MeinungEine Kautionsversicherung ist kein Freifahrtschein

YACHT

 · 08.07.2023

Meinung: Eine Kautionsversicherung ist kein Freifahrtschein
YACHT-Woche – Der Rückblick

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Liebe Leserinnen und Leser,

die durchschnittliche Seemannschaft von Chartercrews lässt seit Jahren zu wünschen übrig. Das sagen zumindest immer mehr Charteragenturen, Flottenbetreiber und Rückversicherer bei Gesprächen mit der YACHT. Seit Jahren.

Allerdings muss sich ein Chartersegler bei jedem neuen Boot neu zurechtfinden. Ich weiß, wovon ich rede, ich war Eigner, habe dann 15 Jahre gechartert und bin seit ein paar Jahren wieder Eigner. Und genieße es, das Manövrier-Verhalten des Bootes im Hafen schon zu kennen, zu wissen, wann reffen sinnvoll ist, keine Fragen zur Bedienung von Ausrüstung an Bord zu haben.

Aber leider beobachtet man immer häufiger auch seltsame Situationen, die einen ins Grübeln kommen lassen und manchmal einfach nur Fremdschämen auslösen. So neulich in einer Bucht im Ionischen Meer: Wir machen uns nach zwei Tagen Kuhsturm mit 50er Böen klar zum Auslaufen für eine Überfahrt. Die Vorhersage hält noch 30er Böen für möglich, Kapp- und Düseneffekte obendrauf. Der Himmel ist noch wolkig, die Luft spürbar abgekühlt. Draußen sieht man Schaumkronen. Wir legen ab, das erste Reff ist eingebunden, die Crew im Ölzeug, alles gestaut. Da überholt uns eine große Beneteau. Im Cockpit dröhnt Rockmusik, das Großsegel ist schon voll gesetzt, aber trotz achterlichen Winds mittschiffs dichtgeknallt. Man motort in Shorts und T-Shirts aus der Bucht aufs offene Meer. Alle acht Fender baumeln fröhlich am Schiff hin und her. Ein riesiger rosa Aufblas-Flamingo liegt vor dem Mast. Handtücher, Badehosen, SUP-Boards an den Relingsdrähten. Und das nur mit einer Leine auf dem Vorschiff fixierte Dingi. Ohne Übertreibung: Wir sehen in zehn Tagen Törn fast jeden Tag Boote mit Fendern draußen – beim Segeln.

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Schnitt. Eine Bucht mit Pier. Wir liegen an der Pier, eine Charteryacht mit Kojengästen kommt in die Bucht motort. Dreht Runden um die Pier. Der Skipper ruft rüber, ob der Platz neben uns „safe“ wäre. Wahrheitsgemäß antworte ich, dass direkt neben uns große Steine liegen und er nicht einfach mit dem Heck anlegen sollte – was übrigens auch in Seekarten und Revierführer vermerkt ist. Daraufhin kreiselt er weiter, versucht diverse Anläufe, bricht sie ab. Niemand macht Anstalten, eine längere Heckleine für mehr Abstand zur Pier auszubringen, so wie wir es wegen der Steine getan haben. Dann versucht der Skipper in der Bucht zu ankern. Auf etwa zehn Meter Tiefe, schlecht haltender Grund, wie der Revierführer sagt. Er wirft superwenig Kette, Halt findet das Eisen so nicht. Versucht es wieder.

Irgendwann verlassen wir die Szene, weil wir zum Essen gehen wollen. Von dort sehen wir, wie der Skipper das Manöver abbricht und mit dem Schiff, einem 50-Fußer, in die winzige Bucht tuckert und an einer Muring eines Fischers mit einem alten 5-Liter-Waschmittel-Kanister als Auftrieb in etwa drei Meter Tiefe festmacht. Wir schätzen den Tiefgang der Beneteau auf etwa 2 bis 2,20 Meter. Mittlerweile wird es dunkel. Sehen kann er unmöglich, was da unten an der „Muring“ dranhängt. Ich kenne die Bucht, an den Bojen liegen sonst kleinere Ruder- und Motorboote. Der schwache Wind weht leicht auflandig, der Strand beginnt etwa 40 Meter hinter seinem Boot. Motor aus. Die Crew, etwa zwölf sehr junge Chartergäste, wechseln in unser Restaurant. Niemand bleibt an Bord. Später dort zurück, beschallt die Truppe bis zwei Uhr morgens mit dröhnend lauter Musik die gesamte Bucht. Zeitweise setzen Mitsegler von dort an Land über, um sich unterhalten zu können. Mit viel Alkohol im Gepäck, direkt am Heck unseres Bootes auf der Pier.

