Für genau dieses Revier an der Nordspitze des Bermuda-Dreiecks wurden die F50-Foiler einst kreiert: Im Great Sound feierten sie als AC50er im 35. America’s Cup 2017 Premiere, um danach um- und neugebaut zu werden und als F50-Flotte ab 2019 Karriere im SailGP zu machen.
Die Boote kommen nach Hause. Sie sind für das Revier von Bermuda designt worden.” Erik Kosegarten-Heil
Team Germanys Fahrer Erik Kosegarten-Heil blickt dem SailGP-Gipfel im Traumrevier von Bermuda mit viel Vorfreude entgegen, wie er im Vorabgespräch an der Hamburger Alster bei einem Partner-Event des Germany SailGP Teams erzählte: “Die Farben dort sind wundervoll, einfach krass schön. Der Great Sound bietet einen vergleichsweise großen Rennkurs mit flachem Wasser.”
Hier können die rasenden Foiler ihre Kräfte entfalten, auch wenn der Mai nicht zu den windstarken Monaten im Atlantikrevier zählt. Gut 1000 Kilometer östlich von Cape Hatteras isoliert im Nordatlantik gelegen, sind die bis zu 360 Inseln, Inselchen, Riffe und Felsen der Bermudas den Elementen ausgesetzt. Am SailGP-Wochenende werden die Teams vor der Kulisse der Hauptinsel voraussichtlich von zwei unterschiedlichen Wetterszenarien geprüft.
Moderate nordöstliche Winde und etwas Welle könnten die Samstagrennen prägen. Am Sonntag dann erwartet SailGP-Meteorologe Chris Bedford möglicherweise drehende und unbeständige Winde, die für einiges Durcheinander im Klassement sorgen könnten. “Eine Art, auf dieses Szenario zu blicken ist die, dass entsprechendes Chaos das Niveau in der Flotte nivelliert. Wenn die Winde etwas unvorhersehbarer sind, hat jeder mal eine Chance aufs Glück. Und jeder hat die Chance, mal einen Fehler zu machen”, sagte Bedford.
Unter dem Strich erwartet der versierte Segler und Wetterexperte trotz der möglicherweise schwierigen Bedingungen am Sonntag, dass genügend Wind für alle Rennen da sein wird. “Je komplizierter, je besser eigentlich für uns”, sagt Erik Kosegarten-Heil, der es schon in seinem olympischen Zeiten mochte, wenn es “tricky” zuging. Das Germany SailGP-Team startet als Tabellen-Achter in das fünfte Event der sechsten SailGP-Saison.
Bei der SailGP-Premiere in Rio hatte Schwarz-Rot Gold zuletzt zwei Seiten gezeigt: ein paar zu viele schwache Starts glich Team Germany als bestes “Aufholteam” mit 18 gutgemachten Plätzen über alle sieben Rennen teilweise stark aus. Mit einem Rennsieg, einem zweiten und einem, dritten Rang zeigte das Team um Erik Kosegarten-Heil, wo die Reise hingehen soll.
Wenn die Starts klappen, sind wir am Start.” Erik Kosegarten-Heil
Die Formel klingt einfach, ist aber so leicht nicht umzusetzen. Insbesondere auf dem letzten Abschnitt vor dem Start – von der “Backwall” (hintere Begrenzung der Startbox) bis zur Linie – taten sich die Deutschen zuletzt schwer. Der Fahrer weiß, woran auch weiterhin ohne Trainingschance auf den F50-Foilern auf anderen Wegen zu arbeiten ist: “Es geht um die Balance zwischen Planung und Intuition.”
Weil es in der Liga mindestens bis in den Herbst hinein für kein Team reale F50-Trainingsmöglichkeiten gibt, müssen sich alle weiter mit alternativen Möglichkeiten zur Fortbildung befassen. Nach wie vor trainieren die Segler vom Germany SailGP Team auf Switches. Zuletzt aber haben sie auch intensiv mit Simulationsprogrammen geübt. Ein Steuerrad wie von einer Playstation und die entsprechenden Programme auf dem Laptop machen es möglich.
Wie es funktioniert, zeigten Erik Kosegarten-Heil, Strategin Anna Barth, Grinder Linov Scheel und weitere Teammitglieder gerade bei einem Tag mit Partnern des Teams im Norddeutschen Regatta Verein an der Alster. Mit kleiner Ausrüstung, Laptop und passendem Programm können sie überall und jederzeit mit- und gegeneinander trainieren. Einstellen lässt sich dafür fast alles: Flughöhe, Flughöhe, Krängung, Ruder und sehr vieles mehr. Über das Hinzufügen der Kursgrenzen entsteht ein virtueller Rennkurs. Los geht es.
“Cool ist, dass man relativ viel auf ‘Auto’ stellen kann, aber auch ebenso viel auf “Manual”. Man könnte das Ding komplett alleine segeln, sogar den Rake selbst machen. Das wäre dann unglaublich schwierig”, erklärt SailGP-Coach Lennart Briesenick die 1001 Möglihckeiten des Programms, das sich als Gesamtherausforderung wie auch zum Üben ganz spezieller Bereiche nutzen lässt.
Ein einzelner Nutzer kann sich seine üblichen Mitsegler “dazuholen”, indem er deren Aufgaben “auf Knöpfe legt”, also auf Automatik schaltet, und sich nur auf seine typischen Aufgaben konzentriert. “Man kann aber eben auch sagen, man macht beispielsweise den Rake (Red.: Mastneigung) selbst, um sich kognitiv herauszufordern”, beschreibt Lennart Briesenick eine von unzähligen Möglichkeiten des Trainingsprogramms.
