Ein halbes Dutzend Teams nehmen die Herausforderung des Ocean Race Atlantic bei der Premiere an. Auf dem Papier sind Boris Herrmanns „Malizia 4“ und Kojiro Shiraishis neuer „DMG Mori Global One“ die Favoriten. Die beiden neuen Raketen unter deutscher und japanischer Flagge gehören zwei in Lorients La Base beheimateten Powerhäusern in der Imoca-Welt: Team Malizia und dem DMG Mori Sailing Team.
Beide haben ihre neuen Boote in diesem Sommer vom Stapel laufen lassen. Team Malizia sein Koch-Design aus dem Dreier-Verbund mit Thomas Ruyant Racing und Team Banque Populaire, das DMG Mori Sailing Team seinen Verdier-Entwurf. Aktuell bilden „Malizia 4“ und „DMG Mori Global One“ auf dem Wasser die Speerspitze der Imoca-Entwicklung, sind die jüngste Generation der Klassenentwicklung, die am 1. September in ihre erste Regatta-Bewährungsprobe starten. Der NDR-Livestream dazu beginnt am 1. September um 17.55 Uhr hier.
Es werden auf Kurs Vendée Globe 2028/2029 in diesem und im nächsten Jahr weitere Neubauten für Großkaliber wie Seb Simon, Yoann Richomme oder auch Loïck Berrehar kommen. Für sie alle kommt das Ocean Race Atlantic zu früh. Andere Imoca-Teams mit neueren oder älteren Designs nehmen nicht an der Atlantik-Premiere teil, weil ihnen Zeit oder Mittel fehlen oder ihre Partner und Sponsoren sich auf die französischen Solo- und Shorthanded-Klassiker konzentrieren wollen.
Sehr viel internationaler sind die Blickwinkel von Francesca Clapcich und Ocean-Race-Europe-Sieger Paul Meilhat. Sie umarmen wie Boris Herrmann und die weiteren Skipper auch die Ocean-Race-Formate, sehen in Historie und Ausrichtung von The Ocean Race und seinen Schwestern Herausforderungen mit viel Mehrwert und gewolltem Team-Faktor. Clapcichs „11th Hour Racing“ ist Boris Herrmanns 2022 gebaute „Malizia 3“. Paul Meilhats „United by the Ocean“ ist die im gleichen Jahr gebaute 2022 Ex-„Biotherm“.
Noch ein bisschen weiter zurück liegt das Geburtsjahr von Oliver Heers „Embrace the Challenge“. Der VPLP-Foiler lief 2018 als „Charal“ für Jérémie Beyou vom Stapel, diente dann Justine Mettraux als „TeamWork – Team Snef“ formidabel bei der letzten Vendée Globe. Jetzt ist die acht Jahre alte Imoca – überholt und im neuen Look – fest in Schweizer Hand.
Diese drei ausgereiften Boote bilden im Ocean Race Atlantic das Mittelfeld der ehrgeizigen Jäger mit dem Potenzial, auch den Neubauten ihre Positionen streitig zu machen. Die Vendée Globe 2024/2025 hatten diese drei Boote mit ihren damaligen Solisten in dieser Reihenfolge beendet: 1. „United bei the Ocean“ (5. als „Biotherm mit Paul Meilhat), 2. „Embrace the Challenge“ (8. als „TeamWork – Team Snef“ mit der besten Solistin Justine Mettraux), 3. „11th Hour Racing“ (12. als „Malizia – Seaexplorer“ mit Boris Herrmann).
Geht es im Ocean Race Atlantic über rund 3200 Seemeilen wieder so aus oder womöglich im Team ganz anders? Gut zu wissen: Die frühere „Malizia – Seaexplorer“ hat sowohl bei Atlantik-Rennen mit Boris Herrmann vor der letzten Vendée Globe als auch schon mit seiner neuen Skipperin Francesca Clapcich herausragende Ergebnisse in rauen Bedingungen erzielt. Sowohl im Transat CIC als auch im New York Vendée – Les Sables-d’Olonne hatte Boris Herrmann 2024 zwei sehr starke zweite Podiumsplätze auf dem Atlantik erstürmt.
Auch nach der Übernahme durch Francesca Clapcich im vergangenen Jahr ging es für „11th Hour Racing“ kraftvoll weiter. Sie rauschte mit Co-Skipper Will Harris, einer ordentlichen Portion Ehrgeiz und hohem Anteil an Handsteuerung im Transat Café L’Or auf Platz zwei, zeigte bei ihrem ersten großen Imoca-Rennen als Neu-Skipperin auf dem Atlantik, zu was die frühere „Malizia – Seaexplorer“ (”Malizia 3”) imstande sein kann. Eine solche Leistung würde das Team, das erneut in “Anleihe” von Team Malizia durch Will Harris verstärkt wird, im anstehenden Ocean Race Atlantic gerne wiederholen.
Es ist der Nordatlantik im September. Man kann auf ziemlich starke Stürme treffen. Man muss mit dem Golfstrom zurechtkommen. Es ist zum Segeln ein sehr forderndes Revier auf der Welt.” Will Harris
Für den Schweizer „Embrace the Challenge“-Skipper Oliver Heer bringt das Ocean Race Atlantic den Wechsel vom bislang mehrheitlich solo bestrittenen Imoca-Fach in die Abteilung Mannschaftsrennen. Nachdem er im Februar 2025 als erster Deutschschweizer die Vendée Globe gemeistert hatte, will Heer jetzt herausfinden, zu was er sein Boot im Team antreiben kann.
Ich habe mich bewusst mit Leuten umgeben, die Erfahrung vom höchsten Niveau des Sports mitbringen. Jeder bringt eine andere Stärke mit. Das ist exakt, was wir wollten.“ Oliver Heer
Als Außenseiter startet Dauerdynamo Conrad Colman mit dem 2007 gebauten VPL/Verdier-Design „MSIG Europe“ ins Ocean Race Atlantic. Ohne Foils, aber mit maximaler Energie werden Conrad Colman und seine „100 % Kiwi“-Crew ihre Leidenschaft ins Rennen einbringen und zeigen: Siegen ist viel, aber nicht alles.
Das die Premiere des Ocean Race Atlantic auch Rekordchancen birgt, hat nicht nur Boris Herrmann schon angemerkt. Er sieht – wie auch “Frankie” Clapcich – bei passenden Bedingungen Möglichkeiten, die selbst noch mit “Malizia – Seaexplorer” am 26. Mai 2023 erreichten 641,13 Seemeilen zu überbieten. Damals gelang der Rekord Boris Herrmann, Will Harris, Rosalin Kuiper und Yann Eliès auf Etappe fünf im Ocean Race um die Welt. Und zwar im Nordatlantik! Die Durchschnittsgeschwindigkeit betrug während der Rekordfahrt imposante 26,71 Knoten.

Freie Reporterin Sport
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