MeinungThe Ocean Race – Start vor Hamburg, Ziel vor Kiel

YACHT

 · 01.07.2023

Meinung: The Ocean Race – Start vor Hamburg, Ziel vor Kiel
YACHT-Woche – Der Rückblick

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Liebe Leserinnen und Leser, liebe Ocean-Race-Fans,

man soll aufhören, wenn es am schönsten ist. Das hat im 14. The Ocean Race vor allem für Team Malizias Fans am Ende eines großen Abenteuers auf wunderbare Weise gepasst.

Boris Herrmann, Rosalin Kuiper, Will Harris, Nico Lunven und An-Bord-Reporter Antoine Auriol genossen mit ihrem Siegerbad im Ligurischen Meer in dieser Woche die symbolische Krönung ihres Rennens um die Welt. Gefeiert wurden ein letzter Etappensieg und Platz drei bei der Malizia-Premiere im Ocean Race. Die Bilder zeigten nach sieben Etappen und fast 100 Tagen auf See ein intaktes Team, das sich ausgelassen planschend auf dem knallroten Foil der „Malizia – Seaexplorer“ in den Armen liegt – und immer noch hält.

Die gute Laune der Malizianer war echt und ansteckend, aber nicht selbstverständlich am Ende eines Meeres-Marathons, der uns vom ersten Hafenrennen in Alicante bis zur letzten In-Port-Schau in Genua über 175 Tage mit Dramen, Höhenflügen und faszinierenden Charakteren wie ein überlanger Blockbuster in Atem gehalten hat.

Ich erinnere noch sehr lebendig, mit wie viel Aufbruchsgeist die Teams im Januar in Alicante in das Rennen gestartet sind. Da wusste noch niemand, mit welchen Narben auf Seelen und Booten diese Runde um die Welt im 50. Jubiläumsjahr des Ocean Race ins Ziel gehen würde.

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Die Malizianer konnten nicht ahnen, dass sie dem K.-o.-Schlag im Südpolarmeer bei 30 Zentimeter langem Riss im Mast nur haarscharf und durch heldenhafte Reparaturleistungen würden entgehen können. Boris hatte schon das Aus vor Augen, bevor sein Jugendtraum vom geglückten Kap-Hoorn-Gipfelsturm und der gewonnenen Königsetappe in Erfüllung ging.

Dass „Malizia – Seaexplorer“ den Meeres-Marathon mit einem Leichtwind-Triumph beenden konnte, war wie Balsam auf seinen von Kritikern strapazierten Nerven. Der geistige Vater und Mitentwickler der deutschen Imoca hatte sich immer wieder gegen Urteile gewehrt, dass seiner „Malizia – Seaexplorer“ in flauen Bedingungen das Durchsetzungsvermögen fehle. Als „Nonsens“ bezeichnete Boris die Einschätzungen, sein Boot sei schwerer und langsamer als die anderen. Würde man ihn nicht besser kennen, hätte man sich nach dem Sieg im italienischen Flautenpoker für einen Moment vorstellen wollen, dass er diese finale Genugtuung an Bord heimlich mit einem ekstatischen Freudentanz feiert. Doch dafür ist er nicht der Typ.

Der nun fünfmalige Weltumsegler ist ein Mann des langen Atems. Das passt auch zum Phänomen, dass Team Malizia bei diesem Ocean Race des Öfteren erst langsam, dann aber gewaltig in Fahrt kam. Zwar hat der Konjunktiv im Sport keine Gültigkeit, doch ist es interessant zu wissen, dass Team Malizia dreimal bei Endspurts sehr knapp unterlag: Auf Etappe vier fehlten 32 Minuten zum siegreichen Team 11th Hour Racing. Auf Etappe fünf nach Aarhus kam Team Malizia nur gut fünf Minuten nach der zweitplatzierten „Holcim – PRB“ ins Ziel. Auf Etappe sechs schließlich kostete ein Rückstand von gerade einmal 1 Minute und 20 Sekunden auf die Schweizer einen weiteren Punkt. Dreimal hätte es leicht auch anders ausgehen können. Man darf also festhalten, dass Team Malizia bei 32 Punkten im Abschlussklassement mit den US-Siegern von 11th Hour Racing (37 Punkte) und Team Holcim – PRB (34 Punkte) auf Augenhöhe gespielt hat.

Das lässt sich auch daran festmachen, dass Team Malizia mit 97 Tagen, 12 Stunden, 32 Minuten und 16 Sekunden den Globus in der schnellsten addierten Zeit umrundet hat. Bis 1993/1994 wurden die Ergebnisse im bekanntesten Mannschaftsrennen um die Welt auf diese Weise ermittelt. Zugegeben, das sind die Regeln von gestern und mit Biotherm gibt es dieses Mal nur ein anderes Team, dessen deutlich langsamere Gesamtzeit aufgrund aller sieben bestrittenen Etappen vergleichbar wäre. Und selbst Boris sagt, dass die Punktewertung wichtig und richtig ist. Wir haben aber schon nach Etappe sechs die Gesamtzeit von „Malizia – Seaexplorer“ mit der von 11th Hour Racings „Mālama“ miteinander verglichen. Auch da hatte die deutsche Imoca die Bugspitze schon deutlich vorn.

