Liebe Leserinnen und Leser,
ich rede bisweilen mit meinem Boot. Dieser Umstand beunruhigt mich selbst weit weniger als möglicherweise mein Umfeld, das aber bis dato noch gar nichts davon gewusst hat. Jetzt kommt die Zeit des Bekenntnisses. Ich führe Zwiegespräche insbesondere mit meiner Jolle, einem Finn-Dinghi, weil ich damit immer allein auf dem Wasser unterwegs bin und mich mit meinem zugegebenermaßen ziemlich eigentümlichen Verhalten nicht vor einer Mannschaft blamieren muss.
Zum Beispiel begrüße ich mein Boot beim Rausfahren zum Training oder auf die Regattabahn. Ich erzähle ihm, was ich vorhabe, was meine Ziele für den heutigen Tag sind und wie ich für die anstehenden Wettfahrten meine Taktik aufbauen will. Und ich frage mein Boot zwischendurch auch mal nach seiner Meinung dazu. Manchmal glaube ich sogar, auf irgendeine Weise eine Antwort darauf zu bekommen. Man muss eben nur sehr aufmerksam sein und ganz genau hinhören – mit allen zur Verfügung stehenden Sinnen.
Sie mögen dieses Verhalten im besten Fall sonderbar nennen, vielleicht weltfremd, komplett meschugge oder einfach infantil. Aber ich glaube nun mal fest daran, und ich stehe auch dazu: Ich habe eine emotionale Bindung zu meinem Boot, und ich pflege diese auch entsprechend.
Letztlich führen mich die Gespräche mit meinem schwimmenden Untersatz zu einer relevanten Frage, welche die christliche Seefahrt seit Jahrhunderten ganz generell und mich selbst schon seit langer Zeit im Besonderen beschäftigt: Haben Boote wirklich eine Seele? Oder gründet mein eigentümliches Verhalten nur auf Einbildung und bloßem Aberglauben?
Nun ist die Frage für mich nicht sehr leicht und schon gar nicht allgemeingültig zu beantworten. Trotz meiner vielleicht etwas surrealen Verblendung bin ich im Grunde und von Berufs wegen als Testredakteur der YACHT auch ein durchaus pragmatisch denkender Mensch, was Boote betrifft, mit wenig esoterischen oder sogar transzendenten Motiven. Es ist mir deshalb auch klar: Ein Fahrtenschiff zum Beispiel, das als Baunummer soundsoviel brandneu vom Fließband einer weitgehend automatisierten Produktion bei einem der großen Serienhersteller läuft, hat noch keine echte Seele – woher auch?
Ich glaube daran, dass die Seele erst mit der Zeit auf einem Schiff Einzug hält. Sie kommt an Bord zusammen mit den Eignern und der Art, wie sie ihr Schiff nutzen, mit ereignisreichen Seereisen und spannenden Abenteuern auf den Weltmeeren, mit Erfolgen oder Misserfolgen auf der Regattabahn oder mit Zerstörung und Instandsetzung.
So hat jedes Schiff irgendwann mal seine ganz eigene Geschichte vorzuweisen, von Blut, Schweiß und Tränen, aber auch von Glück, Freude und Hoffnung. Das sind die Grundlagen für das gewisse Etwas, für den Geist eines Bootes – für dessen Seele eben.
YACHT-Redakteur
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