Check-inDie Übernahme einer Charteryacht

Andreas Fritsch

, Lars Bolle

 · 19.11.2019

Check-in: Die Übernahme einer CharteryachtFoto: YACHT/B. Scheurer

Die Übernahme einer Charteryacht zählt zu den wichtigsten Momenten des Ferientörns. Fehler oder Unaufmerksamkeiten können den ganzen Urlaub verderben

Die Rahmenbedingungen für den Check-in sind oft denkbar ungünstig: Das Basispersonal hat gewaltigen Zeitdruck und will das Prozedere schnell, reibungslos und effektiv über die Bühne bringen, weil die nächsten Kunden schon drängeln. Trotzdem soll jede Crew möglichst viel verstehen, damit es später nicht dauernd Nachfragen gibt oder gar etwas durch Fehlbedienung beschädigt wird.

Der Kunde auf der anderen Seite möchte oft genug rasch ablegen – schließlich soll die kostbare Urlaubszeit genutzt werden. Man ist zudem noch müde von der Anreise oder schlicht überfordert von der Masse der technischen Details, die auf einen einprasseln.

Und so kommen sie dann zustande, die schnellen, hingehuschten Übergaben, die häufig der Beginn eines verkorksten Urlaubstörns sind. Erst während der Reise merkt die Crew dann, dass Ausrüstung defekt ist oder gar fehlt, Schäden nicht bemerkt wurden oder man schlicht vergessen hat, wichtige Punkte zu klären.

Ein Tipp: Jede Agentur kennt Charterfirmen, die sich durch sehr gute Wartungsqualität auszeichnen. Da kann es sich schon einmal lohnen, nicht das um 100 Euro günstigere Angebot zu nehmen, sondern Qualität bewusst zu honorieren. Bereuen wird man das mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht.

YACHT online bietet Checklisten für die Übernahme, eine Proviantliste sowie eine Mitseglervereinbarung kostenlos zum Download an.

Das Übergabeprotokoll ist extrem wichtig

Eine vernünftige Übergabe der Yacht ist noch aus einem ganz anderen Grund wichtig: Nur wer wirklich aufmerksam alle Defekte und Vorschäden reklamiert und beseitigen lässt oder aber konsequent dokumentiert, ist vor späteren Rückforderungen gefeit oder kann Regress fordern. Daher hat das Übergabeprotokoll einen extrem hohen Stellenwert.

Den unterschätzen viele Skipper. Wer vorschnell unterschreibt, macht sich haftbar für alle Schäden, die man selbst übersehen hat. Häufig sind das versteckte Mängel, die auf die Vorcrew zurückgehen. Die Folge: Im Zweifel ist ein guter Teil oder gar die gesamte Kaution verloren – und damit der Törn meist mehr als getrübt.

Ferner gibt es durchaus auch schwarze Schafe in der Vercharterungsbranche: Flottenbetreiber, die regelmäßig kleinere Defekte nicht beheben, sie jedoch einer Crew nach der nächsten in Rechnung stellen. Etwa verbogene Bugkörbe, Kratzer am Rumpf oder gar beschädigte Ruderblätter.

Deshalb gilt: alle, wirklich alle Mängel beheben lassen. Oder falls dies nicht möglich ist, entsprechende Vermerke ins Protokoll schreiben und eine vom Basisleiter unterschriebene Kopie mitnehmen. Andernfalls steht man mit leeren Händen da.

Auf keinen Fall sollte man sich mit mündlichen Zusicherungen zufriedengeben, dass ein Schaden der Basis bereits bekannt sei. Bei der Rückgabe steht nämlich häufig ein anderer Mitarbeiter am Steg, und der weiß dann von nichts. Da wird der vermeintliche Vorschaden plötzlich doch zum Problem der unschuldigen Crew.

Natürlich gilt aber auch umgekehrt: Wer etwas beschädigt, sollte fair sein und das von sich aus mitteilen. Schließlich möchte man selbst ja auch nicht für den Schaden anderer geradestehen müssen.

Mängel beseitigen oder Minderung fordern?

Kommt das Basispersonal an Bord, sollte man sich möglichst im Klaren sein, was im Mängel-Fall getan werden soll: auf Abhilfe bestehen oder zu Zugeständnissen bereit sein? Oft nehmen längere Mängellisten sehr viel Reparaturzeit in Anspruch, die man nicht richtig nutzen kann.

Was viele nicht wissen: In diversen Charterverträgen ist eine Minderung des Charterpreises bei fehlender Ausrüstung ausgeschlossen, Handeln also zwecklos. Bei größeren Ärgernissen wie fehlendem Außenborder, defektem Autopilot bei kleiner Crew und Ähnlichem kann man aber versuchen, die Nebenkosten vor Ort nachträglich zu drücken.

