Meinung35 Jahre Mauerfall – auch ein Thema für Segler!

YACHT

 · 09.11.2024

Meinung: 35 Jahre Mauerfall – auch ein Thema für Segler!
YACHT-Woche – Der Rückblick
yacht/bullseye-yacht-woche-2000x500-lasse_3b2d005e8a6bded0875ebdf491b30812

Liebe Leserinnen und Leser,

es ist Sonntag, der 5. Juli 1987, zwei Tage nach dem Start unserer Sommerreise mit der Familie auf dem elterlichen Boot. Ich bin 13 Jahre alt, aufgeregt und ziemlich stolz, denn wir segeln, von Klintholm kommend, in die Nacht. Und ich darf wach bleiben und neben meinem Vater im Cockpit sitzen. Der hat die Pinne in beiden Händen und stiert durch die Finsternis auf den schwach beleuchteten Kompass.

Unser Ziel ist für damalige Verhältnisse exotisch, wir wollen nach Swinemünde und dort polnische Segelfreunde besuchen. Dass man dafür ein Visum braucht, auf das man ein Jahr warten muss, und Exportgüter wie Whiskey, Toilettenpapier und Damenstrumpfhosen, um überhaupt einklariert zu werden, habe ich schon erfahren. Auch, dass der Grund für all das ein sogenannter eiserner Vorhang ist, und wie er zustande kam, hat mich im Vorfeld der Reise beschäftigt.

In dieser Nacht wird mir bewusst, dass dieser eiserne Vorhang auch Teile der deutschen Küste abriegelt. Und das nicht nur in eine Richtung.

Meistgelesene Artikel

1

2

3

Stundenlang geht es bei leichtem Südwestwind unter Groß und Genua I durch die Dunkelheit. In respektablem Abstand von der Küste Rügens segeln wir nach Südosten. GPS-Kartenplotter für Sportboote gibt es noch nicht. Unser ganzer Stolz ist der am Kartentisch installierte APN 4, ein Decca-Navigator von Philips. Regelmäßig halten wir im Logbuch den von diesem Zauberkasten angezeigten Standort fest und zeichnen ihn in die Seekarte ein. Auf der ergibt sich so über die Stunden ein Kurs entlang der DDR-Seegrenze.

Wie gefällt Ihnen dieser Artikel?

Was diese unsichtbare Mauer bedeutet, erklärt mir mein Vater, als wir von einem der 34 Schiffe angeleuchtet werden, die als Grenzbrigade 6 der Deutschen Demokratischen Republik Fluchten ihrer Bürger über See verhindern sollten. Es war gängige Praxis, dass die Grenzschützer ihre Hoheitsgewässer verließen, um auf offener See nach Fluchtbooten zu suchen, die sich über Nacht unentdeckt entfernt hatten, wie Christine und Bodo Müller wenige Jahre später in ihrem Buch „Über die Ostsee in die Freiheit“ schreiben werden.

In dieser Nacht erlebe ich es selbst und die Erklärungen meines Vaters sind ein Geschichtsunterricht, der salzig schmeckt.

Und ein wenig bitter. Denn während das typische, dumpfe Dröhnen der Wachboote deutlich zu vernehmen ist, und der grelle Lichtstrahl ihrer Suchscheinwerfer von Zeit zu Zeit am Horizont aufflackert, erfahre ich, dass wir gerade einen Bogen um ein zweites deutsches Land machen. „Wier können dort nicht hinsegeln,“ sagt mein Vater nur. „Und so wie es derzeit aussieht, werden wir wohl auch kaum erleben, dass sich daran etwas ändert.“

Von der DDR hatte ich bis dahin nur als etwas Abstraktem gehört. Nun erlebe ich selbst, was deutsche Teilung heißt. Ein Abstecher ins nur wenige Seemeilen an Steuerbord liegende Sassnitz etwa, ist unvorstellbar.

Seitdem ich wenige Wochen alt bin, gehöre ich zur Familiencrew. Und wo sind wir in diesen 13 Jahren nicht schon überall gewesen. Irgendwo nicht hinsegeln zu dürfen, das ist für mich damals völlig unvorstellbar.

Heute kann ich mich kaum mehr an die Einzelheiten des Gesprächs mit meinem Vater erinnern. Aber daran, dass ich viel darüber nachgedacht habe, wie so etwas möglich ist. Auf hoher See, und ausgesperrt. Es ist eine Erfahrung, die mich, der ich gerade erst im Begriff war, mich für politische Zusammenhänge zu interessieren, für mein Leben geprägt hat.

Wenig später, heute ist es 35 Jahre her, fiel die Mauer dann doch. Mich hat das damals tief bewegt.

Wenn es schon mir als kleinem Jungen bedrückend vorkam, nicht über die Seegrenze segeln und einen Hafen an der Küste Rügens anlaufen zu dürfen, wie deprimierend musste es auf die Menschen wirken, die dort auf ihren seegehenden Yachten saßen und nicht ins Ausland segeln durften?

