Liebe Leserinnen und Leser,
am vergangenen Wochenende kamen zwei Segler auf dem Bodensee um. Sie waren mit ihrem 15er-Jollenkreuzer auf einem Zubringer zur Traditionsveranstaltung „Regatta der Eisernen“ vor Konstanz gekentert, aus noch ungeklärter Ursache. Die beiden Segler konnten aus dem acht Grad kalten Wasser nur noch tot geborgen werden.
Die Regatta wurde sofort abgesagt, die Anteilnahme und Trauer waren groß, die gemeldeten Teilnehmer wollen ihre Startgelder den Hinterbliebenen spenden.
Wie fast zu erwarten, gab es sofort Stimmen in den bekannten sozialen Kanälen, die nach dem Sinn solcher Regatten fragten. Vielmehr nach dem Sinn des Zeitpunktes.
Allerorten werden in Deutschland Winterregatten gesegelt. Aber ist das Risiko in Anbetracht der geringen Wassertemperaturen nicht zu hoch? Nehmen die Teilnehmer dieses Risiko billigend in Kauf, riskieren aufwändige Rettungsaktionen und im Zweifelsfall ihr Leben? Und das nur, um ja noch einmal aufs Wasser zu kommen. Als wäre der Sommer nicht lang genug.
Wer solche Fragen stellt, kann dies nur mit einer Konsequenz tun: Ab einem bestimmten Zeitpunkt im Jahr, oder ab gewissen Wassertemperaturen, Regatten zu verbieten. Oder gleich das Segeln selbst. Denn schließlich geschah der Unfall nicht direkt während einer Regatta, sondern während eines quasi privaten Törns zur Teilnahme an dieser, bei dem es keine äußere Absicherung gab.
Es ist nicht bekannt, ob es bei dieser Art Regatten mehr Un- oder gar Todesfälle gibt als bei solchen im Sommer. Aber die Logik sagt: Wenn es so wäre, würden diese Regatten wohl nicht mehr gesegelt werden.
Außerdem sollten Regatten im Winter ebenso, oder gar mehr, abgesichert sein wie solche im Sommer. Also mit Begleitbooten, die schnell zur Stelle sind, falls jemand über Bord geht oder das Boot kentert. Und mit entsprechender Kleidung, wie Neopren- oder Trockenanzug, kann man die Zeit bis zur Unterkühlung drastisch verlängern.
Das Risiko, auf kaltem Wasser zu regattieren, ist also gar nicht so hoch, wie es scheinen mag.
Über den Sinn dagegen kann man wohl streiten. Ich erinnere mich noch heute, wie ich vor fast vier Jahrzehnten beim Wintertraining mit dem Finn Dinghy morgens erst einmal die steif gefrorene Großschot auf eine Heizung legen musste, damit sie wieder gängig wurde, wie sich beim Segeln von der Spray Eiszapfen unter der Scheuerleiste bildeten, aus Ostsee-Salzwasser wohlgemerkt. Wie wir nach dem Training mit mehreren Jungs in einem siedend heißen Badebecken saßen und hätten schreien können vor Schmerzen, wenn die gefrorenen Hände und Füße auftauten. Dass solcherart Trainingseinheiten sinnvoll waren, wage ich zu bezweifeln. Und mich zieht es bis heute nicht in der kalten Jahreszeit auf heimische Reviere.
Aber das, um wieder zum Thema zu kommen, soll doch gern jeder selbst entscheiden. Für mich ist ein Ruf nach einem Wintersegelverbot, worauf die ganze Diskussion hinauslaufen würde, wieder einmal ein typisches Beispiel für die grassierende Absicherungsmentalität. Als ob wir nicht schon genug Regeln und Verbote hätten. Mir kommt da immer der Hinweis auf dem Kochherd in den Sinn: „Achtung, Platte kann heiß werden“.
Winterregatten sind gut gemeinte Freizeitangebote. Niemand wird gezwungen, an einer solchen teilzunehmen. Jeder unterschreibt, wie auch bei Sommerregatten, dass er oder sie auf eigenes Risiko teilnimmt. Und so soll es doch auch sein, oder? Selbstbestimmung, freie Entscheidung.
Chefredakteur YACHT Digital
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