Ursula Meer
· 13.05.2026
45 Boote mit 76 Seglern gingen am 20. April 2026 auf die über 4.000 Seemeilen lange Strecke von La Trinité-sur-Mer nach Fort-de-France auf Martinique. Als Erste im Zweierteam kamen Sam Manuard und Erwann Le Mené auf der von Manuard designten Pogo RC ins Ziel, bei den Solos siegte Alexandre Ozon auf seiner JPK 10.50 – ein Duell der Bootsentwickler, das die Regattaszene elektrisiert. Doch das Besondere an der Cap Martinique ist der Spirit: Hier helfen sich die Konkurrenten gegenseitig.
"Wir hatten einen Whisky. Ich fragte Jean-Philippe: 'Warum organisieren wir das nicht?' Er lehnte erstmal ab", erzählt Thibault Derville, Mitbegründer der Cap Martinique. "Beim zweiten Whisky sagte er dann: 'Warum eigentlich nicht?'" So begann 2019 die Geschichte einer Regatta, die anders sein sollte als alle anderen. Derville rief am nächsten Morgen eine Bekannte in Martinique an – zwei Monate später stand er auf der Insel und hatte die ersten Zusagen von Sponsoren.
Zusammen mit Jean-Philippe Cau entwickelte Derville eine Vision: Eine Regatta mit drei Worten im Kern – Freundschaft, Sicherheit und Nutzen. "Jedes Boot sollte eine gemeinnützige Organisation unterstützen, um Millionen von Menschen Sichtbarkeit zu geben, über die sonst nie gesprochen wird", erklärt Derville im Festzelt am Hafen von Fort de France, während er auf die Ankunft der ersten Boote wartet. Die französischen Segelverbände nennen die Regatta "die kleine Route du Rhum". Doch COVID zwang die Organisatoren, die erste Edition von 2020 auf 2022 zu verschieben. Die erste Edition 2022 ging mit 38 Booten an den Start, 2024 folgten 60 Boote.
"Ich hatte 2006 selbst die Route du Rhum auf einer Class 40 gesegelt – als 23. von 25 Class 40s", erinnert sich Derville. "Ich war enttäuscht, als ich in Guadeloupe ankam. Ich lief in die Marina ein, man gab mir eine Liegeplatz-Nummer, das war‘s." Das sollte bei der Cap Martinique anders werden: "Jeder Skipper sollte wie ein Held empfangen werden. Wir nehmen deshalb alle Familien und Freunde mit auf ein Boot und holen die Skipper ab, auch mitten in der Nacht."
Die Cap Martinique 2026 wurde auch zu einer Art Showdown zweier Designerlegenden: Sam Manuard, dessen Class-40-Designs die Flotte über Jahre dominierten, der mit foilierenden Mini 6.50 für Furore sorgte und die IMOCA 60 'L'Occitane en Provence' für die Vendée Globe 2020 entwickelte, und Jean-Pierre Kelbert, ehemaliger Windsurfing-Europameister und Gründer der Werft JPK Composites, deren Boote regelmäßig beim Fastnet Race, Spi Ouest France und anderen großen Regatten triumphieren. Beider Boote sind hochgezüchtete IRC-optimierte Racing-Maschinen im 10-Meter-Format – und beide lieferten sich ein packendes Duell.
Sam Manuard und Erwann Le Mené kamen mit ihrer Pogo RC als erste in der Double-Handed-Kategorie ins Ziel, landeten aber nach IRC-Wertung auf Platz zwei – hinter der JPK 10.50 „Ose“ von Eric Paul und Maxime Paul. Alexandre Ozon indessen entschied mit der JPK 10.50 "Trophée Estuaire Rose" die Einhand-Kategorie für sich. Jean-Pierre Kelbert landete auf der JPK 10.50 "Persaivert" auf Platz zwei bei den Solos – nach 21 Tagen, 21 Stunden und 58 Minuten - inklusive 45 Minuten Zeitstrafe wegen einer Sperrzonenübertretung vor Mauretanien. Andere Boote sind noch unterwegs und auf dem Tracker zu verfolgen.
"Die letzte Nacht war sehr kompliziert wegen des Sargassums. Wir hatten keine Referenzpunkte mehr, keine Geschwindigkeit. Das war ziemlich verwirrend", erzählt Erwann Le Mené und zeigt auf Reste des bremsenden Seegewächses an der Reling und im Cockpit. Das Duo hatte 48 Stunden lang das Verfolgerfeld im Rücken gespürt – jeder Meter zählte. "Wir haben uns immer gesagt, dass jeder Zentimeter, den wir nicht verlieren, zählen könnte."
