Liebe Leserinnen und Leser,
tagelang durch gut gefüllte Hallen mit Ausrüstung und neuen Yachten stromern und dafür auch noch Geld bekommen – der Großteil der Segler würde wohl sofort mit mir tauschen, aber irgendwie habe ich den Kopf dieses Jahr nicht frei. Denn neben der beruflichen Neugier auf die Neuheiten der boot Düsseldorf kreisen die Gedanken allzu oft um die lange Liste der noch zu erledigenden Winterarbeiten.
Dabei hatte der Herbst entspannt angefangen. Beim Ostsee-Orkan stand unsere Bianca bereits sicher und trocken in der Halle, und die wichtigsten Dinge hatten wir direkt nach dem Krantermin erledigt. Dank jahrzehntelanger Pflege stand außer der Politur und einer frischen Schicht Antifouling nichts an. „Wir haben im Winter nicht viel zu tun“, hatte ich stolz beim abendlichen Bier mit ebenfalls segelnden Freunden gesagt. Damit war das Thema Winterlager durch, und die Unterhaltung schwenkte in Richtung: Was wäre, wenn? Kurzum: Es ging um mögliche Bootstypen, die man sich als Alternative zum aktuellen Gefährt vorstellen könne. Im Grunde eine völlig hypothetische Frage, schließlich ist unsere Bianca 107 seit gut 30 Jahren im Familienbesitz, sie segelt gut, ist technisch top in Schuss und hat uns zu tollen Zielen von Norwegen bis Nordschweden gebracht. Außerdem ist sie für unsere Jungs das zweite Zuhause. „Papa, die dürft ihr nie verkaufen, damit ich später mit meinen Kindern darauf segeln kann“, sagte mein Achtjähriger erst kürzlich.
Wollten wir auch nicht, aber natürlich gibt es das ein oder andere Boot, das ich mir als Alternative vorstellen könnte. Und gerade im Winter kann man abends auf dem Sofa auch gut mal durch die Gebrauchtbootanzeigen surfen. Es kam, wie es kommen musste: Die Freunde hatten just eines der von mir genannten Boote auf der YACHT-Website erspäht, und das sogar direkt vor der Haustür und auch noch zu einem erstaunlich guten Preis. Schon um das Gesicht zu wahren, blieb mir nichts anderes übrig, als einen Besichtigungstermin zu vereinbaren. Aber damit fing das Problem erst richtig an.
Dass das Boot Wartung und Pflege nötig hat, war schon nach dem Telefonat mit dem Makler klar. Denn der Eigner hatte keine Zeit mehr, sich um das Boot zu kümmern und es die ganze Saison nicht bewegt. Aber dafür bin ich schließlich vom Fach, und an Booten habe sich schon immer gern geschraubt, außerdem sollte es nach einer gründlichen Außenreinigung schon viel besser aussehen. Die Besichtigung lief also gut, die nötigen Arbeiten und Kosten wurden kalkuliert, der Preis angepasst und wir unversehens Eigner einer X-37. „Die würde gerade noch auf unseren Liegeplatz passen“, hatte ich beim Bier gesagt …
Seglerisch überzeugte das Boot schon auf den ersten Meilen, und selbst ein Platz in einer Winterlagerhalle ließ sich erstaunlicherweise noch auftreiben. Mit dem entspannten Winterprogramm war es allerdings vorbei. Denn damit alles wieder wie vorgesehen funktioniert, muss von der Ankerwinsch bis zum Auspuff geschraubt werden. Derzeit gleicht das Boot einem 1.000-Teile-Puzzle aus Elektronik, Innenausbau und Motorteilen. Allein die fein säuberlich in Tütchen verpackten Schrauben der diversen demontierten Verkleidungen und Einbauteile füllen einen Schuhkarton, die obsolete Verkabelung von längst nicht mehr funktionierender Elektronik mehrere weitere Kisten. Um Herr der Lage zu werden, beschränkt sich das abendliche Surfen derzeit auf die Suche nach speziellen Ersatzteilen. Immerhin scheint der Zenit des Zerlegens überschritten zu sein. Am letzten Wochenende vor der Messe hat die neue Heizung den Betrieb aufgenommen, und Kühlwasser- und Auspuffsystem des Motors sind ebenfalls wieder betriebsbereit. Ein Großteil der Elektrik arbeitet auch schon, wie er soll.
Dafür läuft der Messebesuch irgendwie auf Autopilot, der frische Bootsbesitz sorgt zumindest beim privaten Interesse an den ausgestellten Yachten für eine gewisse Sättigung. Bleibt also nur die berufliche Neugier und die Bestätigung, ein sehr schönes Gebrauchtboot gekauft zu haben. Immerhin sind die Ausrüster-Hallen jetzt umso spannender, und ab morgen heißt es wieder: Winterlager statt Messehalle.
YACHT-Redakteur
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