Liebe Leserinnen und Leser,
„Segeln ist nur etwas für Reiche.“ Ich glaube, mit diesem Vorurteil musste sich fast jeder Segler irgendwann schon einmal auseinandersetzen und ganz falsch ist es in manchen Bereichen tatsächlich nicht.
Schaut man auf das aktuelle Regattageschehen in Deutschland und speziell auf Events wie das kürzlich stattgefundene „Major“, wird ein Problem ziemlich schnell sichtbar. Eine X-79 oder eine Banner 28 gehören dort mit Marktwerten um die 10.000 Euro inzwischen fast schon zu den günstigsten Booten im Feld. Der Großteil der Flotte bewegt sich dagegen deutlich jenseits der 60.000 Euro, viele Boote vermutlich eher im Bereich über 150.000 Euro.
Und natürlich: Niemand bestreitet, dass moderne Boote faszinierend sind. Sie sind schneller, technischer, oft professioneller vorbereitet. Aber genau darin liegt inzwischen auch ein Problem. Denn je höher die Einstiegskosten werden, desto kleiner wird zwangsläufig die Gruppe der Menschen, die überhaupt noch mitsegeln können.
Das zeigt sich mittlerweile auch in den Klassenstrukturen. Die ORC-4 ist praktisch tot, ORC-3 kämpft vielerorts ebenfalls ums Überleben. Erst in ORC 2 und ORC 1 werden die Felder wieder etwas größer. Dort ist das Niveau hoch, die Budgets aber meistens eben auch. Viele Teams und Eigner wandern dann direkt zur TP50 oder Clubswan-Szene. Aktuell auch gerne auf die Cape31.
Für die YACHT nehme ich gerade gemeinsam mit meinem Kollegen Fabian Boeger an einem Projekt für das kommende Vegvisir Race teil. Mit einem alten Langkieler aus den 1970er Jahren, dem Boot meines Großvaters. Und schon diese Entscheidung sorgt regelmäßig für Diskussionen und auch wir haben durch Leserbriefe, Social-Media Kommentare oder persönliche Ansprachen schon rausgefunden, dass unser Boot wohl nicht die typische Wahl für ein Regattaboot ist. Viele verstehen nicht, warum man mit so einem Boot überhaupt an den Start gehen will.
Die Idee dahinter ist eigentlich ziemlich simpel: Wir wollen zeigen, dass Regattasegeln nicht zwingend vom Boot abhängen muss. Klar, wir könnten uns irgendwo ein modernes Boot chartern und wären damit vermutlich schneller unterwegs. Aber darum geht es uns nicht. Und ehrlich gesagt: Wäre das noch der gleiche Gedanke, der hinter vielen dieser Events steht? Dabei sein ist alles – dieser olympische Grundsatz wirkt im modernen Regattasegeln manchmal erstaunlich weit weg.
Warum muss es immer das neueste, schnellste oder „perfekte“ Boot sein? Die Erria liegt da, sie ist segelfertig, sie funktioniert. Also warum nicht mit ihr starten? Gewinnen werden wir damit nicht. Das ist uns klar. Aber das ist auch nicht der Punkt. Wenn wir eine gute Zeit auf dem Wasser haben, unsere Taktiken aufgehen, wir Fortschritt sehen und uns als Team weiterentwickeln, dann ist das für uns schon ein Erfolg.
Und genau das sind doch die gleichen Dinge, die auch andere antreiben: Entscheidungen treffen, mit Bedingungen umgehen, aus dem Boot das Beste herausholen. Ob auf der Logge am Ende fünf oder sechs Knoten stehen, ist im Kern oft weniger entscheidend, als man denkt.
Gleichzeitig muss man ehrlich sein: Regatten wie das Vegvisir oder das Silverrudder wachsen, während klassische Serien- oder eben ORC-Felder kleiner werden. Die Kieler Woche und viele andere große Regatten haben ebenfalls mit sinkender Beteiligung zu kämpfen. Die Frage ist: Warum?
Für mich liegt eine Antwort ziemlich klar auf der Hand: Es wird für viele schlicht nicht mehr bezahlbar. Ein einfaches Regattaboot welches 20 Jahre alt ist kostet in etwa 80.000 Euro, dazu neue Segel, Optimierungen, Software wie AdrenaPro für mehrere tausend Euro – das ist für eine Person Mitte zwanzig kaum realistisch. Das funktioniert nur mit Sponsoren oder externen Geldgebern. Und Sponsoring bringt fast immer Erwartungen mit sich, die wiederum den Sport für einen selbst verändern. Dass externe Finanzierung wichtig ist, steht außer Frage. Das gilt für viele Sportarten – ohne sie wären selbst Handball- oder Fußballvereine in ihrer heutigen Form kaum denkbar. Aber es ist auch keine Selbstbestimmung mehr.
Wer im Wettkampf segeln will und die Kosten einigermaßen im Griff behalten möchte, landet deshalb häufig in der Jolle oder überspitzt gesagt, bei irgendjemanden auf dem Vorschiff. Im Jollenbereich habe ich meine Erfahrungen gemacht – und ja, das ist deutlich erschwinglicher. Aber spätestens bei Themen wie Trainingslagern oder internationalen Regatten stößt auch dieses System wieder an Grenzen. Bei anderen an Bord sein ist gut. Man lernt viel, trifft gleichgesinnte und hat eine gute Zeit und abseits des Projektes bin ich auch auf verschiedenen anderen Bootsklassen unterwegs. Mich stört dabei aber zunehmend, dass ich nicht selbst der Eigner und Steuermann bin.
Was bleibt also? Vielleicht tatsächlich erstmal das, was einem oft die Eltern immer sagen: mit dem arbeiten, was man hat. Und das Beste daraus machen.
In unserem Fall ist das gerade die Erria. Und wenn ich ehrlich bin: Ich würde nicht sagen, dass wir weniger Spaß haben werden, als jemand, der auf einer Dehler 30 OD unterwegs ist. Zumindest aus meiner Sicht nicht und solange die Dehler nicht ins Gleiten kommt – denn dann würde ich doch gerne tauschen.
Jan-Ole Puls
YACHT-Redakteur
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