Das Team hat in den vergangenen Wochen intensiv gearbeitet. Erneut auch an der Kommunikationsoptimierung. Auf diesem Weg hat Erik Kosegarten-Heil seine Crew mit hintergründigen Fragen zu ihren Einschätzungen und ihrer Wahrnehmung von bestimmten Situationen auf dem Kurs Hausaufgaben gegeben. Er will noch genauer herausfinden, auf welche möglicherweise ganz unterschiedliche Weisen jedes segelnde Crew-Mitglied Situationen sieht, beurteilt und entsprechend kommuniziert.
Nach wie vor wird im deutschen Rennstall an der Reduzierung und Optimierung der Kommunikation an Bord gearbeitet. Es gilt die Formel: je weniger Kommunikation, je mehr Freiraum für Intuition, Taktik und Strategie.
Gleichzeitig sieht Erik Kosegarten-Heil sein Team Fortschritte machen, sagt: “Wir sind wahrscheinlich besser als wir es zur gleichen Zeit im vergangenen Jahr waren. Wenn wir vorne sind, überholen uns die Leute nicht mehr so leicht. In Rio hatten wir es in der Hand, einen Podiumsplatz zu erkämpfen. Bisher sind die Starts aber noch nicht rund gelaufen. Aber wenn wir gute Starts fahren, dann sind wir voll da.”
Der Steuermann drückt sich auch um einen Wunsch für Bermuda nicht herum. “Am liebsten aufs Podium”, sagt er und lächelt. Das Ziel verbindet ihn mit den meisten der zwölf Teams, die im Great Sound zum Apex Group Bermuda Sail Grand Prix aufkreuzen werden. Nur Neuseelands Black Foils müssen weiter zuschauen, Nach dem dramatischen Crash mit Frankreichs DS Team Automobiles in Auckland und dem dabei zerstörten Boot ist ihr Neubau noch nicht fertig.
Frühestens zum siebten Event im kanadischen Revier von Halifax (20./21. Juni) ist mit dem Kiwi-Comeback zu rechnen. Bis dahin schnappen sich andere die Punkte. Die zuletzt in Rio siegreichen australischen Bonds Flying Roos starten auch vor Bermuda als Mitfavoriten in die sieben Fleetraces bis zum Triple-Finale der besten drei Teams.
Spannend ist die Frage, ob sich Dylan Fletcher und das sonst vom Erfolg geküsste Team GBR von der in Rio erlittenen Schlappe erholt haben? Zwischen Zuckerhut und Christusstatue waren die amtierenden Meister auf dem Wasser nicht über den letzten Platz hinausgekommen (hier geht es zu den Rio-Ergebnissen). SailGP-Boss Russell Coutts hat da gerade noch einmal etwas Salz in die Wunde gestreut und in seiner Bermuda-Vorschau festgehalten, dass die Briten in Rio nicht etwa nur Pech gehabt hätten, sondern einfach nicht besser gesegelt seien. “Sie hatten es verdient, auf dem letzten Platz zu sein”, so Coutts. Rumms.
Einen kleinen Seitenhieb verpasste Coutts auch Team Germany für die “langsameren Starts als erwartet”. Lob dagegen schickte “Mister SailGP” an die in der vergangenen Saison noch sehr schwachen Amerikaner, die nach den ersten vier Events der neuen Saison in der Tabelle überraschend auf Platz drei liegen. Coutts sagte: “Ich denke, dass jeder, der behauptet, er hätte erwartet, dass sie so stark auftreten würden, die Wahrheit etwas beschönigt.” Hier geht es zu den Zwischenständen in der SailGP-Saisonmeisterschaft.
Wie es in Bermuda ausgehen wird, lässt sich zur besten Sendezeit am Samstag und Sonntag (9. und 10. Mai) im SailGP-Stream des ZDF jeweils ab 19 Uhr verfolgen. Kommentator ist Nils Kaben, der mit Felix Van den Hövel erstmals offiziell einen Co-Kommentator vom Germany SailGP Team an seiner Seite hat. Der Grinder aus dem deutschen Team ist schon länger auch als rasender Reporter für die Mannschaft im Einsatz. Hier geht es zum ZDF-Live-Stream.
Dem Bermuda-Einsatz blickt auch Strategin Anna Barth frohlockend entgegen: “Ich freue mich echt sehr, sehr darauf. Die Boote wurden dafür gebaut. Dazu dieses Wasser…!” Nach dem Rio-SailGp sieht Anna Barth gute Chancen ihre Mannschaft: “Aus Rio kommend, sehe ich, dass wir das Zeug dazu haben, auch vorne mitzuspielen. Das haben wir dort mehrfach gezeigt. Wir hatten echt viele Top-Drei-Ergebnisse, haben es aber nicht geschafft, das konstant auf den Zettel zu kriegen.”
Die Lösung? “Wenn wir es hinkriegen, nicht so zwei dicke Dinger drinzuhaben. Die haben uns das Finale gekostet. Ich glaube, dass wir eine gute Chance haben, das mal wieder zu schaffen.” Nach wie vor – das sieht auch Anna Barth – läuft das deutsche Team dem großen Erfahrungsschatz der Etablierten mit mehreren SailGP-Jahren Vorsprung hinterher, doch der Abstand wird kürzer. “Wir merken nach wir vor, auch wenn ich mich da wiederhole, wie wenig so ein australisches Team darüber reden muss, wie sie das Boot segeln. Und wie viel Platz das bei uns einnimmt.”
Entsprechend mehr Kapazität haben Teams wie die Bonds Flying Roos für taktische und strategische Überlegungen. “Aber”, so Anna Barth auch, “ich habe schon das Gefühl, dass wir da ein bisschen dichter rankommen.”
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xx Hier geht es zu den Crew-Listen.

Freie Reporterin Sport