Liebe Leserinnen und Leser,
der Adventskalender leert sich langsam, und Weihnachten steht vor der Tür. Die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr liegen diesmal besonders arbeitnehmerfreundlich, sodass mit wenigen Urlaubstagen viele Tage Freizeit zu bekommen sind.
Die Zeit der Besinnlichkeit … und für viele Menschen auch eine Zeit der Besinnung. Die Tage „zwischen den Jahren“ sind für mich immer ein guter Zeitpunkt zu rekapitulieren, was das vergangene Jahr gebracht hat und zu reevaluieren, was sich im nächsten Jahr verändern soll.
Vor zwei Jahren haben wir unseren Liegeplatz ins Mittelmeer verlegt und das neue Revier dank zweier Elternzeiten (von sechs und zwei Monaten) auch sehr zu schätzen gelernt. Bevor unsere Kinder in die Schule kommen, wollten wir die gemeinsame Zeit noch einmal richtig nutzen. Den Kindern hat das Leben an Bord auch großen Spaß gemacht, und in den letzten Wochen fragten sie immer wieder: „Papa, können wir nicht mal wieder an Bord gehen und in ein anderes Land segeln?“ Da freut sich das Vaterherz natürlich. Die Sehnsucht nach der See ist bereits gepflanzt.
Doch im kommenden Jahr wird sich unser Sommerurlaub – wie für die meisten Menschen üblich – nur auf ein paar Wochen am Stück beschränken. Drei bis vier Wochen vermutlich.
Und angesichts der gerade gezahlten Liegeplatz-Rechnung für das Landlager unseres 36-Fuß-Katamarans frage ich mich natürlich: Lohnt es sich überhaupt, solch ein Boot in Griechenland zu halten, wenn man es doch viel zu selten nutzt?
Unser Fünf-Jahres-Plan beim Kauf des Bootes sah vor, Jahr um Jahr und Meile um Meile das Mittelmeer zu erkunden. Nächstes Jahr Sizilien, übernächstes Jahr Spanien, dann Portugal, bis wir in fünf Jahren in der Ostsee sind. „Und was dann?“, wurde ich schon oft gefragt, worauf ich meist mit „Dann fahren wir vermutlich wieder zurück“ geantwortet habe. Der Weg ist das Ziel. Obwohl es uns im Moment auch sehr reizt, mal wieder ein paar Jahre in der Ostsee zu liegen und das Boot vor der Tür zu haben, denn das hatten wir seit zehn Jahren nicht.
Aber auch, wenn unser Plan für uns noch immer plausibel und verlockend klingt, so muss ich doch ganz nüchtern eingestehen: Eigentlich lohnt es sich wirklich nicht, das Boot vier bis sechs Wochen im Jahr zu nutzen und es den Rest des Jahres an Land einzulagern. Chartersegeln wäre da viel sinnvoller.
Läge unser Boot an der Ostsee, würde das natürlich ganz anders aussehen. Dann, bin ich mir sicher, würden wir zumindest jedes zweite Wochenende an Bord verbringen. Am liebsten irgendwo in Dänemark, mit einem Opti für unsere beiden Jungs an den Davits. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg.
Doch was tun – das Boot verkaufen und lieber chartern? In meinem YACHT-Gebrauchtboot-Webinar habe ich neulich unsere jährlichen Kosten für Liegeplatz, Versicherung, Wartung und Ersatz von Ausrüstung notiert – und bin einigermaßen überrascht gewesen, was unter dem Strich stand. Dafür könnte man tatsächlich drei bis vier Wochen im Jahr chartern. Und man hätte keine Arbeit mit dem Boot, denn nach der langen Standzeit kostet die Wiederinbetriebnahme natürlich auch eine Menge Zeit und Mühen. Damit wir im Sommer gleich einwassern können, werde ich vermutlich im April noch für vier oder fünf Tage zum Boot fliegen müssen, um es vorzubereiten. In diesem Jahr sind bei uns auch noch die Saildrive-Membranen dran, die getauscht werden müssen, wofür ich jeweils einen Tag brauche. Bei 30 Tagen Urlaub ist das viel.
Eigentlich darf man die Arbeit deshalb nicht auch noch hinzurechnen, sonst gibt es wirklich überhaupt keine Argumente mehr, ein Boot zu besitzen.
Die nächste Frage: Warum muss man denn überhaupt noch ein Boot besitzen? Der Sharing-Gedanke greift doch bereits seit Jahren um sich. Hier in der Hamburger Großstadt werden Autos und Fahrräder geteilt. Einen eigenen Schreibtisch hat in unserer Redaktion auch niemand mehr, wir haben nur noch Co-Working-Spaces. Man nimmt sich einen Schreibtisch, wenn man ihn braucht. Man teilt.
Doch was das Segeln angeht, wird nicht jeder mit dem Chartersegeln glücklich. Dabei geht es nicht allein darum, „keine verranzte Chartermöhre“ fahren zu wollen – es gibt ja auch genügend Vercharterer, die ihre Boote wirklich gut pflegen. Nach ein paar Stunden Flug auf ein frisch gewaschenes und oft schon verproviantiertes Boot zu steigen ist allemal angenehmer, als erst mal ein verstaubtes Boot wieder in Betrieb nehmen zu müssen, die Segel anzuschlagen und die Motoren auszuwintern.
Doch es gibt solche und solche Segler. Für mich – und vermutlich viele andere Eigner auch – geht es bei diesem Hobby nicht allein um das Segeln. Sondern um das Seglerleben als Ganzes. Ein Schiff zu unterhalten, es zu pflegen und zu warten ist für mich Teil des Erlebnisses. Auch wenn ich den ersten unserer wenigen Urlaubstage kopfüber im Maschinenraum stecke, das Deck schrubbe oder ein Wespennest aus der Backskiste entferne, dann könnte ich nicht glücklicher sein, würde ich bei einer Backstagbrise in den Sonnenuntergang segeln.
Das mag komisch klingen. Und das tut es selbst für mich. Aber um einen Vergleich zu bemühen, ist es beim Segeln doch wie bei den Betreibern von Modelleisenbahnen. Da gibt es die, die nur bauen, und andere, die nur fahren. Und manche, die sich an beidem erfreuen. Das sind wir.
An dem Sharing-Gedanken ist aber trotzdem etwas dran. Das hat mir zu denken gegeben. Deshalb haben wir bereits mehreren Freunden angeboten, im kommenden Sommer unser Boot zu leihen und das Mittelmeer zu genießen. Ist doch immer schön, wenn Dinge auch benutzt werden und nicht nur herumstehen, meinen Sie nicht?
Frohe Weihnachtszeit.
YACHT-Redakteur
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