Liebe Leserinnen und Leser,
in dieser Woche ging das 50. Rolex Fastnet Race zu Ende. Und lieferte Zahlen, Bilder und Videos, die für Diskussionsstoff in der Regattaszene sorgten. Für die ersten Stunden nach dem Start waren über 40 Knoten Wind angesagt, bei Strom gegen Wind im Solent. Beileibe also kein Sonntagssegeln, vielmehr ein ordentlicher Waschgang war zu erwarten. Von den über 400 teilnehmenden Teams verzichteten aber nur 15 auf einen Start. Alle anderen trauten es sich zu, rund ein Viertel von ihnen musste jedoch früh aufgeben, es gab Materialschäden zuhauf, eine Yacht sank.
Schnell wurden Parallelen zum Schreckens-Fastnet 1979 wach, als in einem spät vorhergesagten Orkan 15 Regattateilnehmer ihr Leben ließen. „Nichts aus der Vergangenheit gelernt?“, fragte etwa ein User auf Facebook, und weitere schlossen sich an. „Mir fehlt auch jegliches Verständnis für den Start, eine Verschiebung wäre gute Seemannschaft gewesen.“ Oder: „Natürlich kann jedes Team entscheiden, aber der Veranstalter muss derartigen Druck und Verantwortungslosigkeit herausnehmen.“
Muss er das? Muss der Veranstalter eine Regatta wie diese um ein paar Stunden verschieben, damit die Bedingungen moderater sind? Ich meine nein. Die starken Winde wurden lange vorher prognostiziert. Für die allermeisten der hochseetauglichen Yachten, die gemeldet wurden, sind 40 Knoten und deutlich mehr bei der Konstruktion einkalkuliert. Ja, es waren offenbar sehr harte Stunden, wie viele Teilnehmer berichteten. Doch wer wurde gezwungen, sich diesen auszusetzen?
Ich denke, man kann da zwei Gruppen betrachten. Zum einen die Profimannschaften mit Mehrrumpfern, Imocas oder Class 40. Für sie besteht sicher ein gewisser Druck, an den Start zu gehen, um etwa Wünschen von Sponsoren gerecht zu werden. Für sie waren es aber Bedingungen, die jederzeit bei den großen Regatten über den Atlantik oder um die Welt eintreten können. Zudem verfügen sie normalerweise über die entsprechende Erfahrung, mit diesen Bedingungen umzugehen. Für diesen Bereich bedurfte es keines Schutzes vonseiten der Organisatoren.
Reine Freizeit-Crews oder semiprofessionelle unterliegen solchen Zwängen nicht. Sie müssen „nur“ abwägen, ob sie sich der anstehenden Aufgabe gewachsen fühlen. Klar spielen in die Entscheidung, ob rausgefahren wird oder nicht, nicht immer nur rein sachliche Argumente hinein. Es geht auch um Ehrgeiz, das Fastnet Race ist ja nicht irgendeine Regatta. Und es wurden Mühen und Kosten in Kauf genommen, um dabei zu sein, das soll sich dann auch rentieren.
Es kann aber nicht Aufgabe eines Regattaveranstalters sein, diesen Ehrgeiz zu zügeln oder abzuschätzen, ob die Crew über ausreichende Erfahrung verfügt, zumindest nicht bei diesen vorhergesagten Bedingungen. Wo wäre denn die Schallmauer, bis zu der die Bedingungen für alle akzeptabel wären? 20 Knoten, 25, 30? Eine Wettfahrtleitung hat gar keine Chance, es allen recht zu machen, und muss sich mittels des Passus in den Segelanweisungen freihalten, wo es heißt, dass jeder Skipper eigenverantwortlich entscheidet, ob er startet oder nicht.
Die Zielankunft von rund drei Vierteln der Teilnehmer belegt, dass es für die meisten machbar war. Die überwiegende Mehrzahl an Aufgaben war Materialschäden zuzuschreiben, gerissenen Segeln etwa. Von einem Überlebenskampf war jedoch nichts zu lesen oder hören, bis auf den einen Untergang, dessen Ursache noch nicht geklärt ist. Auch wäre eine Umkehr und ein Ablaufen vor dem Wind nach Cowes offenbar jederzeit möglich gewesen, wie die Videos belegen.
Ich möchte jedoch Regattaleitungen nicht gänzlich aus der Verantwortung nehmen. Natürlich kann der Wettfahrtleiter die Segler mittels einer Startverschiebung bei zu starkem Wind vor Schäden schützen. Das wird auch regelmäßig, vor allem im Jollenregattabereich, praktiziert. Und es wäre wohl auch bei diesem Fastnet Race der Fall gewesen, wenn noch deutlich härtere Bedingungen zu erwarten gewesen wären. Diese Flexibilität haben die Verantwortlichen 2007 bewiesen, als der Start wegen der Wetterlage um 25 Stunden verschoben wurde, zum bisher einzigen Mal. Allerdings gingen auch damals bei immer noch Sturmböen und hohem Seegang 271 Yachten an den Start, von denen 207 aufgeben mussten.
Damals wie heute lag die Teilnahme-Entscheidung letztlich bei jedem einzelnen Skipper. Wer es schließlich ins Ziel geschafft hat, wird berechtigterweise besonders stolz auf diese Leistung sein – wegen der anfangs harten Bedingungen.
Chefredakteur Wassersport digital
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