Bald schon konnte ich mit Seglern aus der DDR sprechen. Noch im Winter 1989/90 nahmen wir Kontakt auf, im Sommer 1990 war es soweit und erstmals war es das Ziel unserer Sommerreise, an der deutschen Küste weiter zu segeln, als es bis dahin möglich gewesen war. Ich habe diese Reise als eine der schönsten meines Seglerlebens in Erinnerung. Es kam mir vor, als hätte sich die Tür zu einem geheimen Garten geöffnet.

In Erinnerung geblieben ist mir, wie aufregend es war, mit Warnemünde einen deutschen Auslandshafen anzusteuern. Den Gastlandstander in vertrauten Farben, aber mit dem Emblem der DDR zu setzen. Beim Einklarieren von Beamten in gemeinsamer Sprache begrüßt zu werden. Und dann schon von Freunden dort empfangen zu werden, die wir im Winter kennengelernt hatten.

Ich erinnere, wie sehr mich die Landschaft in ihren Bann gezogen hat, als es weiter in die Boddengewässer ging. Sie kamen mir vor wie eine Schlei, die nicht enden wollte. Es ging tagelang immer weiter an schilfbewachsenen Ufern entlang.

Ich erinnere das Wechselbad der Stimmungen, in das wir, munter auf die Menschen zugehend, eintauchten. Von euphorischer Aufbruchstimmung und Freude über Reisefreiheit über Wehmut und Sorge, die vertraute Umgebung zu verlieren, bis hin zu nachvollziehbaren und sehr realen Existenzängsten.

Es war erneut ein Geschichtsunterricht, den das Seglerleben mir ermöglichte, der Geschmack aber war ein anderer.

Über die Frage, wie es den Seglern während der DDR-Zeit ergangen war, erfuhren wir nun aus erster Hand. In den winzigen Häfen lagen wir meist mit nur wenigen von ihnen zusammen, man kam sofort ins Gespräch, half sich aus, begrüßte und verabschiedete ankommende und auslaufende Bootsbesatzungen, saß abends noch lange zusammen.

Der große Run aus dem Westen war in diesem ersten Sommer ausgeblieben. Doch die Furcht davor war spürbar und verständlich. So eine familiäre Atmosphäre hatte ich unter Seglern, die sich gar nicht kannten, vorher nicht erlebt. Auch, dass man sich mehrheitlich mit den Verhältnissen im Sozialismus abgefunden hatte, war zu spüren.

Über die DDR-Segelwelt erschienen bald auch erste Veröffentlichungen. Allen voran Wilfried Erdmanns bezauberndes Buch „Mein grenzenloses Seestück“. Einen ganzen Sommer lang war der Weltumsegler, der als junger Mann aus der DDR geflohen war, um seine Reiselust ausleben zu können, mit dem Zugvogel durch die Gewässer Mecklenburg Vorpommerns gesegelt und hatte sich unter die Menschen dort gemischt. Er wiederholte die Reise 13 Jahre später und zog in „Ein deutscher Segelsommer“ Vergleiche. Die Bücher sind wertvolle Zeitzeugenberichte über die Wiedervereinigung.

Auch das schon erwähnte Buch „Über die Ostsee in die Freiheit“ zog mich unmittelbar nach dem Erscheinen in seinen Bann. Christiane und Bodo Müller hatten sich die Mühe gemacht, möglichst umfassend Fluchtversuche über die Ostsee zu recherchieren, die geglückten und die gescheiterten.

Von zehn Menschen, die bei der Flucht über die Ostsee ihr Leben verloren, wusste man beim Mauerfall. Aktuelle Forschungen kennen 135 Fälle. Doch wie viele Menschen durch Unterkühlung oder Ertrinken auf ihrem Weg in die Freiheit wirklich umkamen, so schrieben schon Müllers in ihrem Buch, wird sich nie klären lassen. Denn das Meer kennt keine Zeugen. Und das gilt bis heute.

Heute ist es auf den Tag genau 35 Jahre her, dass die Mauer fiel. Und mit ihr öffnete sich auch die nasse Grenze zwischen Ost und West.

Um daran zu erinnern, habe ich in der vergangenen Woche die Geschichte eines Stralsunder Ehepaares aufgezeichnet, das 1961 in letzter Minute vor dem Mauerbau und der damit einhergehenden, totalen Abriegelung der Seegrenze, mit ihrem Nationalen Kreuzer „Rugia“ gleich zweimal aus der DDR geflohen ist.

Denn auch aus Seglersicht gibt es aus meiner ganz persönlichen Erfahrung gute Gründe dafür, sich an diesen Teil unserer Geschichte zu erinnern.

