Antonia von Lamezan
· 27.04.2026
Lennart Burke: Ich bin noch ein bisschen erschöpft, aber gleichzeitig geflasht von der Ankunft. Irgendwie kribbelt es aber auch schon wieder und das macht mir Angst, denn es war ja nicht immer einfach. Wir hatten viele Höhen und Tiefen. Man hat sich mehr als einmal gefragt, was man hier überhaupt macht und sich selbst geschworen, das nie wieder zu machen. Und nun ist man an Land und vergisst das alles wieder. Das ist verrückt. Es ist also noch ein emotionales Karussell. Ich freue mich aber sehr auf unsere Rückkehr nach Deutschland.
Melwin Fink: Mir geht es ähnlich. Ich bin auch noch ein bisschen erschöpft. Ganz erholt sind wir noch nicht. Es war eine ganz schön harte Tour - die gesamten letzten acht Monate waren hart. Das muss man jetzt erst mal sacken lassen. Aber das Kribbeln ist da. Erst recht mit unserem Ergebnis. Wir sind sehr gut gesegelt, hatten aber den Schaden unterwegs. Deshalb steht die komplette Weltumsegelung noch aus, das macht das Kribbeln so stark. 2028 wollen wir auf jeden Fall wieder dabei sein.
Melwin Fink: Das war eine harte Nummer. Wir waren seit einer Woche im Rennen der dritten Etappe, in der es von La Réunion im Indischen Ozean nach Sydney, Australien ging. Das ist eine weite Strecke, 5.500 Seemeilen. Wir hatten eine Woche lang sehr wechselhafte Bedingungen. Es war Leichtwind und wir mussten uns regelrecht in den Süden kämpfen. Nach einer Woche waren wir endlich im Wind angekommen, kurz vorm 40. Breitengrad, in den „Roaring Forties“. Es waren perfekte Bedingungen für unser Schiff, endlich konnten wir Gas geben. Wir lagen auf Platz drei, nur 20 Meilen hinter den Ersten.
Dann kam unsere erste ordentliche Nacht mit über 20 Knoten Bootsspeed. Ich hatte Schicht, Lennart hat sich schlafen gelegt. Nach nicht mal einer halben Stunde hat es geknallt. Ich saß unter unserem überdachten Cockpit, habe nach oben geguckt und gesehen, dass unser D2-Want herunter baumelte. Mein erster Gedanke: ‘Want gerissen, kann passieren’. Ich habe das Boot abfallen lassen, Lennart geweckt und wir haben gemeinsam die Segel geborgen. Dann haben wir herausgefunden, dass nicht nur das Want raus ist, sondern die ganze Spreaderbar, das Verbindungsstück zwischen Saling und Mast, gebrochen ist. Unsere obere Saling wurde nur noch durch den Druck der Oberwanten an den Mast gedrückt. Das hat die Situation gravierend verändert.
Lennart Burke: Uns war klar, dass unser Mast damit ziemlich instabil ist und vielleicht jeden Moment bricht. Wir sind keine Mastenbauer, wussten also nicht, wie viel Belastung noch möglich ist. Im Südmeer kommt allerdings ein Tiefdruckgebiet nach dem anderen, die Stürme wechseln sich im Tagestakt ab. Also war für uns klar: erstmal ab nach Norden, um in Sicherheit zu kommen. Das nächstgelegene Land war zu dem Zeitpunkt noch La Réunion, 1.500 Meilen entfernt. Wobei - genau genommen gab es nur 200 Seemeilen entfernt noch zwei kleine Inseln, aber dort gab es keinen Hafen. Wir hätten ankern und Diesel bunkern können, aber Diesel war in dieser Situation wirklich unser kleinstes Problem.
Auf dem Weg zurück nach Norden haben wir uns einen Plan gemacht. Was ist die sicherste Route? Der kürzeste Weg ist nicht immer auch der schnellste und sicherste. Je weiter wir in den Norden kamen, desto ruhiger wurde das Wetter. Nach Sydney weiterzufahren war leider ein No-Go: Australien ist für uns Deutsche ja wirklich das andere Ende der Welt. Ein komplett anderes Land, andere Sitten, andere Menschen, andere Währung. Die Flugverbindungen von dort aus sind deutlich schlechter. La Réunion hingegen ist quasi Frankreich, was vieles für uns einfacher macht. Dennoch haben wir uns mit der Entscheidung sehr schwer getan. Nach fast 24 Stunden haben wir uns für La Réunion entschieden, als dem vertretbarsten Ziel.
Melwin Fink: Es war ziemlich hart. Wir haben versucht, einen kühlen Kopf zu bewahren und die Situation objektiv zu betrachten: Was haben wir für Optionen? Im Kern ging es um unsere Sicherheit. Wir haben viel diskutiert, Checklisten geschrieben, überlegt, wie wir das machen können. Extrem hart fand ich den Tag vor der Ankunft auf La Réunion. Da habe ich alles in Frage gestellt: War das das Schlauste? Hätten wir nicht doch auch etwas anderes machen können? Haben wir zu wenig gekämpft?
Im Nachhinein haben sich diese Zweifel aufgelöst, ich bin überglücklich, dass wir es genauso gemacht haben. Aber der Moment, kurz bevor du wieder dort ankommst, wo du gestartet bist, anders als du geplant hattest, ist schrecklich.
Lennart Burke: Die anderen sind genau an dem Tag, an dem wir wieder in La Réunion ankamen, am eigentlichen Ziel, in Australien angekommen. Wäre unser Rigg heilgeblieben, wären wir auch an dem Tag dort angekommen. Die Kombination aus allem tut unfassbar weh und hat mich viel zweifeln lassen. Aber jetzt bin ich mit der Situation zufrieden, es war alles richtig.