Nur in einem Punkt wird nicht verhandelt: Sind sicherheitsrelevante Teile defekt, muss der Skipper auf Abhilfe bestehen! Passiert später etwas, steht er voll dafür ein. Was genau sicherheitsrelevant ist, ist allerdings nicht immer einfach zu entscheiden. Bei Schäden an der Sicherheitsausrüstung, an Kompass, Motor, Ruder, Rigg oder Rumpf wird wohl niemand diskutieren. Doch es gab schon Urteile, wonach ein defektes GPS-Gerät oder ein Plotter kein Grund ist, die Übernahme der Yacht zu verweigern.

Die wichtigsten Check-Punkte an Deck – Teil 2

Die wichtigsten Check-Punkte an Deck

Standard auf den meisten Stützpunkten ist es, dem Kunden die Inventarliste nach der Anmeldung mit auf den Weg zu geben und ihn zu bitten, diese selber durchzugehen. Das macht Sinn, verkürzt sich so doch die Übergabe, und die Crew weiß anschließend, wo alle Ausrüstung liegt.

Aber nicht nur das Vorhandensein der Ausrüstung prüfen, sondern auch schauen, ob alles funktioniert.

  • Großsegel Ausrollen und checken, besonders am Schothorn und Unterliek. Bewegt sich der Wagen nur mühsam über den Baum, hilft Gleitspray (Basis fragen). Bei durchgelattetem Groß Lattentaschen auf offene Scheuerstellen prüfen. Sind die Rutscher und Traveller intakt? Risse und Löcher möglichst reparieren lassen oder im Protokoll vermerken. Wenn das Ausrollen im Hafen wegen Windstärke oder -richtung nicht klappt, das gilt auch für das Vorsegel. Unbedingt direkt nach dem Auslaufen aus dem Hafen Segel setzen und prüfen – zu häufig werden Schäden übersehen und später teuer bezahlt. Schlimmer noch: Vielleicht muss man während des Törns einen Riss nähen lassen, was oft mit viel Aufwand für das Abschlagen der Tücher und der Suche eines Segelmachers verbunden ist.
  • Vorsegel Läuft die Rolltrommel noch leicht? Falls das Tauwerk in ihr extrem steif ist, mit Süßwasser spülen. Die Klemme der Liekbändsel ist oft defekt. Auch dieses Segel auf Risse und Löcher prüfen, vor allem auf Salingshöhe, am Schothorn und Unterliek. Ein Vorsegel lässt sich häufig rasch ausbessern. Genuaschlitten und Schoten auf Schäden prüfen.
  • Ankerwinsch Nach Kettenlänge fragen, falls diese nicht markiert ist. Das Ende muss befestigt, die Kurbel für die Bremse an Bord sein. Auf Schäden an Rolle oder Beschlag achten. Fernbedienung anschließen und testen. Das geht oft nur, wenn die Maschine läuft. Wo ist die Überlast-Sicherung unter Deck zu finden, falls der Anker mal festhängt?
  • Gasflasche/Badeplattform Sind die Regler der Gasflasche okay beziehungsweise hat sie einen Fernabschalter? Und ist eine volle Ersatzflasche an Bord?
  • Außenborder Der Dingi-Quirl ist technisch anfällig. Einmal am Heckkorb anziehen und einige Sekunden laufen lassen. Bekommt man ihn nicht gestartet, wird das später auf dem Wasser selten besser. Ist ein Tank und Ersatzkanister gefüllt und an Bord? Und ist ein Ersatz-Scherstift für den Propeller vorhanden? Befindet sich die Not-Aus-Leine am Motor?
  • Beiboot Hält das Dingi den Druck, zumindest einigermaßen? Ist eine Luftpumpe mit passenden Anschlüssen an Bord? Weist der Dingirumpf Schäden auf? Sind (anvulkanisierte) Schleppleinenösen ausgerissen? Wie steht es um Ruder, Dollen und Sitzbretter? Schäden am Dingi werden bei der Rückgabe oft teuer, also auch diese dokumentieren.
  • Backskiste Wichtiger Inhalt: Stromkabel plus Adapter, zweite Gasflasche, Wasserschlauch, Zweitanker, Bootshaken, Pütz.
  • Leinen Vier kürzere Leinen (etwa Schiffslänge) als Festmacher und Springs sowie zwei etwa 30 Meter lange Landleinen sind das Minimum. Weist das Tauwerk starke Scheuerstellen auf, Ersatz verlangen – reißt sich das Schiff später los, kann die Kaution rasch futsch sein!
  • Fender Auf Vollständigkeit und Luftdruck prüfen. Ein vernünftiger Heckfender wird oft vergessen, ist aber im Mittelmeer für die Anleger mit dem Heck zur Pier wichtig.
  • Instrumente Viel Ärger macht meist die Logge, die im Hafen nicht zu prüfen ist, sowie ein hängender Windex. Plotter testen, Autopilot einschalten. Ist das Rad dann blockiert, funktioniert er. Wichtig zu klären ferner: Welche Tiefe zeigt das Echolot? Ab Geber oder unter Kiel?
  • Motor Motor testweise laufen lassen. Tritt regelmäßig Kühlwasser aus? Klingt der Auspuff blechern oder kommt weißer Qualm, liegt meist ein Kühlproblem vor.
  • Sicherheit Ist der Rettungskragen mit befestigter Leine und Blitzleuchte vorhanden? Die Batterien der Blitzleuchte prüfen, sie sind oft leer. Bei automatischen Rettungswesten: Sind Patrone und Tablette intakt? Gibt es Lifelines? Rettungsinsel, falls vorhanden, und Notpinne lokalisieren. Einmal prüfen, wie die Pinne aufgesteckt wird.
  • Rumpf/Kiel/Ruder Deck und Außenhülle auf Kratzer, große Scheuerstellen und Löcher prüfen. Relingsstützen sowie Bug- und Heckkörbe müssen gerade und frei von Dellen sein sowie fest sitzen. Kann man das oder die Ruderblätter sehen, besonders die Achterkante und den Fuß anschauen, ob es gegebenenfalls zuvor Grundberührungen gegeben hat.
  • Badeplattform Falls die Badeplattform absenkbar ist: prüfen, ob die Beschläge verbogen sind. Ist die Badeleiter, falls ansteckbar, an Bord und unbeschädigt? Funktioniert die Cockpitdusche?
  • Sprayhood/Bimini Die Sprayhood und das Bimini sind ebenfalls einen Blick wert. Hier reißen gern die Spannleinen aus. Löcher, defekte Fenster-Folien oder verbogene Stangen können auch schnell kostspielig werden.

