Renate Weineck: Natürlich steckt noch ein bisschen mehr dahinter. Ich war schon immer jemand, der gerne selbst entscheidet. Das kann ich auf dem Boot. Ich bin nicht so gebunden wie im Straßenverkehr. Ich hatte damals überlegt, ob ich mir ein Wohnmobil kaufen oder wieder ein Boot anschaffen sollte. Beim Wohnmobil wäre ich im Straßenverkehr unterwegs gewesen, hätte auf den Verkehr achten müssen und dabei eigentlich wenig von der Gegend gesehen. Beim Bootfahren ist bereits die Fahrt selbst ein reines Vergnügen.
Mein Mann ist sechs Tage vor unserer Silberhochzeit gestorben. Wir waren sehr lange zusammen und sind immer gemeinsam Boot gefahren. Unser zweites Hobby war das Tanzen: Im Winter tanzten wir, im Sommer waren wir mit dem Boot unterwegs. Beides war dann auf einmal weg. Mein Mann war insgesamt etwa neun Monate krank, bevor er starb. Dadurch konnte ich mich ein Stück weit darauf einstellen, weil ich wusste, dass es nicht mehr so werden würde wie früher.
Meine Kinder und vor allem meine Enkel haben mir sehr geholfen. Sie waren damals noch relativ klein, etwa vier Jahre alt und bekamen den Verlust nicht so richtig mit. Sie haben mich abgelenkt und das tat gut. So kam ich langsam wieder ins Leben zurück. Nach etwa einem Jahr begann ich darüber nachzudenken, was ich mit unserem Boot machen sollte. Mit diesem Boot hätte ich nicht allein fahren können. Also beschloss ich zunächst, es zu verkaufen. Als das in Gang kam, stellte sich die nächste Frage: Was mache ich jetzt? Kaufe ich mir ein neues Boot? Ich habe damals unter anderem beim BOOTE-Magazin angefragt, welche Bootstypen für mich infrage kommen könnten.
Ich lerne, damit umzugehen. Aber natürlich gibt es immer wieder Momente, in denen es sehr wehtut. Vorgestern erst ist etwas Merkwürdiges passiert: Ich habe im Fernsehen ein Konzert von André Rieu gesehen. Sie spielten „Rosen aus dem Süden“, einen schönen Walzer, zu dem mein Mann und ich immer sehr gerne getanzt haben. Da kamen mir wieder die Tränen.
Manchmal schon. Vor allem, wenn ich gerade wieder einen Horrortrip hinter mir habe. Dann denke ich: „Das hat doch tatsächlich geklappt.“ Am Samstag bin ich von Ystad hierher nach Wieck gefahren. Das war etwas heftig, weil die Wettervorhersage nicht das angekündigt hatte, was tatsächlich los war.
Natürlich fühlt man sich dann unwohl. Aber ich habe mir abgewöhnt, darüber nachzudenken, was alles passieren könnte. Wenn ich mir das ständig ausmalen würde, bräuchte ich gar nicht erst loszufahren.
Renate Weineck: Das kommt häufiger vor. Die Leute schauen dann und fragen sich: Wo ist denn die zweite Person? Andererseits sind die Menschen sehr hilfsbereit und das nehme ich natürlich auch gerne an, wenn das Anlegen etwas schwierig ist. In schwedischen Häfen gibt es manchmal nur sehr kleine Ringe zum Festmachen. Wie soll ich vom Boot aus mit dem Bootshaken an diese Ringe kommen? Mein großer Bootshaken passt dort gar nicht hinein. Dann ist man darauf angewiesen, dass jemand hilft. Bisher hat das aber immer gut geklappt.
Doch, natürlich. Gerade wenn man zwischen Dalben hineinfährt und weit und breit niemand zu sehen ist. Dann mache ich zunächst hinten meine beiden Heckleinen fest. Währenddessen weiß man manchmal nicht, was mit dem Bug passiert und wohin das Boot inzwischen abgetrieben ist.
Ich mache mein Winterlager beim Bootscenter Wolgast. Das ist eine kleine Werft, die Winterlager anbietet und im Winter alles erledigt, was ansteht – Inspektionen und andere Arbeiten. Wenn kleinere Reparaturen notwendig sind, organisieren die Mitarbeiter entweder jemanden, der zu mir kommt oder sie kümmern sich selbst darum. Das hat bisher immer gut funktioniert.
Damit kann ich gut umgehen. Einsamkeit war für mich noch nie ein Problem. Ich habe ungefähr einen Meter Bücher dabei, dazu meinen E-Book-Reader. Wenn ich alles gelesen habe, kann ich mir neue Bücher herunterladen. In vielen Häfen gibt es außerdem Tauschregale. Hier in Wieck kann man ausgelesene Bücher beim Hafenmeister abgeben. Dort stehen dann andere Bücher, aus denen man sich wieder etwas aussuchen kann.
Ich war selbst erstaunt über die vielen Kommentare. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Wenn man vor allem andere Frauen dazu ermutigen kann, Dinge allein zu tun und zu erkennen, dass sie nicht auf Männer angewiesen sind, dann finde ich das natürlich großartig. Als Vorbild sehe ich mich selbst aber eigentlich nicht. Ich habe mich einfach getraut. Und warum sollten andere Menschen das nicht auch machen?
Sie sehen das ganz locker und sind genauso entspannt wie ich. Als ich mir einen neuen Kartenplotter einbauen ließ, habe ich darauf geachtet, dass er über ein aktives AIS verfügt. So können meine Kinder jederzeit nachsehen, wo ich bin. Das wird auch regelmäßig verfolgt. Ansonsten sagen sie: „Mama, du schaffst das schon.“ In der ersten Saison mit dem neuen Boot bin ich zunächst in meinem Heimatrevier auf dem Rhein gefahren. Meine Enkel konnten damals noch mitkommen und fanden das großartig. Wenn ein Frachter kam, sagte ich: „Jetzt schaukelt es gleich, haltet euch schön fest.“ Dann schaukelte es, und sie hielten sich fest. Beim nächsten Frachter passierte dasselbe. Irgendwann war es wieder ruhig, und dann fragten sie: „Oma, wann schaukelt es denn wieder?“
Immer mit der Ruhe. Langsam und ohne Hektik. Das ist wirklich das Beste. Man muss abwarten, wie das Boot in diesem Moment reagiert: Woher kommt der Wind? Woher kommen die Wellen? Bloß keine Hektik.
Das Interview führte Timm Kruse.
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