Die Zahlen zeichnen ein deutliches Bild: „So schleppend wie gegenwärtig lief das Geschäft für Verkäufer noch nie“, sagt Martin Dotti vom Online-Gebrauchtboot-Portal Boat24. In manchen Monaten seien die Verkaufszahlen im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 40 Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig sei die Laufzeit einer Anzeige im Schnitt von 34 auf 52 Tage gestiegen. Und damit nicht genug. Laut Dotti müsse inzwischen fast jeder zweite Verkäufer seinen ursprünglich geforderten Verkaufspreis reduzieren, und zwar im Schnitt um immerhin 15 Prozent.
„Boote verkaufen sich derzeit nun mal nicht wie warme Semmeln“, bestätigt Bootshändler Rüdiger Sommerfeld vom Yachthandel24 in Kappeln. Sein Unternehmen verkauft seit 1995 gebrauchte Segelyachten. Bis zu einem erfolgreichen Vertragsabschluss seien heute 15 bis 20 Besichtigungen von ebenso vielen Interessenten normal, in Extremfällen seien es sogar auch mal 80. „Ein Boot ist kein Gebrauchsgegenstand, sondern reines Hobby. Die Leute lassen sich Zeit und vergleichen viele Angebote“, so Sommerfeld. Und der Sportboot-Sachverständige Uwe Gräfer aus Hamburg ergänzt: „Nur besonders gute Gebrauchte müssen selbst in diesen Zeiten nicht unter Wert verkauft werden.“
Die Ursachen für die aktuelle Situation auf dem Gebrauchtbootmarkt sind vielschichtig. Während der Pandemie erlebte der Gebrauchtbootmarkt einen beispiellosen Boom. Viele unerfahrene Käufer stiegen ein, weil Fernreisen nicht möglich waren. „Die haben aber häufig die Unterhaltskosten und auch den Arbeitsaufwand, der nun mal mit einem eigenen Boot einhergeht, massiv unterschätzt“, so Rüdiger Sommerfeld. Beispielhaft zählt er Liegeplatz, Pflege, Versicherung und Wartung auf. „Nach ein bis zwei Jahren gelangten viele zu der ernüchternden Erkenntnis: Das kann ich mir doch nicht leisten. Deren Boote stehen nun wieder zum Verkauf.“ Die Folge ist ein Überangebot, die Höfe der Makler und die Datenbanken der Online-Bootsbörsen sind voll wie selten zuvor.
Ein weiterer Faktor: der demografische Wandel der Seglerschaft. „Die ganze Szene ist recht alt, fast überaltert“, sagt Martin Dotti. Er höre jede Woche von Eignern, die aus Alters- oder gesundheitlichen Gründen verkaufen müssen. Ein Boot wird für diese Menschen und ihre Angehörigen zur Belastung, ihr Verkaufsdruck ist hoch.
Der Verhandlungsspielraum für Käufer ist entsprechend groß. Händler Rüdiger Sommerfeld nennt ein Beispiel: Eine Hallberg-Rassy 47 Baujahr 1999 habe ursprünglich 79.000 Euro kosten sollen. „Verkauft haben wir sie für 40.000 Euro“, sagt er. Der Grund: eine ausstehende Rigg-Sanierung für 20.000 Euro, die vom Käufer zu tragen war. „Das lief früher anders. In der Coronazeit konnte man Boote an den Mann bringen, die eigentlich nicht mehr verkäuflich waren“, erinnert sich der Händler.
Heute dagegen werde jeder noch so kleine Mangel als Argument für eine Preisminderung angeführt. Interessenten würden sogar einfach künftige Reparaturkosten vom geforderten Preis abziehen oder woanders kaufen. Viele Verkäufer unterschätzen das. In der Folge stehen Boote monatelang ungenutzt herum. Nicht selten fressen die anfallenden Liegekosten die Differenz zu einem später bestenfalls höher erzielten Verkaufspreis komplett auf.
Was alle drei Experten beobachten: Viel häufiger als früher ziehen Interessenten heute Gutachter hinzu. „Das ist seit drei, vier Jahren so. Hatten wir früher nie“, sagt Sommerfeld. Gräfer bestätigt: „Die Nachfrage nach fachlicher Expertise ist deutlich gestiegen.“ Für Käufer ein Vorteil. Gräfer rät: „Gehen Sie nicht in Preisverhandlungen, bevor sich ein Sachverständiger das Boot angeschaut hat. Mit einem Gutachten in der Hand haben Kaufinteressenten oft die besseren Argumente.“
Das kostet auch nicht die Welt. Gräfers Team etwa bietet für 300 Euro Video-Vorabchecks an. Insbesondere wenn ein Boot im Ausland, etwa im Mittelmeerraum, erworben werden soll, kann so ein Vorabcheck eine sinnvolle Alternative zur teuren Anreise eines Gutachters sein. Ein vollständiges Exposé schlage im Schnitt mit weniger als zwei Prozent des Kaufpreises zu Buche. „Das ist im Vergleich zu einem Fehlkauf beinahe lächerlich wenig.“
Worauf aber sollten Käufer besonders achten? „Feuchte Sandwich-Decks mit Balsa-Kernen sind ein absoluter Dealbreaker“, warnt Gutachter Gräfer. „Man sieht es nicht, aber wenn der Kern verrottet ist, liegt die Sanierung oft im Bereich des Totalschadens.“ Deshalb sei eine Feuchtigkeitsmessung unverzichtbar, nicht nur im Rumpf, sondern auch in den Decks.
