Liebe Leserinnen und Leser,
er kneift, der Rücken, zuweilen jedenfalls. Was automatisch zur alljährlichen Frage führt: Welche Arbeiten im Winterlager tue ich mir selbst an? Immerhin ist die Job-Liste (ich nenne sie gerne RPL, Restpunktliste, ein gewisser Euphemismus) meist lang und obendrein sehr heterogen. Sie nennt einen Mix aus regelmäßigen Arbeiten und Wartungen sowie Reparaturen und Modifikationen. Meine Liste für den kommenden Winter führt die üblichen Dinge wie Motor warten, Unterwasserschiff nebst Einzelteilen mit Antifouling beschichten, Rumpf und Heck sowie Deck inklusive Aufbau und Cockpit säubern, polieren und wachsen. Dazu kommen Segel und laufendes Gut durchsehen, Kuchenbude, Sprayhood, Genuapersenning und Lazy Bag säubern und imprägnieren. Obendrein Tauwerksarbeiten, Winschen warten und ein paar Verbesserungen.
Stellt sich die Frage: Was mache ich selbst? Es gibt verschiedene Bemessungsgrundlagen oder Überlegungen: Was muss sein? Wo lässt sich Geld sparen? Was macht vielleicht Spaß, so dass ichs gerne selbst erledige? Was ich ohnehin nicht mag, siehe oben, der Rücken: Unterwasserschiff streichen und Polieren. Ich ertappe mich bei der Überlegung: Warum nicht mal ein Jahr damit aussetzen? Spart rund 1200 Euro. Alles wird teurer, wenn nicht gar schweineteuer, auch Servicearbeiten und Materialien im Winterlager. Das Boot ist viel unterwegs und in den vergangenen Jahren hat sich am Ende der Saison wenig Bewuchs gezeigt, also warum nicht mal riskieren, was der Hersteller verspricht, dass der Anstrich zwei Jahre wirkt? Weiter: Polieren find ich so richtig fad. Okay, Das Ergebnis ist schön, aber der Weg dahin? Nee, das gebe ich in den Auftrag. Oder lass auch das mal, zumindest an Deck. Kann ich in der Saison noch erledigen…
Aber was ist mit den Dingen, die bei Problemen ins Geld gehen können? Motorwartung, also Öl- und Impellerwechsel, vielleicht ein Wechsel des Kühlwassers im inneren Kreislauf, Anoden erneuern. Das gebe ich auch in den Auftrag. Immerhin ist die Maschine das teuerste Einzelteil an Bord und wenn die grätscht wird’s richtig fies.
Das sind die Standards. Dann kommen die kleinen Dinge: Segel durchsehen und kleine Reparaturen durchführen, Fallen aus dem Rigg ziehen und waschen, Winschen warten, Blöcke spülen, Tauwerksarbeiten, alles schöne Projekte für zu Hause. Am Schönsten: Alle Blöcke, Schäkel und andere kleinere Metallteile mit dem Ultraschallreiniger auf Hochglanz trimmen, eine Schmuckauslage beim Juwelier kann nicht schöner sein. Das macht mir Spaß, das versüßt die winterlichen Wochenenden.
Und Modifikationen ebenso: Ich möchte mir eine Seewasserpumpe in der Pantry einbauen, das lässt sich zum Abwaschen nutzen und auf See auch partiell zum Kochen. Ich will die Hebelklemme für die Reffleine des Vorsegels weiter nach achtern versetzten, damit die endlich vom Rad aus zu erreichen ist (warum hat die Werft nicht daran gedacht?). Und den Spibaum fahre ich künftig am Großbaum, da brauche ich zwei größere Ringe oder steife Schlaufen weiter achtern am Großbaum und vorne zwei Augen zum Einpicken. Alles überschaubar, muss aber an Bord erledigt werden. Das kombinier ich mit einem kleinen Ausflug an die Schlei.
Mein Rat: Wie so oft und beim Segeln insbesondere ist der gute Kompromiss, die optimale Kombination das Beste. Vorzugsweise erledigt der Eigner, was ihm Freude bereitet und was ihm gut von der Hand geht. Sicherheitsrelevante und nervige Dinge und solche die besondere Expertise oder auch Werkzeuge und Hilfsmittel erfordern, wie beispielsweise eine Osmose-Untersuchung, gibt er vorsichthalber an Experten. Weitere Aspekte dazu: Je mehr man selbst erledigt, desto besser lernt man es kennen und die Bindung zum Boot wird noch stärker (falls dies noch möglich ist). Andererseits unterliegen beauftragte Arbeiten auch einer Garantie.
Egal wie man sich entscheidet: Der Winter lässt sich noch anders gut nutzen: Das eigene Fachwissen lässt sich erweitern, um eben fitter in der Bootstechnik zu werden. Die Lektüre von guter Fachliteratur kann helfen, diverse YouTube-Filme ebenfalls, noch besser sind Seminare im Klub oder von Fachbetrieben vor Ort oder gar professionelle Webinare, die sich überall ortsunabhängig konsumieren lassen. In diesem Zusammenhang sei auf die Webinar-Reihe der YACHT verwiesen, die sich mit Themen wie Antifouling, Energieversorgung, Solarsystemen oder der Bootspflege auseinandersetzt, oder auch Radarkunde, Navigation, Segeltrimm oder dem Gebrauchtbootkauf.
Noch ein Gedanke: Die Sicherheit auf See beginnt an Land. Schlechte Wartung gefährdet die Crew und das Boot selbst. Und gespartes Geld ist schnell vergessen, wenn es in die nächste Saison geht und das Boot nicht funktioniert oder Nachbesserungen wieder Geld, Zeit und Ärger kosten. Schließlich sollte die Freude am Segeln immer im Vordergrund stehen, nicht der Ärger über vermeidbare Schäden.
Das Boot ist für die meisten von uns mehr als nur ein Sportgerät – es ist ein Stück Freiheit, oft ein Lebenstraum. Diese Investition verdient die bestmögliche Pflege, ob nun durch eigene Hand oder durch Profis. Hauptsache, sie erfolgt gewissenhaft und mit Verstand.
Guten Winter!
Fridtjof Gunkel
stellv. YACHT-Chefredakteur
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