Melwin Fink: Wir gehen von Lufteinschlüssen im Material aus, aber das Teil wird gerade noch geröntgt. Am Ende kannst du es nie genau sagen, weil das Teil ja zwei Wochen nach dem Bruch noch mit uns gesegelt ist.
Lennart Burke: Wir waren unheimlich dankbar, dass wir überhaupt die Gelegenheit bekamen, wieder einzusteigen. Es war extrem wichtig für uns, das Rennen abschließen zu können und nicht mittendrin abbrechen zu müssen. Mit allen anderen Schiffen ins Ziel zu kommen war mental sehr wichtig. Wir wollten unbedingt noch mal zeigen, was wir können. Die Weltumsegelung sollte nicht nur einen Traum erfüllen, sondern auch uns als Segler neu profilieren. Wir konnten dann zumindest zum Teil noch mal beweisen, dass wir Ehrgeiz haben, Biss, und uns nicht so schnell unterkriegen lassen.
Melwin Fink: Nein, tatsächlich nicht. Ich hatte schon ein blödes Gefühl, als die anderen ankamen, ihre Weltumsegelung beendet haben und wir nicht. Bei der Siegerehrung der Etappe, die wir nicht mitgesegelt sind, haben wir die ganzen Geschichten gehört. Ich dachte: ‘Ich habe hier eine kleine Überführung in Badehose über den Atlantik gemacht - die anderen Jungs sind gerade ums Kap Hoorn gesegelt. Hätte ich auch gern gemacht.’ Aber man muss sich klarmachen, wie toll es ist, dass man überhaupt da ist. Damit hatte auch keiner gerechnet. Alle waren superglücklich, dass wir wieder dabei waren. Natürlich hätten wir aber am liebsten die gesamte Regatta erlebt.
Lennart Burke: Eine Sache wäre, dass wir uns mehr als vier Monate Vorbereitungszeit nehmen. Immerhin hatte aber die kurze Vorbereitungszeit nichts mit unserem Ausscheiden zu tun, das macht mich glücklich. Trotzdem: Ein großer Schritt wird sein, sich besser vorzubereiten. Länger, mit mehr Ruhe. Für uns war es mental sehr hart: Alles ging Schlag auf Schlag: Segeln, Boot bauen, Sponsoren. Das war ein sehr aktiver Cocktail, aber wir wollen es auch nicht missen.
Lennart Burke: Wir sind hier im Mekka des Hochseesegelns. Melwin und ich sind hier schon seit sechs, sieben Jahren aktiv und kennen dadurch viele Leute, unter anderem Boris. Er ist mir hier kürzlich über den Weg gelaufen und hat mich zum IMOCA-Segeln eingeladen. Eine tolle Chance, sich weiter zu vernetzen, Erfahrung zu sammeln und das Leben hier zu genießen, bevor es zurück nach Deutschland geht.
Melwin Fink: Schon am Anfang haben wir gesagt, diese Weltumsegelung schließen wir in Hamburg ab. Dort, wo wir bei mir in der Küche den Entschluss zur Teilnahme an der Globe40 gefasst haben. Eigentlich war geplant, im City Sportboothafen längsseits zu gehen, eine Kiste Bier hinzustellen, mit den besten Freunden anzustoßen, in Segelklamotten nach Hause zu laufen und zu duschen.
Jetzt ist daraus etwas größeres entstanden, weil sich noch viele eingeklinkt haben. Wenn wir in die Elbe einlaufen, werden Freunde und Bekannte uns mit Booten entgegenkommen. Anlegen werden wir dann in der HafenCity, wo eine große Party mit DJ auf uns wartet.
Lennart Burke: Genau. Eigentlich wollten wir mit einer Kiste Bier am Steg stehen, ganz bodenständig, wie wir es eigentlich am liebsten haben. Aber über die letzten Monate haben wir gemerkt, dass wir etwas viel Größeres geschaffen haben mit dieser Globe-Kampagne. Wir haben so viele Interaktionen online gehabt, Kommentare, Likes, Privatnachrichten. Wir können nicht einfach nur mit einer Kiste Bier am Steg stehen. Wir wollen den Menschen, die uns begleitet haben, die Chance geben, mit uns zu feiern zurück nach Hause zu kommen, dorthin wo alles begann.
Lennart Burke: Die eine oder andere Träne wird fallen. Vielleicht eher nicht bei Melwin und mir, wir sind da eher schlecht drin. Aber es wird für uns ein sehr emotionaler Moment, weil wir dann wissen: Es ist vorbei. In Hamburg werden wir dann die Menschenmassen sehen, unsere Familien, unsere Sponsoren, alle an einem Fleck. Bei Social Media siehst du nur Zahlen, triffst die Menschen aber nicht wirklich. An dem Tag wird es dann wirklich groß. Wir freuen uns darauf, alle auf einmal zu sehen.
Melwin Fink: Ich glaube, das wird sehr emotional. Tränen hatte ich bisher nicht, aber ich möchte nicht ausschließen, dass da eine Träne kommt.
Melwin Fink: Sehr beeindruckend. Beeindruckend auf so vielen Ebenen.
Lennart Burke: Ich kann es nicht auf ein Wort reduzieren, dafür war es zu groß. Aber was mir immer in den Kopf kommt: das Finish in La Réunion, wo wir nach 600 Seemeilen Rückstand noch Zweiter wurden und richtig Wellen geschlagen haben. So viele Leute, die mitgefiebert haben. Der Veranstalter war völlig baff, was online passiert ist. Die Resonanz, die Nachrichten, alles explodierte in einem Ausmaß, wie ich es vorher noch nie erlebt habe. Gigantisch.
Das Interview gibt’s auch als Podcast, alle Infos finden Sie HIER.

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