Auch ein verwahrlostes Interieur sei ein Warnsignal: „Wenn es unter Deck schon ungepflegt ist, wäre es überraschend, wenn der Motor in perfektem Zustand ist. Ein gepflegter Salon dagegen ist ein Indiz, dass sich jemand generell gut ums Boot gekümmert hat.“ Solcherlei Vernachlässigung hat mitunter sogar System, weiß Rüdiger Sommerfeld aus Erfahrung. „Bei vielen Seglern heißt es: Ich höre ja sowieso in zwei Jahren auf, das muss ich nicht mehr neu machen“, so der Händler. „Das Ergebnis sind dann oft Schiffe mit erheblichem Wartungsstau.“
Ebenso problematisch: Boote, an denen unprofessionell herumgebaut wurde. Ein Extremfall sei ihm besonders in Erinnerung geblieben: „Der Eigner hat sein Schiff entkernt und zurechtgebastelt. Dabei hat er aber keine bootsbautypischen Materialien verwendet. Folglich ist die Qualität des Ausbaus fraglich. Solche Boote sind im Grunde unverkäuflich. Dem Eigner bleibt am Ende manchmal nichts anderes übrig, als das Schiff abwracken zu lassen.“
Eine weitere Veränderung im Gebrauchtbootmarkt beobachtet Martin Dotti: „Für viele Käufer ist Komfort wichtiger als Segelleistung geworden.“ Die meistgesuchten Ausstattungsmerkmale auf seiner Plattform: Bugstrahlruder, Heizung, Klimaanlage. Sommerfeld bestätigt gestiegene Ansprüche bei den Kunden. „Heute wird gefragt: Wo ist denn hier das Badezimmer? Früher war es hingegen noch ein Highlight, wenn überhaupt ein WC im Schrank verbaut war.“
Gleichzeitig hat sich die Käuferschaft verändert. „Die Leute sind früher in Segelvereinen groß geworden und wurden jahrelang von alten Hasen angeleitet“, erklärt Sommerfeld. „Heute machen sie den Sportbootführerschein und kaufen sich anschließend sofort ein Boot. Manche Käufer haben entsprechend wenig Ahnung.“
Bei der Markenwahl sind sich die Experten weitgehend einig. „Die skandinavischen Hersteller liefern gute Qualität“, sagt Gräfer. Er nennt Hallberg-Rassy, Najad und Malö. Auch Moody, früher England, und Victoire aus den Niederlanden seien empfehlenswert. Problematischer sieht er Großserienhersteller: „Da gibt es eine sehr starke Qualitätsstreuung. Die ersten Yachten aus einer Serie haben oft Schwachstellen.“ Sommerfeld differenziert: „Hallberg-Rassy, Najad, Swan – das sind hochwertige Schiffe mit viel Handarbeit. Serienboote wie Bavaria und Hanse sind gut verkäuflich, weil sie viel Platz bieten und kostengünstig sind, haben aber manchmal Qualitätsmängel.“
Quelle: Boat24
Günstige Gelegenheiten finden sich fernab deutscher Gewässer. „Boote in der Türkei oder Griechenland sind hier wie dort momentan extrem schwierig zu verkaufen“, erzählt Martin Dotti. Wer eine Überführung ins Heimatrevier selbst oder aber günstig organisieren kann oder das Boot sogar direkt vor Ort nutzen möchte, kann mit etwas Glück ein richtiges Schnäppchen machen. Die Verkäufer in den genannten Ländern seien überaus verhandlungsbereit. Um das finanzielle Risiko schon vor dem ersten Flug zu minimieren, empfiehlt es sich bei weiten Anreisen, den bereits erwähnten digitalen Vorabcheck von einem Gutachter durchführen zu lassen.
Das Urteil der Experten ist eindeutig: 2026 ist ein gutes Jahr für Käufer. Die Auswahl ist groß. Ältere Boote aus den 80er-Jahren seien oft besser gebaut als moderne Serienproduktion, allerdings eher für Käufer geeignet, die handwerklich versiert sind oder ausreichend finanzielle Mittel für eine professionelle Überholung zur Verfügung haben. Wer Geduld mitbringt, vergleicht, Gutachter hinzuzieht und selbstbewusst verhandelt, kann viel Geld sparen. In jedem Fall sind heute erstklassige Yachten zu Konditionen zu haben, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wären.
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