Liebe Leserinnen und Leser,
„Schockierende Bilder“, „erschreckende Jagdszenen“, „Skipper geht zum Gegenangriff über“, „Entsetzen bei Augenzeugen“, „Segler üben Rache“ – insbesondere die Boulevardmedien haben sich in den vergangenen Tagen bei der Wahl möglichst reißerischer Formulierungen gegenseitig übertroffen, um größtmögliche Aufmerksamkeit zu erhaschen. Mit Erfolg, wie man leider konstatieren muss.
Unzählige Kommentare in den sozialen Netzwerken waren die Folge, in denen die Schreiber augenscheinlich angestachelt von einer sehr einseitigen Berichterstattung das Verhalten einer Katamaran-Crew pauschal als höchstkriminell verurteilten. Die hatte in der Straße von Gibraltar nahe Tanger - wie in einem übers Internet verbreiteten Handyvideo zu sehen ist - Seenotsignalmittel ins Wasser abgefeuert, um Orcas zu vertreiben.
Fünf bis sechs Tiere hatten sich zuvor ihrem Boot von achtern genähert und waren nach Auskunft des Skippers unter den Hecks hindurchgetaucht. Dabei stießen wohl zumindest zwei Tiere auch gegen das backbordseitige Ruderblatt. Der Skipper startete daraufhin die Steuerbordmaschine, und ein Crewmitglied feuerte die Seenotmunition ins Wasser ab.
Ob er dabei einen der Orcas traf beziehungsweise ob er überhaupt bewusst auf eines der Tiere zielte, ist nicht bekannt. Zu erkennen ist dies auf dem Handyvideo nicht. Vermutlich dürfte die Wahrscheinlichkeit, dass ein Orca bei der Aktion verletzt oder gar getötet wurde, sehr gering sein. Sobald Munition ins Wasser einschlägt, verliert sie dramatisch an Durchschlagskraft und sinkt nach kürzester Distanz auf den Grund.
Und auch die Geräuschentwicklung beim Abfeuern der Munition dürfte kaum zu Verletzungen der Hörorgane der Tiere geführt haben. Ob es darüber hinaus unter Wasser überhaupt noch ein „explosives“ Geräusch gegeben hat, auch das ist nicht bekannt. Es wird in vielen der angesprochenen Kommentare allerdings als gegeben vorausgesetzt und mal eben schnell mit Tierquälerei gleichgesetzt, die bestraft gehört.
Zudem: Auch wenn es noch so oft in den vergangenen Tagen nachzulesen war: Schwertwale als Art sind nicht vom Aussterben bedroht. Richtig ist, dass einzelne Populationen, die in bestimmten Regionen leben, in ihren Beständen mehr oder minder stark dezimiert sind. Gleichwohl gehören selbstverständlich alle Wale dieser Welt geschützt.
Was aber eben nicht bedeutet, dass man sich nicht gegen sie zur Wehr setzen darf, wenn Gefahr für Leib und Leben besteht. Davon muss eine Crew auf einer Segelyacht, die von Orcas attackiert wird, inzwischen leider ausgehen. Drei Yachten haben die Schwertwale in den vergangenen Monaten bereits auf Tiefe geschickt, zahlreiche weitere Boote teils schwer beschädigt. Nur mit Glück ist bislang kein Mensch infolge der Attacken verletzt worden oder gar ums Leben gekommen.
Insofern besteht kein Anlass, dass Verhalten der Crew zu verurteilen. Die Gefahr, dass die Tiere die Ruder zerstört hätten und das Schiff dadurch gesunken wäre, war real. Vor allem aber hat die Crew keine Jagd auf die Orcas veranstaltet, wie teils zu lesen war! Nach Auskunft des Skippers haben die Tiere rasch das Weite gesucht, als ein Crewmitglied die Seenotmunition ins Wasser geschossen hatte. Die Katamaransegler haben ihnen daraufhin nicht nachgesetzt, „um Rache zu nehmen“, wie ebenfalls behauptet wurde.
Ob die Orcas tatsächlich aus Angst flüchteten oder schlicht das Interesse am Boot verloren hatten und weiter ihres Weges zogen, auch das lässt sich nicht sagen. Zu hoffen ist jedoch, dass die nun von den spanischen Behörden eingeleiteten Ermittlungen gegen die Crew klarstellen, dass sich Segler, deren Boote von Orcas attackiert werden, generell in einer Notlage befinden und sie sich folglich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zur Wehr setzen dürfen.
Hoffnung, dass die Berichterstattung in den Massenmedien oder zumindest die Kommentierung in den sozialen Netzwerken beim nächsten Vorfall dieser Art sachlicher und faktenorientierter ausfällt, besteht hingegen wenig.
YACHT-Textchef
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