Lasse Johannsen

stellv. YACHT-Chefredakteur


Draufklicken zum Durchblicken:

Die Woche in Bildern

Endlich Action: Morgen startet die zehnte Vendée Globe!
Foto: Thomas DEREGNIEAUX - QAPTUR / TEAM MALIZIA

Lese-Empfehlungen der Redaktion

yacht/Myproject-122_588dd1e2bf08c53ce7f0b81757956597

Heimkehr

Große Hafenparty für Burke/Fink am 2. Mai in Hamburg. Sei dabei!

yacht/672090838-1372774784886325-5499412684192986558-n-4fa010_4868e40dd9d9ac31f8ce4bfd29c59c30

Was in einer Hamburger Küche als mutiger Plan begann, findet am 2. Mai seinen glanzvollen Abschluss: Nach ihrer Teilnahme an der Weltumsegelungs-Regatta Globe40 kehren Melwin Fink (24) und Lennart Burke (27), die jüngste deutsche Zweihand-Crew, in ihren Heimathafen zurück. Aus der ursprünglich geplanten "Kiste Bier am Steg" zum Empfang ist ein echtes Highlight für alle Fans geworden. Seid dabei, wenn die Jungs am Samstag in der HafenCity einlaufen!


Kollision vor Rügen

Wenn Verkehrssicherung zur Gefahr wird

yacht/lng-und-segler_d55d83305402dd806aa334b4d0bd5e6e

BSU-Bericht enthüllt: Ein unklar gekennzeichneter Schlepper kollidierte mit einer Segelyacht vor Rügen. Der Fall zeigt gravierende Lücken bei Verkehrssicherungsfahrzeugen.


Swan 73

Nautors neues 22-Meter-Modell

yacht/sailing-1_807487f6d569ac86fa7e28b750e77898

Nautor Swan präsentiert die Swan 73 und markiert damit nach zwei Jahrzehnten die Rückkehr in das 22-Meter-Segment. Das neue Modell kombiniert Regatta-Performance mit hervorragenden Cruising-Eigenschaften durch ein asymmetrisches Decklayout und überzeugendes Interieur-Layout. Der erste Rumpf entsteht bereits in Pietarsaari und soll 2027 zu Wasser gelassen werden.


Iran-Krieg

“Nord” - erste Megayacht passiert Straße von Hormus

boot/lurssen-my-nord-credits-tom-van-oossanen_296aee02df3cc0aa00567317c4080abb

Als erste Megayacht wagte die 142 Meter lange "Nord" die Passage der gesperrten Straße von Hormus - mit Erfolg.


IOR-Eintonner „Anaïs“

Racer mit Fahrtenseglermodus

yacht/100204667_6d805294e82cf49110998412f2fd580d

Der 1968 von Dick Carter entworfene Eintonner „Anaïs“ ist ein Schwesterschiff der Doppelweltmeisterin „Optimist“: Er wird von einer Hamburger Familie als Fahrtenschiff genutzt.


Seenot

Leck durch Schwertfisch-Angriff auf dem Atlantik

yacht/xiphias-gladius-stuffed_2f9e2b5f706de663a678c70a5bb17e9a

Mitten auf dem Atlantik wurde ein Boot der Flotte The Worlds Toughes Row von einem Marlin durchbohrt. Ein Video der Crew hat unter Blauwasserseglern eine lebhafte Diskussion entfacht.


Schrottboote

Retten oder abwracken – Was tun mit alten Schiffen?

yacht/023319_bd6729d35a3b78365d34f5a0a6bcd0a4

Hunderte Eigner geben ihre Boote einfach auf. Schrottboote werden zu einem immer größeren Problem für Werften. Eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht.


​Glückstadtregatta

Was auf der Elbe wirklich passiert ist

yacht/die-dlrg-drochtersen-rettet-einen-mann-von-einem-segelboot-1293972h_f06ffe247d6d7fdfbf77f0756469929d

Ungewöhnlich hohe Wellen, mehrere Havarien und eine große Suchaktion: Bei der Glückstadt-Regatta auf der Elbe kam es zu dramatischen Momenten, aber zu keinen Personenschäden. Wettfahrtleiter Michael Aldag erklärt, was wirklich passiert ist und warum fehlende Abmeldungen die Lage unnötig erschwerten.


Ostseeküste

Revierupdate 2026 – Flensburger Förde und Schlei

yacht/screenshot-2026-04-26-143554_bc8fa8395ff4c26fd2c5ec5a8a9ba34a

Entlang der deutschen Ostseeküste hat sich zur Saison 2026 sind Neuerungen angekündigt. Unser Revierupdate für die Flensburger Förde und die Schlei.


Kroatien

Der Kvarner - Geheimtipp im Norden

yacht/100203434_d67bb669ee0b7b9854b85c74a8d21b3c

Der Kvarner ist die größte Bucht an der kroatischen Adriaküste und ein unterschätztes Segelrevier. Warum der Norden Kroatiens noch immer ein Geheimtipp ist.



Newsletter: YACHT-Woche

Der Yacht Newsletter fasst die wichtigsten Themen der Woche zusammen, alle Top-Themen kompakt und direkt in deiner Mail-Box. Einfach anmelden:

Meistgelesen in der Rubrik Allgemeiner Service