MeinungWegelagerei am Steg

YACHT

 · 14.02.2026

Meinung: Wegelagerei am Steg
YACHT-Woche – Der Rückblick
yacht/bullseye-yacht-woche-pascal-2000x500_3e68d6a6ba6de7a31a6b3155569dc7e9

Liebe Leserinnen und Leser,

​das jüngste Urteil zur Kurtaxe hat vielerorts die Wogen in der Segelszene hochschlagen lassen. Der Verwaltungsgerichtshof in Mannheim hatte einen Passus in der Kressbronner Kurtaxe-Satzung abgesegnet, wonach nun auch Mieter von Dauerliegeplätzen zur Kasse gebeten werden dürfen, die ihren Wohnsitz nicht in Kressbronn haben. Wir hatten auf yacht.de darüber berichtet.

Vorausgegangen war ein jahrelanger Rechtsstreit. Ursprünglich hatte die Gemeindeverwaltung rund 200 Euro jährlich von den betroffenen Bootseignern abkassieren wollen. Dagegen klagten Vereine, Hafenbetreiber und betroffene Eigner. Am Ende hat sich ihr Engagement zumindest insofern ausgezahlt, als dass die Kurtaxe nun „nur“ noch knapp 60 Euro pro Jahr betragen darf.

Doch auch diese 60 Euro, selbst wenn sie den Betroffenen kaum weh tun werden, sind zu viel!

Bootsbesitzer gehören von der Kurtaxe ausgenommen, weil sie die typische Kur‑Infrastruktur kaum nutzen. Zudem zahlen sie bereits ohnehin schon meist hohe Liegegebühren. Zusätzliche Abgaben wie eine Kurtaxe wirken da in Hinsicht auf die touristische Förderung einer Region kontraproduktiv. Sprich, sie schrecken ab. Und zwar nicht nur Dauerlieger, sondern auch Tagesgäste, die einen Hafen nur für ein oder zwei Übernachtungen ansteuern.

Meistgelesen

1

2

3

4

5

Besonders deutlich wird das an Beispielen von Rügen und vom Bodensee, wo teils Doppelbelastungen und rechtlich fragwürdige Gleichsetzungen von Dauerliegern mit klassischen Übernachtungsgästen zu Unmut führen.

Was Kurtaxe leisten soll – und warum Segler nicht ins Raster passen

Die Kurtaxe ist grundsätzlich als zweckgebundene Abgabe für touristische Leistungen gedacht: Strandreinigung, Promenaden, Kurkonzerte, Tourist-Information, örtliche Verkehrsmittel. Sie knüpft in den Satzungen in der Regel daran an, dass jemand als „Übernachtungsgast“ in einer Gemeinde auftritt – klassischerweise also im Hotel, in der Ferienwohnung oder auf dem Campingplatz.

Der typische Fahrtensegler passt in dieses Schema nur sehr eingeschränkt. Er verbringt den Großteil des Tages auf dem Wasser, nicht im Ort. Er nutzt meist nur die Infrastruktur des Hafens (Sanitäranlagen, Hafenrestaurant, eventuell einen Brötchenservice), was aber bereits über die Liegegebühren mitfinanziert wird. Und er bleibt häufig nur eine Nacht und reist früh weiter, ohne Kureinrichtungen, Veranstaltungen oder Strände in nennenswertem Umfang aufzusuchen.

Kurz gesagt: Segler werden wie klassische Touristen behandelt, obwohl ihr Nutzungsprofil eher dem eines Transit-Gastes entspricht, der das Revier als Durchgangsraum erlebt und die Gemeindeangebote allenfalls punktuell nutzt.

