Liebe Leserinnen und Leser,
es ist kaum zu glauben, aber es ist schon wieder passiert: Norbert Sedlacek Kochs fünfter Versuch, im Rahmen seines „Ant Arctic Lab“-Projektes alle Ozeane inklusive Arktischem Ozean und Südpolarmeer zu bezwingen, ist gescheitert. Nach nicht einmal einer Woche!
Was habe ich dem sympathischen wie quirligen Österreicher die Daumen gedrückt, dass sein in der Segelwelt mutig verkündeter Plan endlich – nach insgesamt fünf Jahren Anlaufzeit und bereits vier missglückten Versuchen – aufgeht. Es sollte nicht sein. Statt Ruhm und Werbung für seinen aus Vulkanfasern laminierten Imoca „Innovation Yachts“ erntet er Spott und Häme. Zu Recht?
Was war passiert?
Grund für die frühzeitige Aufgabe sind laut dem Team Schäden am Canting-Kiel des nachhaltig gebauten Racers. Sedlacek war zuvor durch ein Sturmtief querab der irischen Küste gesegelt, weitere Details sind bis dato nicht bekannt. „Bedenkt man die Länge und den geplanten Routenverlauf dieses Rekordversuches nonstop und ohne Hilfe von außen durch sowohl arktische als auch antarktische Gewässer, erscheint die getroffene Entscheidung unumgänglich“, heißt es in der offiziellen Mitteilung.
Fraglos, eine Nonstop-Weltumsegelung ist kein Spaziergang und erfordert neben seglerischem Können, exzellenter Ausrüstung, perfekter Vorbereitung und dem Willen, sich für rund sechs Monate am Stück zu quälen und zu pushen, in erster Linie auch Glück und Durchhaltevermögen. Woran es dem österreichischen Tausendsassa aktuell zu fehlen scheint.
Dass Norbert Sedlacek Koch segeln und sich auf einem Boot monatelang großen Strapazen aussetzen kann, hat er vielfach bewiesen. So vollendete er bereits 1998, nach zwei Jahren auf Tour, seine erste Weltumsegelung mit einem selbst gebauten 26-Fuß-Boot, das auf Basis einer Swallow 26 entstand. Start und Ziel der 26.000-Seemeilen-Runde war das italienische Grado.
Zwei Jahre später folgte mit „Icelimit“ eine Nonstop-Umrundung der Antarktis, für die er 93 Tage brauchte und während der er über 14.000 Seemeilen auf einer 54-Fuß-Aluyacht von Garcia zurücklegte.
Für sein weiteres Ziel, die Teilnahme an der legendären Einhand-Regatta Vendée Globe, musste er härter arbeiten und Ausdauer beweisen. Sein erster Versuch, den „Mount Everest der Meere“ zu bezwingen, scheiterte nach 6.800 Seemeilen im Jahr 2005. Doch Ehrgeiz und Durchhaltevermögen bringen den ehemaligen Wiener Tramfahrer drei Jahre später wieder zur Startlinie und nach 126 Tagen auf See sogar ins Ziel. Sedlacek wird zwar Letzter, doch das Rennen war hart. Von 30 Startern schaffen es nur elf ins Ziel.
Woran liegt es also, dass „Ant Arctic Lab“ nicht erfolgreich ist?
Bei seinem ersten Versuch im Jahr 2018 musste er, wie vor einer Woche, auf Höhe von Irland aufgeben. Grund damals: technische Probleme.
Ein Jahr später: Ein starker Sturm bei Irland, Probleme mit dem Vorsegel, defekte Ausrüstung und der Verlust eines Segels sorgen für einen erneuten Abbruch.
Im Jahr 2020 vereiteln die Corona-Pandemie und gesundheitliche Probleme einen erneuten Versuch, der ein Jahr später stattfindet und ihn sogar bis Island bringt, wo ihn Probleme mit der Energieversorgung an Bord zum Aufgeben bewegen.
Versuch Nummer vier verläuft – wir kennen die Geschichte – nicht glücklicher. Der „Innovation Yachts“ getaufte Imoca kollidiert bei neun Windstärken und rauer See mit einem Gegenstand im Wasser, wodurch die Ruderaufhängung bricht und das Ende der Rekordfahrt nach nur wenigen Tagen besiegelt.
Und nun ist es die Canting-Kiel-Aufhängung. So viel Pech kann doch kein Segler haben!
Extremsegler ziehen extreme Probleme an. Das vergangene The Ocean Race und auch jedes Vendée-Globe-Rennen bestätigen es immer wieder: Wo Boote bis an den Rand des technisch Möglichen gepusht werden, gibt es Bruch. Unweigerlich. Der Unterschied liegt dann nur darin, wie die Segler damit umgehen.
Das Team Malizia um Boris Herrmann hat eindrücklich gezeigt, wie sich mit Problemen und unvermeidbaren strapaziösen Zeiten an Bord anders umgehen lässt: maximal authentisch, mit Offenheit, Ehrlichkeit und meist gar mit einem Lächeln im Gesicht. Immer positiv denken, selbst in dunklen Momenten. So konnte die sympathische Truppe um Rosie, Will & Co. nicht nur sich selbst stärken, sondern auch noch ihre stetig wachsende Fangemeinde an ihren Gefühlen und Ängsten teilhaben lassen.
Genau diese Art der offenen und ehrlichen Kommunikation würde Norbert Sedlacek Koch und seinem „Ant Arctic Lab“-Team gut zu Gesicht stehen. Wenn die Segelwelt stets wüsste, was aktuell an Bord der „Innovations Yachts“ geschieht, könnte sie unter Umständen die Entscheidung zur Aufgabe der extremen Weltumsegelung nachvollziehen.
Vielleicht gibt es ja doch noch ein Happy End für „Ant Arctic Lab“. Wenn der Schaden am Schwenkkiel nicht gravierend ist, könnte der Rekordversuch nach einem Quick-Stopp in der Werft in Les Sables-d’Olonne erneut starten. Ich jedenfalls drücke die Daumen, dass es so kommt und die Mission gelingt. Denn einen sechsten Versuch im nächsten Jahr wird es vermutlich nicht geben.
Chefredakteur YACHT
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