Liebe Leserinnen und Leser,
im Plüschowhafen in Kiel droht der Schwentineflotte die zweite Vertreibung. Die Marine meldet Bedarf an. Was wie ein lokaler Streit wirkt, kann zum Testfall werden: Wie viel sollen Wassersportler hinnehmen, wenn Sicherheit gegen Lebensraum steht?
Die Schwentineflotte ist keine Ansammlung von Wochenendromantikern, sondern eine kleine Gemeinschaft von Menschen, die auf ihren Booten leben und arbeiten. In den 1980er Jahren lag sie am Kieler Fischmarkt, Anfang der 1990er musste sie weichen. 1998 fand sie im Plüschowhafen einen neuen Platz mit fester Meldeadresse "Prieser Strand 12b". Fast drei Jahrzehnte lang war Ruhe.
Jetzt nicht mehr. Die Marine will das gesamte Gelände übernehmen. Landungs- und Kampfboote sollen dort liegen, zivile Nutzung wäre ausgeschlossen. Betroffen wären nicht nur die Bootsbewohner, sondern auch der Kieler Yacht-Service, der Deutsche Unterwasserclub Kiel oder die Segelgemeinschaft der Marineflieger. Der Vertrag mit der Stadt läuft zwar noch bis 2033. Trotzdem steht die Gemeinschaft erneut vor der Frage: Bleiben oder verschwinden?
Die Begründung klingt schwer widerlegbar: veränderte Bedrohungslage. Die Lage in der Ostsee ist ernst. Beschädigte Seekabel, Drohnen, Schattenflotte, neue NATO-Aktivitäten. All das ist real. Niemand kann verlangen, sicherheitspolitische Probleme zu ignorieren. Ich gebe es zu: Auch ich schwanke. Wenn die Marine sagt, sie braucht das Gelände, wird schon etwas dran sein.
Nur: Folgt daraus automatisch, dass zivile Nutzer komplett weichen müssen? Hier beginnt der eigentliche Konflikt. Sicherheit ist ein starkes Argument. Es ist aber nicht dasselbe wie ein Totschlagargument.
Und mir fällt auf: Das ist nicht der erste Fall. Es wird generell enger. Windparks nehmen riesige Flächen in Anspruch. Seit März gibt es neue Naturschutzgebiete in der Ostsee, Geschwindigkeitsbeschränkungen und Winterfahrverbote sind in Planung. Alles nachvollziehbar, alles wichtig. Aber eben auch: immer weniger Raum. Bei den Naturschutzgebieten hat der Zusammenhalt der Segler etwas bewirkt. Demonstrationen, Beteiligung, Kompromisse.
Nun lautet die entscheidende Frage: Wurden wirklich alle Möglichkeiten geprüft? Oder ist es bequemer, Zivilisten zu verdrängen, als nach einer Lösung zu suchen, in der Marine und Wassersport nebeneinander existieren? Jahrzehntelang hat das am Plüschowhafen funktioniert. Warum soll plötzlich nur noch das Entweder-Oder möglich sein?
Wenn sich die Sicherheitslage weiter verschärft, wird der Plüschowhafen kaum der letzte Ort bleiben, an dem militärische Interessen auf zivile Nutzung treffen. Die Ostsee ist begrenzt. Die Küste auch. Und wenn der Platz neu verteilt wird, stehen Wassersportler in der politischen Nahrungskette ziemlich weit unten.
An dieser Stelle kommt oft das Gegenargument: Segeln ist Luxus. In Krisenzeiten muss man verzichten. Klingt nüchtern, ist aber zu einfach. Im Plüschowhafen geht es nicht um Champagner auf Teakdecks, sondern um Menschen, für die das Boot ihr Zuhause ist, um gewachsene Strukturen, Vereine, Werkstätten, Gemeinschaft.
Und selbst wenn es nur ums Freizeitsegeln ginge: Eine freie Gesellschaft steht für ihre Werte auch dadurch ein, dass sie Räume für selbstbestimmtes Leben lässt. Zugang zum Wasser, Natur, Sport – das sind keine belanglosen Extras, die man als Erstes opfert, sobald es kompliziert wird.
Der Plüschowhafen zeigt, wie schnell aus einem Zielkonflikt ein Machtentscheid werden kann. Ja, die Marine braucht Platz. Ja, die Sicherheitslage ist ernst. Aber daraus sollte nicht folgen, dass man jeden zivilen Nutzer mit einem Schulterzucken aus dem Weg räumt.
Schon einmal hat die Schwentineflotte gemeinsam mit der Stadt Kiel bewiesen, dass sich Lösungen finden lassen. Warum also nicht wieder? Friedliche Koexistenz ist möglich, wenn sie politisch gewollt ist.
Was heute in Kiel passiert, kann morgen anderswo geschehen. Viele Sportboothäfen an der Ostsee wurden einst militärisch genutzt. Wassersportler täten gut daran, solche Entwicklungen aufmerksam zu verfolgen und ihre Interessen ernster zu nehmen.
Denn wenn sie es nicht tun, tut es am Ende niemand.
Ursula Meer
YACHT-Redakteurin
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