MeinungWann wird’s mal wieder richtig Sommer?

YACHT

 · 12.08.2023

Meinung: Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?
YACHT-Woche – Der Rückblick

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Liebe Leserinnen und Leser,

warum ich es nicht bereue, mein Boot mitten in der Saison verkauft zu haben? Na, ganz einfach: Neben dem Fakt, dass ich meine in die Jahre gekommene foilende Motte aus Gründen loswerden wollte, wäre ich wohl sowieso kein einziges Mal mehr im Sommer segeln gegangen. Und das liegt nicht daran, dass ich keine Zeit dafür gehabt hätte oder permanent krank gewesen wäre, sondern einzig und allein am Wetter. Wer fragt sich denn derzeit bitte nicht: „Kommt da noch was oder war’s das schon?“

Zwar erlebten wir laut dem Deutschen Wetterdienst (DWD) einen überaus trockenen und heißen Juni – doch da hatte ich mein Boot ja auch noch. Und noch besser: Die Windbedingungen am Ratzeburger See waren hervorragend. Doch mit dem Verkauf und den ersten Julitagen scheint sich der Sommer bereits frühzeitig verabschiedet zu haben. Die Niederschlagsstatistik des DWD zeigt eindrücklich, wie verregnet die vergangenen Wochen insbesondere im Nordwesten Deutschlands waren: In einigen Regionen wurde ein Anstieg von über 250 Prozent gegenüber den Normalwerten verzeichnet.

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Neben der langen Regenperiode störte mich als vorübergehende Landratte in letzter Zeit natürlich auch der anhaltend unbeständige Starkwind. Mehr als einmal hatte ich wild strampelnd auf dem Fahrrad das Gefühl, den plötzlich einsetzenden Regen mit dem Druck eines Dampfstrahlers mitten ins Gesicht zu bekommen, ohne mich dabei überhaupt fortzubewegen. Den letzten Ruck zu diesem Text gab mir dann aber heute der völlig entnervte Bildredakteur. „Der hatte doch erst Urlaub?!“, schoss es mir sofort in den Kopf.

Ja – gerade deshalb war seine Laune so miserabel, wie sich schon nach einem kurzen Wortwechsel herausstellte. Der Sommerurlaub mit seinem Vater und seinen Kindern auf dem eigenen Jollenkreuzer war sprichwörtlich ins Wasser gefallen. Lediglich zwei von sieben Tagen konnten sie auf dem Wattenmeer überhaupt segeln, und wirklich spaßig hörte sich das in seinen Erzählungen auch nicht an. „Böen von 7 Beaufort bei angesagten 3 bis 4; mit kleinen Kindern bei ‚waagerechtem Regen‘ zum Ankerplatz paddeln“, maulte er. Ich bekundete Mitleid, insgeheim fühlte es sich natürlich aber so langsam wirklich gut an, jede freie Minute des Segelsommers in der dunklen Werkstatt verbracht zu haben, um die neue Motte schnellstmöglich zum Fliegen zu bringen. Rückblickend hatte ich also quasi die Zeit meines Lebens – zumindest nachdem ich von Kopf bis Fuß klatschnass in der Bootshalle angekommen war. Die Vorfreude auf meine neue Motte, die ich mir selbst zusammenbaue (mehr dazu bald hier auf yacht.de), ließ die Kleidung zwar nicht trocken werden, wärmte aber zumindest mein Herz ein wenig. Ein Dauerzustand ist das ja nicht, so ganz ohne Boot.

Für Galgenhumor ist bei der aktuellen Lage jedoch selbst bei mir wenig Platz – spätestens wenn ich daran denke, nächstes Jahr selbst das Opfer dieser Wetterextreme zu werden und mir nicht mehr ins Fäustchen lachen zu können. Anstelle von Regenfluten könnte es dann natürlich wieder extreme Dürre geben – wie vor einem Jahr. Damals spielte sich bei uns in Deutschland genau das gegenteilige Szenario zur aktuellen Situation ab: Rekord-Dürre in Juni, Juli und August. Mit 817 Sonnenstunden war es der sonnenreichste Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnung, damit konnte sogar der Rekordsommer 2003 überboten werden.

Dass das Wetter extremer wird, ist nun wirklich kein Geheimnis mehr, ich weiß. Doch in der aktuellen Ausprägung ist es für mich maximal erschreckend. Denn zeitgleich, wie ich bei der Arbeit tagelang bedröppelt aus dem Fenster hinaus in den strömenden Regen schaue, geht andernorts die Welt in Flammen auf. Seit Mitte dieser Woche steht die hawaiianische Insel Maui in Flammen, die Waldbrände forderten bereits über 50 Todesopfer. Und insbesondere im Trocken-Monat Juni wurde auch Europa nicht verschont. Man könnte diese Aufzählungen und Vergleiche hier noch ewig fortführen. Die Liste der Naturkatastrophen allein in diesem Jahr scheint unendlich zu sein. Doch zurück zum Segeln.

Denn auch hier könnte der Klimawandel schon bald verheerende Folgen mit sich bringen, oder tut er das eventuell bereits? Denn nicht nur in den klassischen Unwetter- und Katastrophengebieten weltweit zeigen sich die Auswirkungen. Schließlich ist das Wetter global zusammenhängend und findet genauso vor unserer Haustür und auf unseren heimischen Gewässern statt. Durch die Erhitzung der Atmosphäre enthält diese mehr Energie, was stärkere Stürme ermöglicht. Darüber hinaus kann die wärmere Luft mehr Wasser aufnehmen, was für mehr Niederschlag sorgt. Durch die Erwärmung der Ozeane kann zusätzlich mehr Wasser verdunsten, was mehr Regen über dem Festland zur Folge hat. All das sind bereits gut erforschte Mechanismen und gerade lang andauernde Regen- und Starkwindperioden damit eine nachweisbare Folge des Klimawandels.

Die Meldungen zu Seenotfällen auf Nord- und Ostsee hier auf yacht.de haben sich in den vergangenen Wochen parallel zu derartigen Wetterlagen gehäuft. Dabei nicht selten mit Personenschaden, häufig mit enormen Materialschäden.

Hier einen klaren Zusammenhang zwischen den klimabedingten Wetterextremen und der steigenden Anzahl von fatalen Seenotfällen herzustellen, wäre dennoch gewagt. Zwar ist diese These aus meiner Sicht durchaus plausibel, jedoch gibt es zu viele weitere Faktoren, die ebenfalls Gründe für die beobachtete Entwicklung sein könnten. Eine Statistik dazu lässt sich also nicht führen, zumindest nicht so einfach und kurzfristig betrachtet.

Bezeichnend ist allerdings, dass die Seenotretter bereits vor 20 Jahren aufgrund eines IPCC-(Intergovernmental Panel on Climate Change-)Berichts entschieden, den 46 Meter langen Seenotkreuzer „Hermann Marwede“ bauen zu lassen und auf Helgoland zu stationieren. Man wollte mit dem bis heute leistungsstärksten aller Kreuzer auf die Warnungen vor länger andauernden Starkwind-Phasen frühzeitig reagieren, bevor es zu spät ist. Eine gute Entscheidung – die „Hermann Marwede“ war seitdem auf über 600 Einsätzen. Doch wie lange kann man sich mit immer mehr Aufwand gegen die Symptome der krank gewordenen Erde stellen?

Max Gasser,

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