Sam Manuard, einer der gefragtesten Schiffsarchitekten der Szene, zeigte sich von seinem eigenen Boot beeindruckt: "Das Boot ist schnell. Der limitierende Faktor waren eher wir als die Yacht." Erwann Le Mené ergänzt: "Wir haben über 4.000 Seemeilen zurückgelegt, obwohl die direkte Route nur 3.800 Meilen beträgt. Jedes Mal, wenn wir hofften, eine direktere Route nehmen zu können, war das Gebiet mit ungünstigem Wind größer als erwartet. Also mussten wir immer weiter nach Süden ausweichen. Aber wir hatten Vertrauen in die Schnelligkeit des Bootes."
Das Duo unterstützte die Organisation "Guérir en Mer" („Auf See heilen“), die Gesundheitsfachkräfte mit Burn-out durch Segelerlebnisse begleitet.
Auch Jean-Pierre Kelbert hatte sein Päckchen zu tragen. "In der Biskaya habe ich mir bei etwa 30 Knoten Wind ein Netz eingefangen – zur falschen Zeit, am falschen Ort", erzählt er. "Ich hatte gerade gehalst und das Manöver gut gemeistert. Unter Autopilot habe ich dann zwei Schwimmkörper nicht rechtzeitig gesehen. Das Boot verfing sich im Netz – unmöglich, da rauszukommen, ohne alles zu fieren."
Die Bergung war dramatisch: "Ich habe mir den Daumen verletzt, überall im Cockpit war Blut. Habe den Spi beschädigt, bin rückwärtsgefahren, habe mit Bootshaken und Rute alles versucht – am Ende musste ich alles durchschneiden. Das hat vielleicht 10 Meilen gekostet. Aber vor allem verliert man viel Energie bei so einem Vorfall."
Später dann hatte auch er gegen Sargassum zu kämpfen: "Das Sargassum verfängt sich in den Rudern, sie blockieren und verlieren ihre Wirkung. Alleine muss man warten, bis das Boot fast auf der Seite liegt, um nach achtern zu kommen und die Ruder freizumachen. Kaum hat man den Spi gefiert, das Boot aufgerichtet und ist wieder unterwegs, kommt der nächste Algenhaufen – und alles beginnt von vorn."
Kelbert kämpfte auch strategisch: "Am Kap Finisterre waren wir wieder gruppiert, fast zum Greifen nah. In kompletter Flaute bin ich schlafen gegangen. Als ich eine Stunde später aufwachte, waren die anderen eine Meile voraus. Ich war in die falsche Richtung gedriftet, sie in die richtige – nur durch die Ausrichtung des Bootes."
Trotz aller Rückschläge zeigte sich Kelbert begeistert: "Das Boot ist wirklich verrückt, mit richtig starken Beschleunigungen. Es macht unglaublich viel Spaß – das war auch der Grund, warum ich herkam."
Die Pogo RC kombiniert die neuesten Designerkenntnisse aus den Klassen Mini 650, Class 40 und Imoca 60. Sam Manuard und Bernard Nivelt haben das Konzept sehr spezifisch auf ein optimales IRC-Handicap zugeschnitten. Das Decklayout ist speziell für Langstrecken im Einer- oder Zweiermodus ausgelegt, bietet aber auch eine sportliche Plattform für ein ambitioniertes Vier- bis Fünf-Personen-Regattateam auf Kurzstrecken.
Die Pogo RC privilegiert die Kraft am Vorwindkurs mit einem breiten Heckrumpf, reduziertem Gewicht und starker Beschleunigungsfähigkeit unter Spi. In den Böen und mit dem Gennaker A2 kann die Geschwindigkeit schnell 12 Knoten und mehr erreichen. Das Boot ist jedoch kein Selbstläufer – nur erfahrene Regattasegler werden mit diesem komplexen Design zurechtkommen.
Die JPK 10.50 hingegen setzt auf ein anderes Konzept: Sie läutet eine wegweisende Ära im Hochseerennsport ein mit atemberaubender Geschwindigkeit, präziser Kontrolle und purem Rennspaß. Sie ist ebenso beeindruckend auf offenen Amwindkursen, wo sie fast unübertroffen bleibt. Bei 60 bis 70 Grad zum wahren Wind bricht das Wasser am Heckspiegel bei 3 bis 4 Beaufort glatt ab.
