Tatjana Pokorny
· 10.05.2026
Kleine Schritte, große Wirkung. So hat Steuermann Erik Kosegarten-Heil am Sonntagnachmittag in Hamilton auf Bermuda beschrieben, wie sein Team im SailGP immer besser in Fahrt kommt. Immer wieder hatten sich zuletzt in der neuen Saison die Starts von Team Germany als Achillesferse erwiesen. Entsprechend intensiv hatte die Mannschaft in den Wochen zwischen der Rio-Premiere und dem Bermuda-Gipfel an diesem Thema gearbeitet.
Die Früchte für diese akribischen Detailarbeit erntete das Germany SailGP Team by Deutsche Bank jetzt im Great Sound von Bermuda. Zwar gab es immer noch Starts zum Vergessen, aber eben auch solche, die für starke Rennergebnisse sorgten. Dazu gute Ergebnisse nach schwachen Starts, weil die deutsche Mannschaft im Aufholen zu den Besten zählt.
Geradezu königlich gelang Erik Kosegarten-Heil dann der wichtigste Start im siebten und letzten Fleerace, in dem es um den Finaleinzug ging. Da hatten sich Australiens Flying Roos und Spaniens Los Gallos ihre Plätze im Finale schon mit dominanten Leistungen gesichert. Doch welches Team würde das dritte Finalticket lösen können und die beiden SailGP-Giganten fordern dürfen?
Die wilde Entschlossenheit des deutschen Teams war beinahe greifbar. Steuermann Erik Kosegarten-Heil und seine Crew legten am Sonntagnachmittag in den eher leichten und unbeständigen Winden im Great Sound einen perfekten Start in Lee hin.
Das war ein unfassbarer Start, der genau gepasst hat – der ausschlaggebende Faktor für den Finaleinzug.“ Erik Kosegarten-Heil
Team Germany raste nach dem Blitzstart los, erreichte die erste Marke zuerst und ließ sich beim souveränen Start-Ziel-Sieg über den gesamten Kurs nicht mehr aus dem Konzept bringen. Weder von den hartnäckigen australischen Jägern, noch von den powernden Spaniern. Unter Druck glänzte Erik Kosegarten-Heil mit Drahseilnerven. Die Crew agierte, als hätte sie nie anderes getan, als in der hochkarätigen Flotte vorneweg zu segeln.
Unter Druck cool zu bleiben, ist eine von Eriks größten Stärken.” Felix van den Hövel
Damit nahmen die Deutschen auch den amtierenden SailGP-Meistern von 2025 die Chance aufs Finale: Team Emirates GBR kam in Rennen sieben mit Rang fünf ins Ziel, konnte nur aus der Entfernung zusehen, wie Schwarz-Rot-Gold als Rennsiger ins Ziel stürmte und damit den dritten Platz im Finale eroberte. Am Ende machten satte neun Punkte den Unterschied zwischen dem deutschen Finaleinzug und dem von den Briten nach der Rio-Schlappe erneut verpassten Sprung in die Top-Drei aus.
Wir segeln nicht auf dem Niveau, das wir gerne sehen würden.” Dylan Fletcher
Für den Rennstall von Thomas Riedel, dem viermaligen Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel und weiteren Investoren markierte die GER-Gala im Great Sound an diesem Wochenende den bisherigen Saisonhöhepunkt. Erst zum dritten Mal in der 2023 gestarteten Teamgeschichte haben sie ein Finale erreicht. Zuvor hatte das Team 2025 auf dem Genfer See seinen ersten Eventsieg gefeiert und war in Cádiz noch einmal ins Finale vorgedrungen.
Im Finale selbst dann waren die dreimaligen australischen SailGP-Rekordsieger der Bonds Flying Roos und die 2024er-Meister Los Gallos aber nicht zu knacken, auch wenn es zwischen Spaniern und Deutschen, den Teams um die langjährigen olympischen 49er-Sparringpartner Diego Botin, Flo Trittel und Erik Kosegarten-Heil phasenweise eng zuging und sie die Plätze einige Male tauschten. Am Ende machten die Spanier nach dem Zieldurchgang der siegreichen Australier die Tür für die Deutschen zu und sicherten Platz zwei.
