MeinungÜberfällige Bestandsaufnahme

YACHT

 · 08.03.2025

Meinung: Überfällige Bestandsaufnahme
YACHT-Woche – Der Rückblick
yacht/bullseye-yacht-woche-hauke_b77f670911c4e9c93361d546ddb4472c

Liebe Leserinnen und Leser,

Seegraswiesen sind wichtige Lebensräume für Meeresbewohner. Viele Fischarten ziehen ihren Nachwuchs dort auf und Muscheln, Krebse und Seesterne können sich dort verstecken. Zudem können Seegraswiesen viel CO₂ aufnehmen – ein Aspekt, der im Zuge der Klimakrise enorm an Bedeutung gewinnt. Ihre Erforschung und ihr Schutz sollten daher auch jedem Segler am Herzen liegen. Doch die häufig geführte Diskussion über die negativen Einflüsse von Yachten passt zumindest in der Ostsee nicht immer zu meiner subjektiven Wahrnehmung.

Neben allen sportlichen Aspekten ist das Naturerlebnis für mich ein wichtiger Teil des Segelns, sei es die Auseinandersetzung mit Wind und Wetter, oder die einmaligen Lichtstimmungen, die sich nur am und auf dem Wasser erleben lassen. Daher gehören die Nächte am eigenen Anker zu meinen Lieblingsmomenten. Keine lärmenden Straßen, kein Fendergequetsche oder -gequietsche und morgens statt spakiger Hafendusche eine Runde ums Schiff schwimmen.

Schon beim Segeln mit meinen Eltern gehörten die Ankerbuchten der dänischen Südsee zu den bevorzugten Wochenendzielen und waren so zu sagen unser Abenteuerspielplatz, der mit Taucherbrille, Kescher und Beiboot erkundet wurde. Was das alles mit dem Seegras zu tun hat?

Meistgelesene Artikel

1

2

3

4

5

Nun ja, Seegras und Ankern passen nicht gut zusammen, der grüne Teppich lässt den Anker schlecht fassen und erhöht das Risiko bei einer Windänderung auf Drift zu gehen. Einmal ausgebrochen sammelt das Eisen in der Regel so viele Pflanzen ein, dass es ohne Reinigung keinen Halt mehr findet. Kaum ein Segler wird den Anker daher freiwillig über Gras fallen lassen, stattdessen sucht man sich eine Stelle mit hellem Sandgrund aus.

Genau hier beginnt die subjektive Wahrnehmung, denn bei den Ankermanövern meiner Jugend genügte es in der Regel, die drei-Meter-Linie zu passieren, und der Grund begann hell zu schimmern. Egal ob Hørup, Lyø, Revkrog bei Ærøskøbing, oder eine der anderen beliebten Buchten. Kaum war eine gute Ankertiefe erreicht, konnte das Eisen gefiert werden – und fiel auf feinen Sand. Seegras war bestenfalls in Form einzelner Flecken zu sehen, die man leicht umgehen konnte.

Die Buchten laufen wir auch mehr als 30 Jahre später, inzwischen mit unseren Kindern, noch gerne an. Doch heute müssen die sandigen Flecken aktiv gesucht werden. Im zum Ankern interessanten Tiefenbereich zwischen 2,5 und vier Metern wächst fast überall ein dichter Seegrasrasen. Reiner Sand ist dagegen erst im deutlich seichteren Wasser zu finden. Und das, obwohl die Buchten von wesentlich mehr Yachten besucht werden als noch vor zehn Jahren. In anderen Revieren hat mein Kollege Andreas Fritsch andere Erfahrungen gemacht.

Klar, einzelne Buchten geben kein Bild der gesamten Ostsee ab, aber wenn das Seegras sogar in den von Ankern der Yachten gestressten Gebieten gedeiht, fällt es schwer, den Ruf nach zusätzlichen Schutzgebieten und Ankerverboten zu verstehen, wie sie im Aktionsplan Ostseeschutz aufgeführt sind. Dort werden die Anker im Übrigen an erster Stelle genannt, deutlich vor Lichtmangel in Folge von Überdüngung.

