Liebe Leserinnen und Leser,
es ist ein grausames Bild: Der überdimensionale Greifer eines Schwimmkrans hievt den vorderen Rumpfteil der 30 Meter langen und rund vier Meter breiten „Ethel von Brixham“ in die Luft, während der achtere Teil des auf dem Leitdamm vor Cuxhaven gestrandeten Schiffes einfach liegen bleibt.
Die Szene wurde vor einer Woche festgehalten und ist lediglich der Auftakt einer Abwrackaktion, die für die Bergungs-Experten mit ihrem großformatigen Aufräumgerät keine große Sache ist. In wenigen Stunden wird alles, was zu dem Traditionssegler gehört, Stück für Stück auf einen Schwimmponton verfrachtet und zur Entsorgung abtransportiert.
Was für die einen ein Routinejob ist, gilt anderen als das Ende eines Denkmals maritimer Kultur. Denn der knallrote Schoner mit dem markanten Decksaufbau lief schon vor 136 Jahren im englischen Brixham vom Stapel und diente fast einhundert Jahre lang als Berufsschiff. Zunächst als Trawler in der Hochseefischerei, später, ohne Rigg, als Kümo.
Im Jahr 1981 kam das Schiff nach Deutschland, wurde mit einem Schoner-Rigg versehen und mit zahlenden Gästen gesegelt. Ende des vergangenen Jahres erwarb ein junger Engländer das Schiff und ging mit viel Idealismus und wenig Geld daran, es in seine Heimat zu überführen. Er kam nicht weit. Vor Cuxhaven lief er auf Grund.
Es war der Anfang vom Ende und die Berichterstattung darüber zählte zu den meistgelesenen Artikeln ihrer Tage auf yacht.de. Es schien, als habe die Geschichte einen Nerv getroffen.
Traditionssegler begeistern. Projekte wie das segelnde Klassenzimmer oder High Seas High School sind echte Erfolgsgeschichten, Sail Training auf den Schiffen des Deutschen Jugendwerks zur See Clipper, oder der „Alexander von Humbold II“ und erlebnispädagogische Segeltörns, etwa beim Verein Jugendsegeln genießen aufgrund großer Erfolgsquoten hohes Ansehen.
Veranstaltungen wie die Flensburger Rum-Regatta, die Windjammerparade zur Kieler Woche, oder Festivals wie die Sail Bremerhaven ziehen tausende Schaulustige an. Es sind Tourismus-Magnete und damit auch echte Wirtschaftsfaktoren. Nicht zuletzt deshalb fördert der Bund die Szene mit Geldern in Millionenhöhe.
Auf der anderen Seite ist die Flotte hierzulande bildlich gesprochen in schwerer See. Immer schärfere Vorschriften erschweren es den Eignern und Betreibern, die Schiffe instand und in Fahrt zu halten, nicht zuletzt, weil ihre Einhaltung mit hohen Kosten verbunden ist.
Die Finanzierung eines Traditionsseglers ist per se eine Herkulesaufgabe. Regelmäßig streichen Eigner die Segel, mehrere Totalverluste hat die „braune Flotte“ in den vergangenen Jahren zu beklagen. So fanden sich nicht genug Spendengelder für den Marstalschoner „Zuversicht“ und auch kein neuer Eigner wollte das originalgetreu und gut segelnde Schiff geschenkt bekommen, es wurde 2024 schließlich auf einer Kieler Werft abgewrackt.
Auch der Eigner der „Norden“, einer 1870 gebauten Norske Jagd, konnte für die fällige Sanierung seines Schiffes nicht aufkommen, 2022 wurde es auf dem Hafengelände in Neustadt zersägt.
Im Flensburger Museumshafen stand bis vor kurzem das, was von der „Feuerland“ übriggeblieben war, nachdem ein Enthusiast das frühere Expeditionsschiff von Günter Plüschow auf den Falkland-Inseln erwarb und zu einer Restaurierung nach Deutschland holte, die nie stattgefunden hat. Auch dieses prominente Traditionsschiff wurde Opfer eines Kettensägenmassakers.
Vor Island auf Tiefe ging 2013 die „Falado von Rhodos“ – auch sie ein Traditionssegler, wenn auch ein Nachbau und nach Expertensicht einer mit eingebauten Schwachstellen. Doch das Schiff hatte jahrelang als Jugendschiff treu gedient, bis es altersschwach auf seine letzte Reise ging.
Nun also die „Ethel von Brixham“. Nur ein weiteres Wrack, das nach mehr als hundert Jahren entsorgt wurde, weil ein Schiff eben nicht ewig hält?
Ihr Ende war unnötig. Der letzte deutsche Eigner hatte sich seit 1996 liebevoll um den Erhalt des seltenen Brixham-Trawlers gekümmert. Und er hätte das auch weiter getan. Die Trennung vom Schiff erfolgte aufgrund einer neuen Traditionsschiffsverordnung. Die schrieb den Einbau von Kollisionsschotten vor. Das war bauartbedingt jedoch nicht möglich. Und so hatte der Eigner keine Möglichkeit, das Schiff weiter zu betreiben.
Es ist ein Trauerspiel, wie hierzulande mit dem maritimen Erbe umgegangen wird. Nicht nur aus ideeller Sicht – Traditionssegler sind schwimmende Freilichtmuseen und der letzte Ort, an dem noch Einblicke in die Arbeitswelt der verschiedensten Seeleute von einst möglich sind. Sie sind auch von ganz praktischem Nutzen, wie oben beschrieben.
In Deutschland ist es dem Engagement nimmermüder Enthusiasten zu verdanken, dass dieses Erbe bewahrt wird. Und einigen wenigen Initiativen wie etwa der Stiftung Hamburg Maritim, die seit 25 Jahren einen vorbildlichen Job macht und schon viele Schiffe mit regionalem Bezug zur Hansestadt gerettet hat.
Der Staat gibt Fördermittel, die mit der Gießkanne verteilt werden, aber konzeptionell beteiligt er sich nicht, im Gegenteil. Die immer schwieriger zu erfüllenden Vorschriften lassen die Betreiber ihre Schiffe stilllegen oder ins Ausland verkaufen, wie eben die „Ethel von Brixham“.
In den skandinavischen Ländern stehen die Bemühungen um den Erhalt des maritimen Erbes auf einer breiten Akzeptanz der Bevölkerung. Vor allem aber gilt dieses Erbe als identitätsstiftendes Element und wird vom Staat nicht nur finanziell unterstützt, sondern auch durch flexiblere Vorschriften und eine feste Verankerung im Kultur- und Denkmalschutz. Ich finde, davon sollten wir lernen.
Lasse Johannsen
stellv. YACHT-Chefredakteur
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