Boris Herrmanns Co-Skipperin Rosie Kuiper, die als einzige Frau bei dieser Ocean-Race-Edition alle Etappen bestritten hat und zu den heißen Kandidaten zählen dürfte, von denen einer oder eine am Samstagabend bei der großen Siegerparty in Genua mit dem Hans Horrevoets Rookie Award ausgezeichnet wird, brachte es am Ende noch einmal auf den Punkt: „Wir haben ein Boot für den Southern Ocean gebaut, mit dem wir einen 24-Stunden-Weltrekord aufstellen konnten. Und nun haben wir bewiesen, dass wir auch in leichten Winden schnell sein können.“ Mit dem letzten Kraftakt auf Kurs Zielhafen Genua hat sich Team Malizia im Ocean-Race-Finale damit selbst das größte Geschenk gemacht.

Mit der Verleihung des Rookie-Preises im Gedenken an Hans Horrevoets werden Erinnerungen an den Niederländer wach. Ich kannte ihn und musste am 18. Mai 2006 über seinen viel zu frühen Tod im Ocean Race berichten. Der Niederländer war damals im Alter von 32 Jahren eines der erfahrensten Crew-Mitglieder im jungen Team auf „ABN Amro Two“, als er zwischen New York und Portsmouth im Atlantik von einer riesigen Welle getroffen wurde, über Bord ging und nur tot geborgen werden konnte.

Zuletzt hatte das Ocean Race am 26. März 2018 das Leben des Briten John Fisher gekostet. Ihn konnte sein Team Sun Hung Kai/Scallywag im tödlichen Kampf mit einem schweren Sturm rund 1.400 Seemeilen westlich von Kap Hoorn trotz verzweifelter Suche nicht wiederfinden. John Fisher blieb auf See verschollen.

Als Renndirektor Phil Lawrence die Skipper bei dieser 14. Edition zu einer letzten Besprechung vor der berüchtigten und historisch längsten Südpolarmeer-Etappe zusammenrief, sagte er: „Wir haben auf der bevorstehenden Etappe schon Segler verloren. Ich will euch alle in Itajaí wiedersehen!“ Es ist für mich die beste Botschaft, dass im 50. Jubiläumsjahr des Ocean Race kein Leben auf See verloren ging!

11th Hour Racings Navigator Simon “Sifi” Fisher, der vor 17 Jahren auf “ABN Amro Two” seine dramatische Ocean-Race-Premiere erlebte, ist mit seiner sechsten Weltumsegelung inzwischen dichter an die Rekordmarke von Bouwe Bekking herangerückt, der das Rennen seines Lebens achtmal bestritten hat. See you next time, Sifi!

Denn nun gilt: Nach dem Rennen ist vor dem Rennen! Schon jetzt gibt es viele Planspiele für das 15. The Ocean Race, das 2026/2027 ausgetragen wird. Mehr darüber in der YACHT und bei YACHT Online. Ein Wiedersehen mit deutschen Akteuren ist sehr wahrscheinlich. Und wir sind gespannt, wie gut sich Deutschland nach dem gelungenen Fly-by ins Spiel bringen kann. Boris hat dazu noch eine prima Idee: „Wir könnten in Hamburg starten und vor Kiel ins Ziel gehen.“

Wie gesagt: Er ist ein Mann des langen Atems und weiß seine Karten meist gut zu spielen. Ebenso weiß Boris, dass Deutschland bei dieser Auflage in vielen Bereichen wie Fan-Engagement und Anteil an der Gesamtflotte ein sehr wichtiger Faktor für die Veranstalter war. Da darf man schon einmal im XL-Format träumen …

Zu den vielen schönen Schlussszenen in Genua zählte, dass Boris Herrmann seinen Landsmann Robert Stanjek am Donnerstag zum Mitsegeln auf „Malizia – Seaexplorer“ eingeladen hat. Die gereichte Hand vom Hamburger bestätigte auf kameradschaftliche Weise, was der Berliner Co-Skipper nach der Achterbahnfahrt seines Teams Guyot sagte: „Dieses Rennen hat einen enorm starken sozialen Aspekt. Die Solidarität der anderen hat uns gezeigt: Hier wird niemand zurückgelassen.“

In diesem Sinne: Danke an alle Teams – vom Koch bis zum Rigger, vom Skipper bis zur Bootsbauerin, von den jungen Ozeanstürmern bis zu den alten Haudegen –, Ihr habt dieses Rennen alle zusammen zu einem unvergesslichen Kapitel in der Ocean-Race-Geschichte gemacht!

Herzlichst Ihre

Tatjana Pokorny

YACHT-Sportexpertin

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Selten wurde eine Orca-Begegnung so genau dokumentiert wie beim Ocean Race
Foto: Screenshot/Video/Team Jajo/The Ocean Race

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The Ocean Race

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The Ocean Race 2022-23 - 27 June 2023. Team Malizia arriving in the first position to Genova, Italy. Arrival: 27/06/2023 11:17:51 UTC, Race time : 11d 19h 02min 51s.Foto: Sailing Energy / The Ocean Race

Boris Herrmann und sein Team Malizia haben die letzte Etappe gewonnen. Ein In-Port Race in Genua steht noch an, und dann wird Bilanz gezogen. Hier auf yacht.de erfahrt ihr auch zum Abschluss von The Ocean Race alles Wichtige.


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