Um es deutlich zu machen: Ich bestreite nicht, dass Anker und Ketten Spuren am Grund hinterlassen. Von pauschalen Verboten halte ich aber wenig. Zumal in meiner subjektiven Wahrnehmung ein anderes Bild von der Entwicklung des Seegrasbestands vorhanden ist, als es beim Ruf nach neuen Schutzgebieten skizziert wird. Häufig wird darauf verwiesen, dass der Seegrasbestand in den letzten 50 Jahren um 30 Prozent abgenommen hat.

Erklären kann ich diese Diskrepanz nicht, aber ich habe einen Verdacht: Die Zahlen beziehen sich nicht explizit auf die Ostsee. Tatsächlich scheint die Datenlage in Sachen Seegraswiesen recht löchrig zu sein. Flächendeckende Erhebungen sind schwer bis gar nicht zu finden und die vorhandenen Daten beruhen auf Luftaufnahmen, Sonarauswertung, Unterwasser Videoaufnahmen und direkter Beobachtung durch Taucher. Leider hat jedes Verfahren seine Schwächen. Echolot und Sonarsysteme lassen sich beispielsweise nur in Wassertiefe von mehr als fünf Metern sinnvoll einsetzen, da die räumliche Abdeckung direkt von der Wassertiefe abhängt, wäre für Flachwassergebiete ein enorm enges Suchmuster nötig.

Ähnlich sieht es mit Unterwasser-Videoaufnahmen oder dem Einsatz von Tauchern aus, mit diesen Techniken sind nur Stichproben möglich. Daher werden sie in der Regel mit Luftaufnahmen kombiniert, um auf die großräumige Verteilung zu schließen. Doch Luftaufnahmen sind ebenfalls nicht leicht zu deuten, zumal das trübe Wasser der Ostsee die Sichtweite oft auf zwei bis drei Meter beschränkt. Kurzum, die Frage nach der Ausbreitung des Seegrasen scheint alles andere als trivial zu sein.

Dazu passt die Meldung aus Mecklenburg-Vorpommern. Dort investiert der Bund 12 Millionen Euro in ein Forschungsprojekt, um die Seegraswiesen entlang der Küste mittels Satellitenaufnahmen erstmals flächendeckend zu kartieren. Auf Grundlage dieser Daten sollen Pläne für den Schutz und mögliche Neuanpflanzungen erarbeitet werden. Acht Jahre werden dafür veranschlagt, was auf den Umfang der Unternehmung schließen lässt.

So lange werden die Köpfe hinter dem Aktionsplan Ostseeschutz vermutlich nicht warten wollen und Verbotszonen längst beschlossen sein. Dann wäre es schade, wenn meine subjektive Wahrnehmung doch nicht so subjektiv ist und es dem Seegras in der Ostsee gar nicht so schlecht geht, oder zumindest nicht in den von Yachten „beankerten“ Bereichen.

Hauke Schmidt

YACHT-Redakteur

PS: Wie sind eure Erfahrungen, habt ihr ähnliche Beobachtungen zur Entwicklung des Seegrasbestands gemacht oder seid ihr anderer Ansicht? Schreibt uns gerne an mail@yacht.de, Betreff: Seegras.


Draufklicken zum Durchblicken:

Die Woche in Bildern

Die Ostsee ist ein riesiger Schiffsfriedhof mit unzähligen noch unerforschten Wracks. Eine schwedische Tauchexpedition machte am Meeresgrund spektakuläre Entdeckungen.
Foto: Jonas Dahm/Voice of the Ocean

Lese-Empfehlungen der Redaktion

yacht/Myproject-122_588dd1e2bf08c53ce7f0b81757956597

Neue Podcast-Folge

FreeNauticalChart – Das BSH nimmt Stellung

yacht/bsh-podcast-teaser_88ca5e03f72337ed892bbbd92e7c3f10

Letzte Woche sprach Adam Lucke im YACHT-Segelpodcast über FreeNauticalChart – seine kostenlose Seekarte aus öffentlich zugänglichen BSH-Daten. In Episode 75 erläutert Thomas Dehling, Leiter der Abteilung Nautische Hydrographie beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH), die Behördenperspektive.


