Liebe Leserinnen und Leser,
wenn ich durch meinen Instagram Feed scrolle, sehe ich praktisch am laufenden Band folgendes: Ein Zusammenschnitt aus Drohnenbildern von einem ankernden Segelboot, Delphine vorm Sonnenuntergang, ein Kopfsprung von Deck. Das alles untermalt mit Musik, die zum Träumen anregt und darunter die Botschaft: „Andere bauen ein Haus, gründen eine Familie, sitzen im Büro. Und wir so…“.
Noch nie konnte man so vielen Menschen beim Segeln zusehen wie heute. Die Szene auf Social Media ist mittlerweile riesig. Content Creator unter Segeln erreichen ein Millionenpublikum. Eines der bekanntesten Beispiele ist die Blauwasser-Familie von „Sailing la Vagabonde“ mit rund 1,9 Millionen Youtube-Abonnenten. Die Kanäle zeigen eine Mischung aus Reiseblog, Reality-Show und Lifestyle-Vlog. Erfolgreich sind sie, weil sie Abenteuer, exotische Ziele und persönliche Geschichten kombinieren. Und: Viele der Segel-Influencer haben mit wenig oder gar keiner Segelerfahrung angefangen. So wie die vier Jungs in dem Dokumentarfilm „Segeljungs – mit Null Ahnung um die Welt“, der demnächst in die Kinos kommt. Der Film erzählt von Freundschaft und dem Erwachsenwerden, von Freiheit, Abenteuer und einer gehörigen Portion Mut - oder Naivität?
Die Planlosigkeit macht sie für viele „Träumer“ nahbarer und erzeugt eine starke Botschaft: „Wenn die das können, kann ich das auch.“ – zumindest theoretisch. Das ist inspirierend – aber auch ein bisschen problematisch. Denn wie so vieles in den Sozialen Medien, schüren Vergleiche nicht nur Motivation, sondern auch unrealistische Erwartungen an das eigene Leben. Denn viele der Weltumsegler-Kanäle erzählen dieselbe „einfache“ Geschichte: Bürojob kündigen, Boot kaufen, Welt umsegeln. Als wäre es das einfachste der Welt. Die Story trifft einen Nerv. Die universelle Sehnsucht danach, aus dem gewöhnlichen Leben auszubrechen. Freiheit, Natur, Selbstbestimmung. Das Segelboot wird dabei zur Projektionsfläche für ein alternatives Leben.
Zur Wahrheit gehört aber, dass diese Menschen auch nicht nur von Seeluft und guten Winden leben. Die meisten von ihnen sind auf Sponsoren und Einnahmen von Plattformen wie Youtube und Patreon angewiesen – also auf eine Community, die sie unterstützt. Das Bild vom „billigen Leben auf See“ stimmt daher nur bedingt und viele dieser Kanäle werden immer stärker zu Marketingplattformen. Manchmal geht dabei der eigentliche Segelcontent – und die Authentizität - in den Markenbotschaften verloren. Und auch wenn viele Influencer sich „mehr Realität“ auf die Fahne geschrieben haben – am Ende belohnt der Algorithmus eben doch die Delfine vorm Sonnenuntergang und nicht die monatelangen Reparaturen. Außer natürlich, es gibt Drama. Konflikte, Seekrankheit, Sturm und Emotionen funktionieren immer. Und so wird der Algorithmus zum Navigator.
Was ich spannend finde, ist die Frage, welchen Effekt diese Darstellung und Wahrnehmung des Wassersports auf die Segelszene hat. Machen Segel-Influencer den Sport populärer oder romantisieren sie ihn zu sehr? Oder zugespitzt: Früher lernte man segeln und träumte dann von der Weltumsegelung. Heute träumt man zuerst – und lernt dafür segeln.
Es gibt keine Zahlen, die meine These stützen, aber ich glaube, dass Segeln heute außerhalb der Szene, in der breiten Bevölkerung, sichtbarer ist als je zuvor. Junge Menschen entdecken den Sport, die nicht über die Familie und Vereinsmitgliedschaften damit aufgewachsen sind. Vielleicht steht tatsächlich an erster Stelle ein romantisiertes Bild von Abenteuer und das Interesse am Boot und am Segeln ist dann nur das Vehikel. Viele der zweiten Generation segelnder Digital-Nomaden sagen, dass sie erst durch diese Videos zum Segeln gekommen sind. Die klassische Segelbiografie ist häufig nicht mehr: Opti, Vereinsregatten, erster Törn, eigenes Boot. Sondern: Videos gesehen, Boot gekauft, Segeln gelernt. Das Potential zu scheitern ist hier natürlich größer. Bei den vier Jungs aus Oberbayern ist es geglückt. Die Zahl derer, die dann tatsächlich ihre Jobs kündigen, die Ozeane besegeln und davon zumindest eine gewisse Zeit von leben können, ist vermutlich verschwindend gering. Aber auch wenn es am Ende nur der Segelschein in der Tasche und das Hafenbier am heimischen Steg, anstatt der Kokosnuss, barfuß am Steuer ist, bezweifle ich, dass irgendjemand es je bereut hat, Segeln gelernt zu haben.
Jill Grigoleit
YACHT-Redakteur
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