Rügen: Doppelte Kurtaxe und abnehmende Gastlieger

Auf Rügen zeigt sich exemplarisch, wie unsachgerecht Kurtaxe-Regeln für Wassersportler zudem wirken können. In mehreren Häfen müssen Segler, die abends ankommen und morgens wieder ablegen, eine Kurtaxe für zwei volle Tage bezahlen – für Anreise- und Abreisetag. Das führt dazu, dass eine vierköpfige Familie zusätzlich zu Liegegebühren von rund 20 Euro pro Nacht noch einmal gut 20 Euro Kurtaxe zahlt, obwohl sie im Grunde nur einen Abend im Hafen verbringt.

Besonders problematisch ist die Mehrfachbelastung: Wer an einem Tag morgens den einen Hafen verlässt und abends einen anderen auf Rügen anläuft, kann hier wie dort zur Kasse gebeten werden – obwohl der ganze Tag auf dem Wasser verbracht wurde. Zwar gibt es für einige Ostseebäder (Sellin, Baabe, Göhren, Mönchgut) mittlerweile eine gegenseitige Anerkennung der Kurtaxe, doch diese Regelung gilt nicht inselweit.

Hafenbetreiber in Rügen verweisen sogar darauf, dass die Kurtaxe in manchen Fällen höher ist als die Liegegebühr. Und dass Gastanläufe – insbesondere von Booten mit mehreren Personen – rückläufig sind. Zudem sei der Verwaltungsaufwand für die Häfen enorm, weil Daten jedes einzelnen Gastes erfasst werden müssen.

Die Folge: Segler weichen auf Häfen mit moderateren oder klareren Regeln aus. Am Ende verlieren sowohl die Häfen als auch die touristische Destination als Ganzes Einnahmen.

Kressbronn: rechtlich zulässig, politisch fragwürdig

Am Bodensee zeigt Kressbronn eine andere Facette des Problems: Dort wurde die Kurtaxe ausdrücklich auf Dauerliegeplätze auswärtiger Eigner ausgeweitet. Sie zahlen fortan auch dann, wenn sie sich selbst gar nicht als Touristen verstehen.

Nach einem langwierigen Normenkontrollverfahren hat der Verwaltungsgerichtshof in Mannheim wie erwähnt entschieden, dass die Erhebung einer Kurtaxe für Bootsliegeplätze grundsätzlich zulässig ist. Zunächst wurde dabei allerdings klargestellt, dass eine pauschale Belastung von Booten mit der Annahme von zwei Personen und 30 Nutzungstagen überzogen ist; vertretbar sei nur eine pauschale Annahme von 15 Tagen, was die Gemeinde später in einer geänderten Satzung umgesetzt hat.

Gerade bei Dauerliegern zeigt sich damit eine grundsätzliche Schieflage: Sie investieren bereits erheblich in Liegegebühren, Wartung, lokale Dienstleistungen – und sollen zusätzlich eine touristische Abgabe tragen, ohne tatsächlich als klassische Kur- oder Urlaubsgäste aufzutreten. Der Unmut darüber ist groß. In den sozialen Netzwerken wird die Kurtaxe als „Abzocke“, „moderne Form staatlicher Wegelagerei“ und „überbordende Bürokratie“ bezeichnet.

Fürsprecher gibt es, aber nur sehr wenige. Ihre Argumente: Spezielle Tourismusabgaben gebe es auch anderswo in der Welt. Sich über nicht mal 60 Euro im Jahr aufzuregen lohne nicht. Oder auch: Kurtaxe zu entrichten sei ein Zeichen der Solidarität.

Ich kann und will diesen Argumenten nicht folgen. Allein, dass jede Gemeinde andere Regeln erlässt, ist weder der breiten Öffentlichkeit, geschweige denn den konkret Betroffenen vermittelbar. Höchste Zeit, dass der Gesetzgeber diesem Treiben allzu ambitionierter Stadtkämmerer Einhalt gebietet.

Momentan ist leider das Gegenteil der Fall: Mit dem Gerichtsurteil im Rücken wollen am Bodensee bald weitere Gemeinden mit der Kurtaxe Kasse auch in den Häfen machen.