Schnitt. Wir treffen ein deutsches Paar mit einer sehr hübschen neuen Solaris-Yacht in einer Taverne. Sie erzählen uns, sie haben das Boot dauerhaft in Griechenland liegen, segeln aber im Sommer fast nie, weil ihnen das zu voll und zu gefährlich sei. Ich frage, was daran gefährlich ist. Sie erzählen, dass in den vollen Buchten immer diverse Chartercrews einlaufen, in nicht vorhandene Lücken fahren, grotesk wenig Kette werfen, das Eisen nicht einfahren, Fender ausbringen (oder sie praktischerweise schon draußen hatten) und dann ins Restaurant abziehen. Wenn der Wind dreht oder zunimmt, gern nachts, vertreiben die dann sofort und dengeln an die anderen Yachten oder harken deren Ketten und Eisen aus dem Grund. Für sie als Eigner sei das Stress pur.

Wieder Schnitt. Ein YACHT-Kollege erzählte vom letzten Sommer die Geschichte, dass er im Hafen nur unter äußerstem Einsatz verhindern konnte, dass eine Chartercrew seine Reling auf einer Seite komplett abrasierte. Auf die Frage, ob man das Manöver nicht besser hätte durchdenken und vorbereiten können, folgte pampig die Antwort: „Stell dich nicht so an, dafür gibt es doch Versicherungen!“

Und da kommen wir an den Kern eines Übels, wie ich finde. Denn mittlerweile gehen wohl fast zwei Drittel der Kunden von Charterflotten mit Kautionsversicherung auf Törn. Das liegt auch daran, dass Charterfirmen berichten, es gebe immer mehr Kunden, die Segeln als eine Art „Urlaub auf dem Wasser“ betrachten, aber an dem sportlichen Aspekt und der Seemannschaft wenig Interesse haben. Denen sind Kautionssummen von 1.000, 2.000 oder 3.000 Euro schwer zu vermitteln. Also wird die Kautionsversicherung einfach in den Charterpreis integriert, ein Trend seit ein paar Jahren. Die Flottenbetreiber haben schlicht keine Lust mehr, sich mit den Kunden um Schäden zu streiten, schließlich sollen sie ja wieder zurückkommen.

Dass die Charter dadurch schnell mal 300 bis 500 Euro teurer wird? Wen juckt es bei vier, fünf Personen oder gar Paaren, die sich die Kosten teilen? Kein Geld hinterlegt, keine Hemmungen, so lautet offenbar ein leider von einigen Skippern gezogener Schluss. Was aber vielen nicht klar ist: Wird die Charteryacht mit Schäden zurückgegeben, muss die Basis diese reparieren. Was oft die Wartezeit der nächsten Crew verlängern kann, wenn zu viele Schäden gleichzeitig an zu vielen Booten auftauchen. Wer einmal am Übergabetag so lange warten musste, dass er nicht mehr auslaufen konnte, und erlebt hat, dass ein schwitzender Basismitarbeiter den ganzen Salon mit dreckigem Werkzeug und Teilen belegt hat, weiß, wovon ich rede.

Nun mag der eine oder andere sagen, die oben beschriebenen Manöver sind auf mangelnde Erfahrung oder manchmal auch einfach fehlende Manieren zurückzuführen. Aber ganz ehrlich: Wer keine spürbaren Folgen für sein Handeln erwarten muss, der lernt aus seinen Fehlern nicht so sehr, wie jemand, dessen 1.000-, 2.000- oder 3.000-Euro-Kaution futsch ist. Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn diese Kaution versichert wird, aber wenn, dann bitte nach dem Modell der echten Versicherung. Also: Erst ist die Kaution beim Schaden einmal weg. Dann Schaden melden, Berichte ausfüllen, Erstattung anmelden und ein paar Wochen auf das Geld warten. Ein bisschen wehtun muss es schon. So wird das Interesse an einem Skippertraining geweckt oder ein Fachbuch gekauft oder meinetwegen nur gelesen. Und mit Sicherheit überlegt man manche Manöver nächstes Mal etwas besser im Voraus.

Herzlichst, Ihr

Andreas Fritsch

YACHT-Redakteur

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