Liebe Leserinnen und Leser,
die Saison ist in vollem Gange und der Sommertörn rückt näher, da beginnt auch die Zeit der Blutsauger. Milde Winter begünstigen das Wachstum besonders vieler Mücken, so heißt es. Auch ich habe das in den vergangenen Tagen schon schmerzlich feststellen können. Besonders wenn man es sich abends an einem schönen Ankerplatz in Landnähe gemütlich gemacht hat, fallen die Mücken schwarmweise über einen her. Dagegen erwehren kann man sich mit Duftkerzen, Sprays und engmaschigen Netzen.
Erstaunlich dabei finde ich aber, wie schlecht planbar die Überfälle der Blutsauger manchmal sind. Vor zwei Jahren rüstete ich das Boot für einen Sommertörn nach Schweden konsequent mit Moskitonetzen für Niedergang und Luken auf. Dazu Sprays und Duftkerzen. Das wäre in Schweden auf jeden Fall wichtig, so die allgemeine Überzeugung. Auf dem Weg dahin, bei einem Ankerstopp vor Rügen, versagten mit Mückenspray auf der Haut und Duftkerze im Cockpit schon die ersten Verteidigungslinien und der Rückzug unter Deck hinter die Mückennetze blieb unvermeidlich.
Immerhin wehte eine leichte Brise vom Vorluk zum Niedergang. Ohne Netze, mit geschlossenen Luken und Steckschott, wäre es unter Deck vor Hitze nicht auszuhalten gewesen. Dann musste später am Abend aber der Bordhund Toni noch einmal an Land. Für den kurzen Landgang per Dingi sprühte ich eine extra dicke Lage Antimückenspray auf Arme und Beine. Natürlich ließ sich Toni auf der Suche nach einem guten Platz für sein Geschäft am Strand extra viel Zeit, in der ich locker 20-mal gestochen wurde.
Haben alle Mittel den Stich nicht verhindern können, folgen Maßnahmen zur Versorgung der juckenden Einstichstellen: Apotheken bieten Gels zum Auftragen, aber auch elektrische Gerätschaften, die mit Hitze den Juckreiz vertreiben sollen. Wie das genau funktioniert, da sind die Angaben der Hersteller unterschiedlich. Zum einen ist nachzulesen, dass die Hitze bestimmte Proteine im Mückenspeichel, die für den Juckreiz verantwortlich sind, zerstören. Eine andere Erklärung besagt, dass der kurze heftige Schmerz durch die Hitze den Nerv überreizt und der dann, wie betäubt, den Juckreiz nicht so gut weiterleitet. Fest steht aber, dass die punktuelle Verbrennung für kurze Zeit ziemlich wehtut.
Mir erscheint daher der zweite Erklärungsansatz zutreffend. Dann stellte ich mir aber die Frage, wozu ich eigentlich das zusätzliche Gerät brauche, wenn der gleiche Effekt auch durch einen kräftigen Tritt gegen das Schienbein zu erzielen ist? Linderung verschafft das nicht unbedingt, der zusätzliche Schmerz macht aber das Jucken des Stichs vergessen. Und was sollte ich jetzt gegen meine 20 Mückenstiche tun? Mir 20-mal gegen mein Schienbein treten lassen? Dann doch lieber hinter Mückennetzen verbarrikadieren oder für den Landgang lange Kleidung anziehen, als den restlichen Urlaub zu humpeln.
Sprays und Duftkerzen sind eher fürs gute Gewissen, alles gegen die surrende Bedrohung unternommen zu haben, wirklich sicheren Schutz haben sie bei mir nicht geboten. Und der wird immer wichtiger. Zunehmend sind die juckenden Stiche nicht nur unangenehm, sondern können sogar gefährlich werden. Denn einige Mückenarten, die bisher eher in den Tropen heimisch waren und dort für die Übertragung von Gelbfieber, Dengue oder Malaria verantwortlich, finden sich mittlerweile auch in Deutschland. Ein Grund sind Klimawandel und immer weiter steigende Temperaturen. Das Ansteckungsrisiko mit tropischen Krankheiten durch Mücken ist zwar an der Ostsee noch verschwindend gering, es wird aber in den kommenden Jahren steigen, da sind sich Experten einig. Bleibt noch die Möglichkeit, den Törnplan so anzupassen, dass Mückenstiche der Vergangenheit angehören: Die Blutsauger mögen kein Sonnenlicht und gehen deshalb erst in den Abendstunden auf Beuteflug. Wer also nachts auf See ist, den erreichen sie nicht. Tagsüber können Segler dann in der Ankerbucht völlig sicher vor den surrenden Plagegeistern ausschlafen. Nachtfahrt gegen Mückenstiche, ein Urlaubstörn im Dunkeln. Klingt auch nicht nach der besten Lösung.
Mein negatives Mückenerlebnis vor Rügen blieb in diesem Sommer vor zwei Jahren übrigens das Einzige. An der schwedischen Ostküste, dem Gebiet, für das ich uns ursprünglich mit Duftlampen, Sprays und Moskitonetzen ausgerüstet hatte, waren Mücken in diesem Sommer überhaupt kein Problem. Ob die Schutzmaßnahmen hier ihre Wirkung zeigten oder einfach keine Mücken da waren, weiß ich nicht. Eventuell ist die mecklenburg-vorpommersche Mücke einfach resistenter. Meine Erfahrung ist aber, dass nur mechanischer Schutz durch engmaschige Netze zuverlässig Blutsauger fernhält. Seitdem habe ich auch zu Hause ein großes Moskitonetz und schlafe ungestört bei offenem Fenster mit kühler Brise. Fast wie an Bord.
YACHT-Redakteur Test & Technik
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