Die wichtigsten Check-Punkte unter Deck – Teil 3

Die wichtigsten Check-Punkte unter Deck

  • Elektronik Alle Geräte auf Funktion testen. Dazu an der Schalttafel die Systeme der Reihe nach einschalten.
  • Batterien Wo sind die Hauptschalter der Batterien? Sind Starter- und Verbraucherbatterien getrennt? Extra-Batterie fürs Bugstrahlruder? Kritisch kann eine Tiefenentladung der Bordakkus sein. Daher die Batteriespannung testen. Sie sollte mit Landstrom oder bei laufender Maschine deutlich über 13 Volt liegen, sonst wird nicht korrekt geladen. Ist die Maschine aus und das Stromkabel abgezogen, darf die Spannung nicht unter etwa 12,3 Volt sinken, sonst drohen Probleme.
  • Wasser Sind die Tanks alle voll beziehungsweise der Fäkalientank leer? Druckwasseranlage laufen lassen. Wo sind die Umschaltventile für die Frischwassertanks?
  • Navigation/Papiere Nicht vergessen: Der Plotter ist juristisch kein Ersatz für Papierkarten! Oft sind seine Module auch nicht aktuell. Prüfen, ob fürs Fahrtgebiet alle Sätze aktuell und vollständig sind. Revierführer müssen ebenfalls an Bord sein. Sich auch die revierrelevanten Charterpapiere (Transitlog, Permit u. Ä.) erläutern lassen und klären, ob Handbücher für die Bordgeräte vorhanden sind.
  • Motor Ölstand kontrollieren, Keilriemen-Spannung checken (max. 1 Zentimeter Spiel). Schauen, wo der Wasserfilter sitzt und wie er bei Verstopfung durch Seegras oder Unrat zu öffnen ist. Danach dicht verschließen. Ist Motoröl für den Diesel an Bord? Im Anschluss Probelauf durchführen.
  • Sanitäranlage Prüfen, ob die Toiletten gängig sind. Falls ein Fäkalientank vorhanden ist, das Ventil suchen und der Crew zeigen, wie es funktioniert. Lenzt die Duschpumpe? Oft ist der Ansaugflansch verstopft. Läuft das Klo im Hafen bei Ruhelage voll, ist die Dichtung der Pumpe defekt.
  • Werkzeug/Ersatzteile Den Werkzeugkasten öffnen und Inhalt prüfen, oft fehlt die Hälfte. Wichtige Ersatzteile: Klebeband, Segeltuch-Reparatur-Kit, Impeller, Zündkerze, Zündkerzenschlüssel, Scherstift für Außenborder, Sikaflex, Schellen, Keilriemen, Schmiermittel (WD 40 o. Ä.), Schäkel, Schrauben.
  • Pantry Für den Herd muss der Gasabsperrhahn lokalisiert werden. Den Kühlschrank möglichst früh einschalten und länger laufen lassen, um zu sehen, ob er richtig kühlt. Den Thermostat (meist im Kühlfach) überprüfen und falls nötig, hoch- oder runterregeln. Wasserdruck am Hahn checken und schauen, ob das Wasser aus der Spüle vernünftig abläuft.
  • Sicherheit Die persönliche Sicherheitsausrüstung für jedes Crewmitglied besteht aus Weste, Lifebelt, Lifeline. Häufig ist der Erste-Hilfe-Kasten geplündert, ein Blick hinein empfiehlt sich. Wo sind die Feuerlöscher platziert? Sind die Seenotsignale vollzählig an Bord und noch nicht abgelaufen? Wo liegt der Bolzenschneider für die Wanten?
  • Bilgepumpen/Kiel Nur selten praktiziert, aber durchaus sinnvoll ist es, einen Blick in die Bilge und auf die Kielbolzen zu werfen. Haarrisse um die Bolzen deuten auf eine schwere Grundberührung hin, die noch nicht repariert ist. Steht Wasser in der Bilge, muss es im Hafen strenggenommen per Schwamm gelenzt werden (Umweltschutz). Danach Testlauf.
  • Seeventile Alle Borddurchlässe lokalisieren und ausprobieren. Sind sie nicht gängig, kann es schlimmstenfalls gefährlich werden. Bei einem oder mehreren Fäkalientanks an Bord: Wo sind die Ventile dafür? Nicht aus Versehen das Ventil für die Motorkühlung schließen. Mit der Crew genau klären, wer wann welches Ventil abriegeln soll.