La Solitaire du Figaro Paprec

Nico Lunven siegt, Boris Herrmann gratuliert

yacht/714792130-18551662174070849-1144572743152071785-n_b2ccd2ecce1d9f7c9079f77e55e32855

Finale im La Solitaire du Figaro Paprec: Boris Herrmanns langjähriger Navigator Nico Lunven hat das Rennen gemacht. Die Segelwelt huldigt dem Franzosen.


“Magic”

44-Meter-Vitters sucht neue Eignerfamilie

yacht/magic-10002026-vb5548777_bf5ffdc922f9b1c3375f4a629ba0baf4

Mit der 44 Meter langen „Magic“ lieferte Vitters ein hochbordiges Meisterwerk, das mit Ruhe und viel Raum überzeugt. Das sportliche Reichel/Pugh-Design entstand nach den präzisen Vorstellungen eines erfahrenen Seglers und sucht für 45 Millionen Euro einen neuen Eigner.


Amel 50.2

Ein neues Kapitel für die lange Fahrt

yacht/bildschirmfoto-2026-06-03-um-095409_004f23bc5c386149c3c530d86fad8839

Amel stellt die 50.2 vor: Der neue Blauwasserkreuzer folgt auf die erfolgreiche Amel 50, ist aber eine eigenständige Neukonstruktion von Berret-Racoupeau. Mit modernisierten Linien, überarbeitetem Cockpit und neuem Innenlayout bleibt sie dem Amel-Konzept treu: sicher, komfortabel und von kleiner Crew beherrschbar.


Klassiker

Wiederauferstehung der “Klaus Störtebeker III”

yacht/100137147_d7fb4b84226f2f1d37f3b46ceadf454c

Der gemeinnützige Verin Jadewind e.V. aus Oldenburg hat die Restaurierung der “Störtebeker III” fast abgeschlossen. Die Yacht soll künftig im Wilhelmshavener Museumshafen liegen und für Hochseereisen eingesetzt werden, auf denen traditionelle Seemannschaft vermittelt wird. Dafür werden segelbegeisterte Jugendliche gesucht.


​Grand Soleil Plus 80 LC

Neues Flaggschiff für lange Reisen

yacht/6-dji-20260520171639-0399-d-alta_16c85ed11d719a630bc3d4ce61eca937

Grand Soleil zeigt mit der Plus 80 Long Cruise ein neues Flaggschiff für Eigner, die große Distanzen unter Segeln zurücklegen wollen.


Fyn Cup 2026

Neuer Rekord und deutsche Erfolge

yacht/709407281-1583463400455648-7984058871174808655-n_ecf8fee9d1a2f4c2f4677d120b063549

Der Fyn Cup 2026 brachte den Crews stabile Westwinde und eine niedrige Ausfallquote. 212 von 220 gestarteten Booten beendeten die Regatta um Fünen.


Elektronik

Garmin Signal VHF 400/220 – UKW-Funkgeräte mit AIS, die keinen Splitter brauchen

yacht/garmin-marine-signal-vhf-funkgerat-mit-handmikrofon-c-garmin-deutschland-gmbh_193559135a82ec97877a3c4060b7e87c

Garmin bringt die Signal-Serie: UKW-Funkgeräte mit integriertem AIS-Transponder, basierend auf Vesper-Technologie. Drahtloses Handmikrofon ermöglicht flexible Installation.


SailGP

Dreier-Crash in New York, schwarzer Tag für Team Germany

yacht/rp1-0127-7_cac8b2d36d63cea5cd15166b18babece

Chaos, Crash und Bruch: Beim SailGP in New York lief so einiges aus dem Ruder. Auch für das Germany SailGP Team schmeckte der "Big Apple" eher sauer.


Kairos-Trimaran

Regatta-Speed mit Komfort für die Langfahrt

yacht/kairos-exterior-1_5e4b3a8c4164e6a7e57af8b6af03f8c1

Independent Catamaran baut eine neue Trimaranreihe aus Carbon und mit bis zu acht Kojen.



Newsletter: YACHT-Woche

Der Yacht Newsletter fasst die wichtigsten Themen der Woche zusammen, alle Top-Themen kompakt und direkt in deiner Mail-Box. Einfach anmelden:

Artikel teilen:
Kommentare

Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.

Meistgelesen in der Rubrik Allgemeiner Service