MeinungFür die “Gorch Fock” geht es um alles!

YACHT

 · 18.04.2026

Meinung: Für die “Gorch Fock” geht es um alles!
YACHT-Woche – Der Rückblick
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Liebe Leserinnen und Leser,

​welche Fahrzeugfamilie Made in Germany wurde ein halbes Jahrhundert lang gebaut, hat gemeinsam mehr Strecke zurückgelegt als vergleichbare Typen und ist noch heute weltweit unterwegs? Und all das mit einem unverwechselbaren Äußeren? Nein, die Rede ist nicht vom Käfer. Sondern von einer anderen Legende: der „Gorch Fock“.

Oder vielmehr: von ihrer Familie. Denn das deutsche Segelschulschiff ist alles andere als allein. Neun Schwestern sind es insgesamt. Puristen mögen von „nur“ fünf sprechen, da die vier Jüngsten im Bunde deutlich später hinzugekommen sind. Für mich gehören sie alle zusammen.

Und wer sie nebeneinander sieht, wird mir zustimmen: die gleichen eleganten Linien, darüber identische Riggs. Kleine Unterschiede gibt es hier und da, klar. Schließlich hat jede der neun Barken ihre eigene Persönlichkeit und Geschichte. Doch ihre Verwandtschaft ist nicht nur unverkennbar. Auf den ersten Blick sind sie sich sogar zum Verwechseln ähnlich.

Als Kind waren Windjammer mit das Größte für mich. Der jährliche Besuch beim Hamburger Hafengeburtstag war auch deshalb immer gesetzt: Einlaufparade, Schlepperballett, Open-Ship. Und natürlich kannte ich die „Gorch Fock“, das glaubte ich zumindest. Als ich sie an den Landungsbrücken entdeckte, wollte ich sofort an Bord. Und wunderte mich dann, dass überall „Mircea“ stand – es war das rumänische Schwesterschiff.

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Fünf der nahezu baugleichen Barken liefen noch vor dem zweiten Weltkrieg bei Blohm & Voss vom Stapel. Bis auf „Mircea“, die für das Königreich Rumänien gebaut worden war, alle als deutsche Schulschiffe, um Offiziersnachwuchs zu liefern. Doch Hitlers Traum vom Tausendjährigen Reich war nur von kurzer Dauer. Das Kriegsende verstreute die robusten Dreimaster unter neuen Namen als Reparationen in alle Welt.

Das Typschiff, die noch etwas kleinere erste „Gorch Fock“, ging als „Towarischtsch“ in die Sowjetunion. Die US-Küstenwache stellte die „Eagle“ in Dienst und Portugal über einige Umwege die „Sagres“. Die fünfte Baunummer war nie vollendet worden.

Doch die Geschichte ging weiter: Als die gerade aus der Taufe gehobene Bundesmarine sich entschied, wieder unter Segeln auszubilden, legte man den bewährten Entwurf an der Elbe einfach wieder auf: 1958 ging eine neue „Gorch Fock“ in Fahrt.

Ein einziges Mal, vor genau 50 Jahren, traten alle fünf Schwestern gegeneinander an: Bei der Operation Sail 1976. Die Tall-Ship-Regatta war Teil der Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag der Vereinigten Staaten. Auf dem Kurs von Bermuda nach Newport setzte sich die Jüngste durch: die Five-Sisters-Trophy ging an die „Gorch Fock“.

Es war eine Fahrt in die Geschichtsbücher. Wiederholen lässt sie sich so nicht mehr. Denn die Älteste befindet sich inzwischen im Ruhestand. Frisch renoviert liegt sie unter ihrem alten Namen „Gorch Fock“ (I) als schwimmendes Museum in Stralsund.

Doch die Trophäe gibt es noch, und in diesem Sommer werden sich die vier verbliebenen Hamburger Schwestern endlich wieder miteinander messen. Erneut auf der anderen Seite des Atlantiks, diesmal zum 250. Jubiläum der USA mit einem Rennen von New York nach Boston. Vergangene Woche machte sich „Gorch Fock“ (II) von Kiel aus auf, um ihren Titel zu verteidigen.

Im weiteren Regattafeld aus Dutzenden von Großseglern werden auch zwei Mitglieder der jüngeren Gorch-Fock-Generation sein: „Guayas“ aus Ecuador und die kolumbianische „Gloria“. Sie gehören zum lateinamerikanischen Teil der Familie; vier weitere Schulschiffe, die zwischen 1967 und 1982 im spanischen Bilbao mit dem Hamburger Original als Vorbild entstanden, und von der „Simón Bolivar“ aus Venezuela und der „Cuauhtémoc“ aus Mexiko vervollständigt werden.

Wenn der Startschuss am 8. Juli vor der Skyline von Manhattan fällt, werde ich jedenfalls im Live-Stream dabei sein und versuchen, im weißen Meer der insgesamt zwei Dutzend gemeldeten Großsegler eine „Gorch Fock“ nach der anderen auszumachen. Welcher andere Windjammer kann schon seine eigene Regatta ausrichten?

Christian Tiedt

Ressortleiter Reise

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