„Da hatten wir im Finale die falsche Startstrategie“, räumte Erik Kosegarten-Heil freimütig ein. Der Freude des 36-jährigen Berliners über die Top-Leistung seiner Mannschaft tat das beim fünften Event der insgesamt sechsten SailGP-Saison kaum Abbruch. “Es ist schade, dass wir nicht gewonnen haben, aber das Finale bedeutet Aufwind fürs Team”, hielt der zweimalige Olympia-Dritte fest. Es geht aufwärts für den deutschen Rennstall in der Weltliga SailGP.
Mit Platz neun in die Saison eingestiegen, hat sich das die Mannschaft inzwischen in die vordere Tabellenhälfte vorgearbeitet. „Wir sind auf einer aufsteigender Welle. Das spürt man“, sagte Erik Kosegarten-Heil. Erst 2023 in die Segelrennliga eingestiegen, kann sich sein Team zunehmend besser behaupten. So sieht es auch Coach Lennart Briesenick, der sagte: “Die Stimmung im Team war extrem fokussiert. Wir haben über das Wochenende technisch und taktisch gute Aufholjagden geliefert und am Sonntag im letzten Start genau die Aggressivität gezeigt, die man braucht, um unter die Top 3 zu fahren. Strategisch war das heute eine super Leistung des gesamten Teams.”
Team der Stunde sind die Bonds Flying Roos. Die dreimaligen SailGP-Rekordsieger um Fahrer Tom Slingsby holten vor Bermuda ihren bereits dritten Event-Sieg in dieser Saison. Zuvor hatte Teammitbesitzer Ryan Reynolds im Great Sound ein Training mit den „Fliegenden Kängurus“ bestritten. Der als Titelheld der Marvel-Reihe Deadpool bekannte Schauspieler erlebte an Bord des Highspeed-Katamarans Geschwindigkeiten von fast 90 km/h.
Zusammen mit Hugh Jackman einer der Co-Eigentümer, sagte Reynolds: „Das ist eine der irrsinnigsten Sachen, die ich je in meinem Leben gemacht habe. Die Welt muss mehr darüber erfahren.“ Danach stürmten die Grün-Gelben im Traumrevier am nördlichsten Zipfel des Bermuda-Dreiecks zum SailGP-Kantersieg. Sie gewannen erst die Fleetraces, dann auch das Finale unangefochten. Damit bauten die Australier ihre Tabellenführung in der Saisonmeisterschaft auf 45 Punkte aus.
Wir hatten es gestern voll im Griff. Und wir hatten es heute voll im Griff.” Tom Slingsby
Ihnen folgen die in der Saisonmeisterschaft nach etwas mehr als einem Drittel der Events Titelverteidiger Emirates GBR (35 Punkte) und Los Gallos (34 Punkte). Team Germany (23 Punkte) startet von Position sechs aus in das sechste SailGP-Event am 30. und 31. Mai in New York.
Abseits vom Wasser bleibt die Aufgabe für die Liga und die Teams, die technischen Probleme einiger F50-Foiler in den Griff zu bekommen, die an diesem Wochenende mehrere Teams plagten. Die Folgen daraus haben das sportliche Bild etwas verzerrt. Ob Bedienbarkeit der Foils, Hydraulikprobleme und ölglatte Boote – die damit verbundenen verpassten Rennen schmerzten die bertroffenen Teams sportlich – und in der Tabelle. Nicolai Sehested, dänischer Steuermann im Team Rockwool Racing, empfand es als “frustrierend”, dass sein Team zum vierten Mal in Folge mit technischen Problemen zu kämpfen hatte.
Event neun der laufenden Saison wird das Heimspiel für Erik Kosegarten-Heil, Strategin Anna Barth, Flügeltrimmer Kevin Peponnet, Flight Controller James Wierzbowski und die Grinder Linov Scheel und Will Tiller sein: Am 22. und 23. August geht es zum zweiten Mal nach der Premiere im vergangenen Jahr vor Sassnitz auf der Ostsee zur Sache. Zum Ticket-Verkauf geht es hier.

Freie Reporterin Sport