Liebe Leserinnen und Leser,
heutzutage werden Klimaaktionen auf Segelbooten zu schnell als Aktivismus oder Greenwashing abgetan. In den letzten Jahren kam es zu mehreren Segeltörns im Namen des Umweltschutzes. Ob Greta Thunbergs Atlantik-Transit auf der „Malizia II“ oder die Protesttour der Deutschen Umwelthilfe mit Luisa Neubauer an Bord der „Malizia Explorer“ im Juni 2026 – Yachten werden zunehmend als politische Bühnen genutzt. Die Bilder von Protesten vor der Ölplattform „Mittelplate“ oder im Wattenmeer erzeugen maximale Reichweite für Umweltthemen, sorgen an den Stegen aber häufig für Gegenwind.
Vor allem in den Kommentarspalten auf Social Media gibt es regelmäßig Kritik: „Ich persönlich kann beim besten Willen keine Verbindung zwischen Klimaschutz und Highend-Hochseeregattasegeln ziehen.“ An anderer Stelle heißt es: „Schade, dass sich die Berichterstattung zu politischer Propaganda hinreißen lässt. Der Mehrwert an bzw. seglerisch relevantem Inhalt ist absolut null.“ Für viele Beobachter sind diese Projekte offenbar scheinheilig. Hier segeln prominente Gesichter unter grüner Flagge, während im Hintergrund eine große Logistikmaschinerie läuft, samt Hin- und Rückflügen der gesamten Crew. Wenn man auf die nackte Klimabilanz dieser Törns schaut, seien diese unterm Strich negativ. Alle Beteiligten gewännen an Aufmerksamkeit unter dem Deckmantel des Klimaschutzes und des Segelns, während der Sache aus Sicht der Kritiker im Kern nicht geholfen werde.
Die Argumente der Gegenseite sind klar. Wer sich nur auf diese Dimension beschränkt, denkt meiner Meinung nach zu kurz. Gerade die Reisen der „Malizia Explorer“ sind keineswegs reine PR-Stunts. Das Boot dient im Grunde als schwimmendes Labor und erreicht als kleine Expeditionsplattform Regionen, die von den großen, klassischen Forschungsschiffen kaum angesteuert werden können.
Daten aus diesen abgelegenen Meeresgebieten sind extrem rar. Auch wenn die gesammelte Datenmenge im Vergleich zu den großen Instituten klein sein mag, können die gewonnenen Erkenntnisse für die Klima- und Meeresforschung sehr wertvoll sein. Das bestätige anderem auch Dr. Michael Naumann vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde. In einem Projekt arbeiten die Forscher mit Fischern und Seglern zusammen, um Daten aus den niedrigen, mit Forschungsschiffen schwer zu erreichenden Regionen der Ostsee zu gewinnen.
Wenn Luisa Neubauer die Bühne eines Segeltörns nutzt, leistet sie klassische Bildungsarbeit an Bord und verbreitet faktenbasierte Storys über den Umweltzustand der Antarktis oder das Leben auf dem Wasser. So lässt sich eine Öffentlichkeit erreichen, die ohne solche Aktionen unzugänglich bliebe. Die potenziell positive Wirkung auf das Verständnis der Menschen für den Klimawandel rechtfertigt also den ökologischen Fußabdruck. Dieser fällt bei diesen Expeditionen, wie festgestellt, zwar negativ aus, doch das übergeordnete Ziel wiegt schwerer.
Auch völlig abseits von Politik und Wissenschaft sind diese Törns mit beachtlichen seglerischen Leistungen verbunden. Es ist sehr anspruchsvoll, über einen Monat in solchen Revieren zu segeln. Die Faszination, sich klimaneutral durch eine so lebensfeindliche Landschaft fortzubewegen, findet sich schließlich auch in der Berichterstattung über die Expeditionstörns wieder.
So kann auch der Segelsport von der Aufmerksamkeit profitieren. Er ist eine nachhaltige Alternative zur Fortbewegung oder zum Reisen auf dem Wasser, insbesondere wenn man die Langlebigkeit der Segelboote in die Rechnung aufnimmt. Das birgt die Chance, dass Menschen, die sonst keinen Kontakt zum Segelsport haben, so erst auf diese Art zu Reisen aufmerksam gemacht werden.
Wenn es also gelingt, eine breite Öffentlichkeit und die Politik durch Segelaktionen zum Thema Umweltschutz zu sensibilisieren, erreicht man eine große Wirkung mit einer vergleichsweise kleinen Aktion. Dass das funktionieren kann, zeigte zuletzt die Fridays-for-Future-Bewegung, die aus dem Schulstreik einer Greta Thunberg entsprang. Ein kleiner Stein kann schnell eine große Lawine ins Rollen bringen. Wer hier reflexartig nur Scheinheiligkeit vorwirft, denkt einfach zu kurz und hat das übergeordnete Ziel dieser Törns meiner Meinung nach schlicht nicht verstanden.
David Ingelfinger
YACHT-Volontär
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