Die Inspiration für den Ipsum 45 ist unverkennbar. Das Projekt zitiert die schlanken Trimaran-Entwürfe der siebziger und achtziger Jahre und insbesondere Mike Birchs „Olympus“, mit der der Kanadier 1978 die erste Route du Rhum gewann. Auch die Arbeiten der Mehrrumpf-Pioniere Dick Newick, Jim Brown, Derek Kelsall, Arthur Piver und James Wharram dienten den Entwicklern als Vorbilder. Unter der bewusst klassisch anmutenden Hülle steckt jedoch ein modernes Performance-Konzept.
Verantwortlich für das Projekt ist das französische Studio AWA (Apparent Wind Activities), gegründet von Naval Architekt Loïc Goepfert und dem Designer Julien Boucher. Beide waren unter anderem an der Entwicklung des jüngsten Maxi-Trimarans „Gitana 18 / Edmond de Rothschild“ beteiligt. Konstrukteur Guillaume Verdier und sein Team zeichneten die Rümpfe des Ipsum 45 und optimierten sie mithilfe von komplexen Strömungssimulationen.
Der 14,20 Meter lange und 9,15 Meter breite Trimaran ist nicht als reiner Foiler ausgelegt. Kleine Tragflächen mit Winglets an den Schwimmern sollen vielmehr einen sogenannten Skimming-Effekt erzeugen: Sie entlasten die Leeschwimmer mit dynamischem Auftrieb, reduzieren damit deren Eintauchtiefe und sollen zugleich die Bewegungen im Seegang dämpfen. Der Ipsum 45 soll damit nicht vollständig abheben, sondern leichter und kontrollierter über das Wasser gleiten.
Groß ist der Spielraum beim Rigg. Das Konzept wurde von Beginn an auch für das selbsttragende und automatisierte ACC-Wing-Sail ausgelegt. Nach Angaben der Entwickler soll der Flügel gegenüber einer konventionellen Besegelung deutlich mehr Auftrieb erzeugen und zugleich die Bedienung vereinfachen. Als bewusst konventionellere Alternative ist ein klassisches Rigg vorgesehen, dessen Auslegung sich an den jünsten Konstruktionen schneller Regattaboote orientiert, zum Beispiel an der Pogo 40 S4.
Die radikalste Idee betrifft jedoch nicht das Rigg, sondern den Aufbau. Anstelle schmaler Querträger mit Trampolinen sollen aerodynamisch verkleidete und begehbare Verbindungsarme zwischen Mittelrumpf und Schwimmern eingebaut werden. Darin sollen sich ein oder zwei separat zugängliche Wohnmodule im Stil von kompakten Lofts unterbringen lassen. Sogar eigene Nasszellen in den Schwimmern sind vorgesehen.
Alternativ können die seitlichen Bereiche als Lager für Surfboards, Kite-, Wingfoil- oder Tauchausrüstung dienen. Wer es klassischer bevorzugt, kann den Ipsum 45 weiterhin mit zwei herkömmlichen Beams und Trampolinen konfigurieren. Auch bei Material und Erscheinungsbild reicht die Bandbreite nach Angaben der Entwickler von einer Vollkarbon-Ausführung mit aerodynamischen Verkleidungen bis zu einem Aufbau aus Holz mit sichtbaren Oberflächen.
Das Produktionskonzept folgt dennoch der gleichen Idee. Hoch belastete Strukturteile sollen als vorgefertigtes „Core Kit“ von spezialisierten Zulieferern entstehen und zusammen mit den gewählten Modulen in 40-Fuß-Containern verschickt werden können. Montage und Ausbau könnten anschließend bei einer Werft nach Wahl des Eigners erfolgen. Damit positioniert AWA den Ipsum 45 weniger als Serienboot denn als individuell ausgestaltete Plattform – irgendwo zwischen professionellem Hightech-Bau, Semi-Custom-Yacht und modern interpretiertem Selbstbauprojekt.

Redakteur Test & Technik
Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.