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Die hierzulande bisher kaum bekannte Cap Martinique hat einen einzigartigen Spirit. "In der WhatsApp-Gruppe sieht man, wie sich alle gegenseitig helfen. Weil alle Probleme haben und die Transat immer noch eine echte Herausforderung ist", sagt Derville. Sam Manuard bestätigte: "Der Spirit war fantastisch. Die Segler erzählten von ihren Problemen und halfen sich gegenseitig. Ich kenne keine anderen Rennen, bei denen es so läuft." Jeder Skipper wird wie ein Held empfangen – Derville und sein Team holen alle Teilnehmer mit Familie und Freunden per Boot ab, auch mitten in der Nacht.
Die Regeln für die Teilnahme sind klar: Keine Profis, Teams müssen mindestens 500 Meilen Regattaerfahrung mit drei Nächten auf See haben, und jede Anmeldung wird vom Rennleiter geprüft. "Wenn wir spüren, dass jemand nicht sicher genug ist, lassen wir ihn nicht starten", erklärt Derville. Die Teilnehmer sind zwischen 21 und 76 Jahre alt – der älteste segelt im Duo aktuell auf Platz sechs oder sieben. Die Organisation ist komplett ehrenamtlich: "Keiner von uns verdient Geld mit der Regatta. Meine Freunde sind Ehrenamtliche, die ihre Urlaubszeit opfern."
Die nächste Edition findet 2028 statt, Anmeldungen sind voraussichtlich ab Dezember 2026 möglich. Für ambitionierte deutsche Amateursegler mit Hochsee-Ambitionen eine echte Chance für eine Nonstop-Atlantik-Rallye von Frankreich in die Karibik: "Deutsche wären herzlich willkommen, sofern sie den Spirit der Regatta teilen und die Sicherheitsanforderungen erfüllen", betont Derville. Ein deutscher Teilnehmer hatte sich bereits angemeldet, musste aber aus beruflichen Gründen absagen – Platz ist also definitiv da für deutsche Crews, die das Abenteuer einer Atlantiküberquerung in einzigartiger Atmosphäre suchen.
Die Ausgabe 2026 stellte die Segler vor unerwartete Herausforderungen. Die Teilnehmer hofften auf klassische Passatwinde, doch die Wetterbedingungen veränderten das Rennszenario grundlegend. Übergangszonen, unregelmäßige Winde und lange Kurse gen Süden zwangen die Mannschaften, ihre Kurse ständig zu überdenken.
Die Verzögerungen waren erheblich: Organisator Thibault Derville hatte die ersten Boote für den 7. Mai erwartet – tatsächlich kamen Manuard und Le Mené erst am 11. Mai ins Ziel, vier Tage später als geplant. "Wir erwarteten das letzte Boot für den 19. Mai", so Derville. Die ursprünglich geplante Preisverleihung musste angepasst werden: Sie findet statt, obwohl noch nicht alle Boote eingetroffen sind. Eine zweite, spontan organisierte Zeremonie wird folgen, sobald alle Teilnehmer in Fort-de-France angekommen sind – ein weiterer Beweis, dass bei dieser Regatta niemand vergessen wird.
Alexandre Ozon fasst es zusammen: „Das war wirklich die ‚Grand Tour de l'Atlantique‘! Wir wurden immer weiter nach Süden gedrückt und mussten dann den großen Bogen nach Nordwesten fahren, um überhaupt nach Martinique zu kommen. Echt herausfordernd!“
Fort-de-France und Martinique haben sich als beliebtes Ziel für Transatlantik-Regatten etabliert. Neben der Cap Martinique war die Karibikinsel 2021 erstmals Ziel der renommierten Transat Jacques Vabre – eine der wichtigsten Profi-Regatten im Segelsport. Nach zwei Editionen in Salvador de Bahia (Brasilien) kamen 2021 insgesamt 79 Boote mit 158 Profi-Seglern aus Le Havre nach Fort-de-France, darunter IMOCA, Class 40, Ocean Fifty und Ultim-Trimarane.
Auch 2023 und 2025 endete die Transat Jacques Vabre (inzwischen umbenannt in Transat Café L'Or) in Fort-de-France – Martinique hat sich damit als feste Größe im internationalen Regattkalender etabliert. Die Route du Rhum, die Königin der Solo-Transatlantik-Rennen, führt seit 1978 allerdings nach Pointe-à-Pitre auf Guadeloupe, nicht nach Martinique.
Die Cap Martinique reiht sich in diese Tradition ein – mit einem eigenen, unverwechselbaren Charakter als Regatta für Amateure mit Herz.

Redakteurin Panorama und Reise