Zehn Tipps zum Check-in für Anfänger – Teil 4

Zehn Tipps zum Check-in für Anfänger

Wer noch nicht so viel Erfahrung hat oder nur einmal im Jahr chartert, bekommt schwerlich Routine. Zehn einfache Tipps helfen, dass man schneller startklar ist

  1. Aufgabenteilung: Nach dem Check-in gibt es eine Kurzversion für die Crew. Verteilen Sie Aufgaben (Kühlschrank beim Segeln aus, bei Motorfahrt an, Fenster und Ventile nach Auslaufen schließen/checken, Fäkalientank leeren, Wasser-Füllstände im Auge behalten etc.). So lernt die Crew, und der Skipper muss nicht alles allein bewältigen! Jeder ist für seine Sicherheitsausrüstung, seine Seeventile und seine Luken verantwortlich.
  2. Keine Hetze! Je mehr das Basispersonal drängelt, desto ruhiger sollte man selbst sein. Notfalls den Mann gehen lassen und später noch mal ansprechen. Dasselbe gilt, wenn die Crew loswill: Nehmen Sie sich Zeit, Sie haften ja auch!
  3. Kautionsversicherung: Falls Sie eine abgeschlossen haben, erwähnen Sie das nicht. Manche Basisleiter versuchen dann Lappalien oder teure Vorschäden abzurechnen.
  4. Was tun, wenn das Boot nicht klar ist? Gerichte haben Richtwerte formuliert: 24 Stunden Wartezeit sind bei einer einwöchigen Charter zumutbar, bei zwei Wochen 48, bevor Sie zurücktreten können! Aber: Dann gibt’s Regress.
  5. Agentur einschalten. Haben Sie ernste Probleme mit dem Basispersonal, kann ein Anruf beim Agenten zu Hause manchmal helfen. Die Agentur weiß vielleicht Rat oder kann mehr Druck machen.
  6. Die Crew von Bord schicken, falls es zu eng wird. Lassen Sie die Mitsegler einkaufen oder einen Kaffee trinken, wenn sie die Einweisung behindert. Gepäck und Einkäufe sind beim Check-in nur im Weg.
  7. Vier Augen sehen mehr. Ein Mitsegler sollte als Co-Skipper den Check-in auf jeden Fall mitmachen. Fragen immer gleich notieren, wenn sie aufkommen!
  8. Konsequent bleiben. Alle Mängel ins Protokoll, wenn sie nicht behoben werden. Da dürfen keine Ausreden der Basisangestellten gelten!
  9. Gut vorbereiten. Crew-Checklisten für Mitsegler mitbringen, wenn die unerfahren sind. Dort gibt es auch Listen zur Aufgabenteilung. Bedienungsanleitung für Plotter ggf. vorab im Internet besorgen.
  10. Bleiben Sie freundlich. Das Basispersonal steht in der Hochsaison mächtig unter Druck (und ist manchmal schlecht bezahlt). Geben Sie Fehler zu. Wer eigene Schäden anzeigt, wird oft mit mehr Respekt behandelt, da das relativ selten ist.

Meistgelesene Artikel