebänder wurden unter dem Rumpf hindurchgeführt, anschließend hob das Kranschiff „Hebo Lift 10“ die Yacht aus rund 50 Metern Tiefe. Das Wrack wurde stabilisiert und nach Termini Imerese transportiert, wo britische und italienische Experten die Untersuchungen fortsetzen konnten.
Vier Tage später fragten wir unter dem Titel „‚Bayesian‘ geborgen: bald ein Superyacht-Schnäppchen?“, ob die Yacht technisch noch zu retten sei. Ein Sachverständiger erklärte, dass Korrosion unter Wasser wegen des geringeren Sauerstoffkontakts vergleichsweise langsam verlaufen könne. Nach dem Auftauchen müsse ein Wrack jedoch unverzüglich entsalzt und konserviert werden. Da die Yacht zunächst als Beweismittel gesichert war, war eine schnelle technische Behandlung nur eingeschränkt möglich.
Am 30. Juni veröffentlichten wir erste Bilder aus dem Wrack. Sie zeigten ein weitgehend zerstörtes, von Schlamm und Ablagerungen bedecktes Interieur. Salon, Niedergänge und Motorenraum waren stark beschädigt. Der abgetrennte Aluminiummast sollte gesondert geborgen werden. Die Bilder lieferten zwar einen Eindruck von den Folgen der zehn Monate unter Wasser, beantworteten aber noch nicht die entscheidende Frage nach dem ursprünglichen Flutungsweg.
Im Januar 2026 nahm der Fall eine wirtschaftlich und juristisch neue Dimension an.Wir berichteten über eine Schadenersatzklage der Italian Sea Group in Höhe von 456 Millionen Euro. Die Werftengruppe, zu der Perini Navi gehört, richtete die Klage gegen die Gesellschaft der Yacht, Lynchs Witwe Angela Bacares sowie Kapitän und Crewmitglieder. Nach Darstellung des Unternehmens hätten nicht Konstruktionsmängel, sondern versäumte Sicherheitsmaßnahmen, nicht geschlossene Öffnungen, die Kielstellung und der Umgang mit den Wetterwarnungen zum Untergang geführt. Diese Vorwürfe sind Bestandteil des Rechtsstreits und keine abschließend festgestellten Tatsachen.
Im Mai 2026 berichteten wir dann über neue Erkenntnisse der italienischen Staatsanwaltschaft. Ein von der Staatsanwaltschaft beauftragtes Wettergutachten bewertete das Ereignis demnach nicht als unbeherrschbare Naturkatastrophe, sondern als gefährliche, für eine erfahrene Crew grundsätzlich beherrschbare Gewitterbö. Damit rückten der Kapitän, der Chefmaschinist und eine Deckhand stärker in den Fokus der italienischen Ermittlungen.
Diese Bewertung stand im deutlichen Gegensatz zur britischen Untersuchung. Die MAIB hatte die geringe Stabilität der Yacht und unzureichende Angaben im Stabilitätshandbuch als wesentliche Faktoren herausgestellt. Die italienische Seite konzentrierte sich dagegen stärker auf Ankerposition, Kielstellung, Nachtwache und Reaktion der Crew. Für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.
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Chefredakteur Digital
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