Liebe Leserinnen und Leser,
auf der A7 kurz vor dem Elbtunnel im Stau. Die beste Ehefrau von allen fährt. Das Radio dudelt leise, die Müdigkeit zerrt nach einem langen Tag mit Kranen und Einwintern schon an den Augenlidern. Da fällt es mir siedend heiß ein: die Liste! Hektisch das Smartphone rausgefummelt, Notizen aufgerufen. Da stehen sie: „Checkliste Mast ziehen“ und „Checkliste Boot kranen“. Sogar eine für „rein“, eine für „raus“. Fein säuberlich aufgelistet sind da die Punkte, wie der Ablauf idealerweise sein soll. Also zum Beispiel: „Bürste, Spachtel, Schwamm, Eimer für Pocken vor dem Kranen von Bord holen. Leiter nicht vergessen. Altes Ölzeug fürs Kärchern einpacken. Motor-Frostschutz anmischen und in Flaschen bereitstellen. Gewinde Wantenspanner mit Edding markieren (damit man die Rigg-Einstellungen rasch wiederherstellen kann im Frühjahr). Lang, lang geht das so weiter.
Doof ist nur, dass ich die Liste im Eifer des Gefechtes dann oft nicht lese. Die alte Pauker-Regel sagt ja eigentlich: Wer einen guten Spickzettel schreibt, braucht ihn dann meist im Moment der Wahrheit nicht mehr. Ich bin da der lebende Gegenbeweis. Punkt 9 sagt: „Frostschutz Toilette bestellen und mitnehmen“. Autsch. Und dann der Gau: „Mastloch Deck diesmal mit dicker Folie verschließen“. Doch wieder nur auf die Schnelle mit Tape zugemacht. Hat letztes Mal nach ein paar Wochen doof ins Boot geleckt. Heiß und kalt wird mir bei dem Gedanken. Hatte der Wetterbericht nicht etwas von vier Tagen Kuhsturm und Dauerregen verkündet. U-Turn auf der A7?
Als ich vor drei Jahren nach langem Dasein als Chartersegler wieder Eigner wurde, hatte ich völlig verdrängt, wie viele Listen man als Eigner führt. Neben denen fürs Kranen gibt es welche für Rigg-Check, Motor-Durchsicht, zu bestellende Dinge, wann welche Wartung fällig ist. Ich muss sogar zugeben, dass ich mittlerweile eine realistische und eine Traum-To-do-Liste führe. Denn so lange will ja kein Mensch immer mit dem Daumen nach unten scrollen. Da stehen so geldintensive Dinge wie: neue Sprayhood und Kuchenbude. Neue Polster. Kompressorkühlschrank. Das ist die Liste zum Seufzen, entweder weil man sich ausmalt, wie toll das mit dem ersehnten Ausrüstungsteil werden könnte, oder weil der Kontostand es gerade nicht hergibt.
Manchmal glaube ich, dass man als Chartersegler die Wochengebühr fürs Schiff teils dafür bezahlt, dass man vom Listenführen als Eigner erlöst wird. Die Flottenbetreiber wissen ja, was das für Arbeit ist, und lassen sich das einfach noch mal on top vergolden. Überhaupt: Ich mag gar nicht daran denken, wie lang die Listen eines Basisbetreibers wohl sind – der Albtraum. Da zahlt man seine Chartergebühr doch mit einem Lächeln der Solidarität geradezu gern!
Denn die Listen haben auf mich einen furchtbaren Effekt: Ich habe immer das nagende Gefühl, etwas vergessen zu haben. Und wenn ich lange genug scrolle, finde ich auch immer etwas – siehe Mastloch. Weil ich eben eigentlich eine Checkliste dafür haben müsste, dass ich an die Checkliste denke. Vielleicht mit Edding auf den Unterarm schreiben, wie manchmal mit Adresse und Telefonnummer bei Demenzerkrankten? Gibt es denn kein Entrinnen?
So sitze ich dann an der Unterlippe kauend im Auto, scrolle mit schlechtem Gewissen gedankenverloren durch die Liste. Bis ich ans Ende komme. Da hat meine Frau heimlich „Ilka küssen“ als letzten Punkt der Liste hinzugefügt. Schon ist der Listen-Horror erst mal verflogen. Wie gesagt, die Beste von allen.
YACHT-Redakteur
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