Liebe Leserinnen und Leser,
„Typischer Wohnwagen”, „Das hat doch mit Segeln nichts mehr zu tun“, „Geht doch zum Chillen in ein Beauty-Resort“, Reaktionen auf die Vorstellung der neuen Hanse 590.
„Wohnzimmer mit Bootshaus drum herum“, „Idee für den nächsten Aprilscherz-Artikel: Katamaran mit fünf Geschossen über Wasser … Wobei es jetzt auch nicht sooo weit von den aktuellen Modellen entfernt wäre“, Kommentare zu den Neuheiten im Bereich der Mehrrumpfer.
„Selten ein hässlicheres Wasserfahrzeug gesehen“, „Ästhetisch extrem hässlich“, Meinungen zur neuen Sunbeam 29.1.
Die Zitate stammen aus entsprechenden Beträgen zu den genannten neuen Booten auf der YACHT-Facebookseite. Dort sind auch anderslautende Meinungen zu lesen, natürlich. Aber ich frage mich: warum dieser Spott, diese Gehässigkeit, ja diese Intoleranz? Liegt das nur an dem Medium Facebook, wo es gern mal weniger nett zugeht? Oder neigen Segler zu einem Mix aus Besserwisserei und Überheblichkeit? Wohl weniger.
Die drei Beispiele haben etwas gemeinsam; sie stehen für aktuelle Weiterentwicklungen in der Bootsgestaltung, im Rumpfdesign, im modernen Bootsbau. Sie zeigen den Willen der Werften, einen Mehrwert zu generieren, ein Plus an individuellem Erscheinungsbild, an Komfort, an Modernität. Sie wollen sich absetzen von der Konkurrenz, nicht kopieren, sondern innovieren. Und das gelingt durchaus, finde ich. Die Hanse ist mit ihrem negativen Steven, den Chines, dem Hardtop nicht nur als Entwurf aus Greifswald zu erkennen, sondern zeigt, dass ein modernes Cockpit so viel Platz wie ein Mehrrumpfboot mitbringen kann. Die neuen Kats bieten noch mehr Sitz- und Liegemöglichkeiten an Deck, noch mehr Kammern, Klos und Komfort. Die Sunbeam ist mit diagonalen Chines, überstehendem Vorschiffsdeck und dem überdachten Aufbau unverkennbar, dynamisch und einzigartig gestaltet. Nebenbei bemerkt segelt sie ganz hervorragend.
Und haben nicht möglicherweise dieselben Spötter noch vor allzu kurzer Zeit die Uniformität im Yachtbau beklagt? Dass man eine Hanse nicht von einer Bavaria, eine Beneteau nicht von einer Jeanneau oder Dufour unterscheiden könne? Längst vorbei. Die Werften finden ihre optischen Nischen, ihren Stil, ihre Alleinstellungsmerkmale. Das ist gut so, jeder Geschmack wird bedient, der progressive mit den jüngsten Entwürfen, der traditionelle mit den weiterhin existenten gewohnten Designs, und dazwischen gibt es eine irre große Vielfalt, das Angebot ist riesig und diversifiziert. Freuen wir uns doch einfach darüber!
Nun muss niemand überbreite und hohe Rümpfe mögen, für alle vier Kabinen Toilettenräume spazieren fahren und darf jeder Chines und Kanten verdammen, aber wozu die Aufregung? Ganz simpel: Die modernen Boote wird der Markt annehmen oder auch eben nicht.
Und wenn denn die früheren Designs, die vorhergehende Generation Boot so viel besser war, warum lassen dann die Stückzahlen nach und steigen wieder schlagartig, sobald ein Modell durch ein neues, zwangsläufig moderneres ersetzt wird?
Und vielleicht ist das ganze Thema auch nur eine Frage der Gewöhnung. Als 1997 die erste A-Klasse von Mercedes auf den Markt kam, empörte sich ein Gutteil von Auto-Deutschland ob des knubbeligen Gefährts. Ein mir nicht mehr geläufiger Designer formulierte damals sinngemäß, dass ein gutes Design nicht sofort überzeugen muss, dass die Akzeptanz der Überraschung folgt und die Menschheit noch großes Gefallen an dem neuen Fahrzeug finden würde. Er sollte recht behalten. Bis 2004 wurden über eine Million Wagen der A-Klasse verkauft. Trotz Imageschaden durch den Elchtest und trotz oder wegen des besonderen Designs.
stellv. Chefredakteur YACHT
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