MeinungTransat Jacques Vabre – Regattafieber reloaded

YACHT

 · 25.11.2023

Meinung: Transat Jacques Vabre – Regattafieber reloaded
YACHT-Woche – Der Rückblick

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Liebe Leserinnen und Leser,

„Rien ne va plus – nichts geht mehr!“ heißt es schließlich im WhatsApp-Chat der redaktionsinternen Sport-Gruppe. Während auf diesem Messenger-Kanal normalerweise ein aktueller und meist fachlicher Austausch zu sportlichen Ereignissen in der Segelwelt stattfindet, sorgt das 16. Transat Jacques Vabre (TJV) mitten im Rennen – rund 2.500 Seemeilen ist ein Gros der Flotte gesegelt – für einen erhitzten Nachrichten-Austausch der acht Gruppenmitglieder. Grund: eine Wette! Zehn Euro pro Nase auf den Sieger der Imoca-Klasse. Bevor sich alle auf ihr Favoriten-Team festlegen, wird gefachsimpelt, bis die Smartphone-Tastatur glüht. Über den TJV-Tracker wird das Routing der 34 noch segelnden Imocas vorausgesagt, die Wetter- und Windkarten studiert, Teamstärken und -schwächen analysiert und mit den konstruktiven Details der Top-15-Racer übereinandergelegt, um sich dann schließlich – nach gefühlten Stunden – festzulegen. Es bilden sich zwei Gruppen: Nord und Süd.

Der erste Name im Lostopf: „Teamwork.net“ mit Justine Mettraux und Julien Villion an Bord, die sich unerschrocken für einen harten Sturmlauf auf der Nordroute entscheiden, der ihnen auch von der rund 1.000 Seemeilen südlich segelnden Gruppe um Anführer und Titelverteidiger „For People“ der Co-Skipper Thomas Ruyant und Morgan Lagravière und dem dicht dahinter folgenden Koch-Conq-Entwurf „Paprec Arkéa” gehörigen Respekt einbringt. Auch das nicht weit zurückliegende „Malizia“-Duo Boris Herrmann und Will Harris fiebert mit den mutigen Ausreißern mit, während die Imoca-Flotte mit Etmalen von 500 Seemeilen und mehr in Richtung Fort-de-France rauscht.

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Mit „Paprec Arkéa”, „For People“, „Charal“ und natürlich „Malizia – Seaexplorer“ schließt das Wettbüro, und die Spannung steigt. Was 80 Euro im Lostopf doch auslösen können, ist erstaunlich. Plätscherte das Rennen bis zur Halbzeit und trotz Sturm-Start nur seicht vor sich hin, ist kurz hinter den Kanaren tägliches – nein, stündliches –Mitfiebern angesagt. Zuletzt gab es das bei meinen Kollegen und mir Anfang des Jahres während des The Ocean Race oder während der letzten Vendée. Der TJV-Tracker als ständiger Begleiter – vor dem Schlafengehen und beim ersten Kaffee nach dem Aufwachen.

Die sieben folgenden Tage vergehen dann auch tatsächlich wie im Flug, und das Finale vor Martinique bietet spannenden Segelsport vom Feinsten. Zwar gewinnt nach mehr als 5.300 Seemeilen mit „For People” von Thomas Ruyant und Morgan Lagravière nicht mein Favorit („Malizia“!), aber dennoch bin ich happy. Regattafieber kann so schön sein! So scheint es auch einigen Crews zu gehen, wie man wunderbar an Boris und Will in ihrer täglichen Videobotschaft aus dem Cockpit verfolgen konnte. Je näher die Karibik kam, umso unterhaltsamer und lockerer wurde das sympathische Duo. Das hatte wunderbaren Entertainment-Charakter, und wir als Zuschauer durften uns mitfreuen.

Dass es dann doch noch mal spannend werden sollte, verdanken wir dem furchtlosen „Teamwork.net“-Team aus dem Norden, das mit unglaublichen 65 Sekunden Vorsprung vor „Malizia“ über die Ziellinie segelte und sich Platz sechs sicherte. Kurz zuvor machten als viertes und fünftes Boot „Charal” und „Initiatives – Cœur” mit Sam Davies und Jack Bouttell im Hafen von Fort-de-France fest. Transat-Silber sichert sich „Paprec Arkéa” souverän vor „For the Planet”.

Mit einer Platzierung in den Top 10 zeigte sich auch Boris Herrmann zufrieden: „Es war ein tolles Rennen und ein episches Finale! Wir haben bis zum Ende Kopf an Kopf mit drei anderen Booten gekämpft“, so der Team-Malizia-Gründer. „Wir sind sehr glücklich, und das TJV ist eine gute Motivation für die nächsten Rennen.“

Die im Übrigen nicht lange auf sich warten lassen, denn Herrmann bleiben in der Karibik nur wenige Tage zur Vorbereitung auf die Solo-Rückregatta Retour à la Base, die am 30. November startet. Zwar ist der fünfmalige Weltumsegler im Gegensatz zu vielen Konkurrenten, die dieses Rennen als Meilenqualifikation für die Vendée Globe 2024/2025 noch dringend brauchen, bereits für seine zweite Nonstop-Runde um die Welt qualifiziert. Doch will der Hamburger das Solorennen nach Lorient in Frankreich zur Intensiv-Vorbereitung nutzen. Er sagte: “Ich will sehen, wo ich stehe und wie ich wieder ins Einhandsegeln reinkomme.”

Ob wir dann schon wieder das Wettbüro eröffnen, wage ich zu bezweifeln. Verfolgen werden wir die Rückrunde in jedem Fall und hoffen wieder auf Videonachrichten von Bord.

Das 16. Transat Jacques Vabre hatte im Übrigen weit mehr zu bieten als Segellegenden auf foilenden Imoca-Racern. In insgesamt vier Klassen (Ultim, Ocean Fifty, Class 40, Imoca) gingen 115 Boote über die Startlinie, von denen es elf nicht in die Karibik schafften und aufgrund technischer Probleme umkehren mussten. Zum Mitfiebern war auch das Tracker-Gewusel der Class 40, in der sich die einzige rein deutsche Transat-Crew von „Sign for Com“ tapfer bewies. Lennart Burke und Melwin Fink entschieden sich wie ein Viertel der Class-40-Flotte für die Nordroute und hingen zeitweise in flauen Winden fest. Am Donnerstag erreichte mit „Alla Grande Pirelli“ der beiden Skipper Ambrogio Beccaria und Nicolas Andrieu die erste Class 40 Martinique, danach folgten Schlag auf Schlag 20 Teams dicht aufeinander. Das Dream-Team Burke/Fink sicherte sich einen fantastischen 13. Platz nach einem zähen Atlantik-Ritt.

Es ist schon ein Wahnsinn, wie eng das Feld der Segelprofis nach Tausenden von Seemeilen und zwei vollkommen unterschiedlich gewählten Routen wieder zusammenrückt. Das macht den Reiz der großen Ozean-Rennen aus, auch ganz ohne Wetteinsatz.

Martin Hager,

Chefredakteur YACHT

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