Pascal Schürmann

YACHT-Textchef

Wie stehen Sie zur Kurtaxe?
Kurtaxe zahle ich bereitwillig
Kurtaxe für Segler finde ich ungerecht, zahle sie aber notgedrungen dennoch
Ich bin nicht bereit, Kurtaxe zu zahlen, und meide Häfen, in denen sie erhoben wird

Umfrage beendet

*** Abstimmen/Klicken, um das Ergebnis zu sehen! ***


Lese-Empfehlungen der Redaktion

yacht/Myproject-122_588dd1e2bf08c53ce7f0b81757956597

​Oyster 825 „Viva La Vida“

Kenterung nach schwerem Kielschaden

yacht/783981449-122246944316095413-3602582623290535968-n-firefly-upscaler-4x-skalierung_3ebda03607ca060b20e097761dfe193b

Die Oyster 825 „Viva La Vida“ ist in Australien gekentert, die untere Ballastsektion des Kiels fehlt. Der Fall erinnert an „Polina Star III“, doch die Schadensbilder unterscheiden sich deutlich.


Neue Podcast-Folge

Als 21-jährige Strategin zum SailGP nach Sassnitz – mit Anna Barth

yacht/00-vorlage-podcast-artikel-teaserbild-2026-1-1-kopie-kopie_bdc19de8fe6d0e06e602fe8c47f54413

Mit 21 Jahren Strategin im SailGP: Anna Barth spricht in der 86.Folge des YACHT-Podcast über das Heimrennen in Sassnitz und ihre Rolle an Bord.


Kommunikation

Elon Musk hat kein Herz für Segler, Starlink streicht Global Roam

yacht/starlinksatelliteninternet2022priv-backup-img-4198_16d8eb356b7ba84ecd073519a040dd3b

Starlink beendet Global Roam und begrenzt Roam Unlimited auf 30 Tage außerhalb des registrierten Heimatlandes. Was die Änderung für Langfahrtsegler bedeutet, welche Kosten entstehen und warum die Fahrtensegel-Szene nun eine eigene Lösung fordert.


SailGP Sassnitz

Anreise, Sperrungen und Parken

yacht/100157306_4c312ce456ad805fc895a942b308ab08

Am 22. und 23. August 2026 gastiert der SailGP erneut in Sassnitz. Diese Service-Übersicht erklärt Sperrzeiten, Parkplätze in Neu Mukran, Shuttlebusse und die wichtigsten Hinweise für Besucher.


Invasive Arten

Töten, essen - oder abwarten?

yacht/100226266_50543621668cee9c0807cdfdeeb4252a

Invasive Arten verändern Reviere, Häfen und Ökosysteme. Was Segler über Kalkröhrenwurm, Quaggamuschel und Co. wissen müssen – und warum man sie nicht loswird.


Hanse 461

Erste Bilder vom YACHT-Test

yacht/hanse-461-test-greifswald-2026-ngu-41_9401089524f719ba3b57968a3fed2e11

Die Hanse 461 tritt die Nachfolge der 460 an. Erste Bilder aus dem YACHT-Exklusivtest zeigen einen erweiterten Heckbereich, ein neues Stagsegel und deutlich mehr Auswahl beim Innenausbau.


Seenot

Segelboot treibt führerlos vor Frankreich – Mann vermisst

yacht/gettyimages-2290431181_15ff3a355acc2f8e46f0d7059dd5e6e2

Vor der französischen Atlantikküste suchen Rettungskräfte nach einem Mann, der an Bord eines führerlos treibenden Segelbootes gewesen sein soll.


Skurriler Seeunfall

Schoner “Rara Avis” kommt in Lachsfarm fest

yacht/768205720-1484057510432811-432790964516586704-n_a25411f4b080e4ec68ef1d44dccf9b3f

Ein französischer Schoner kommt in einer irischen Lachsfarm fest. 25 Personen an Bord, 100.000 Junglachse evakuiert. War die Farm schlecht beleuchtet?


Seenot

Mehrere Verletzte nach Katamaran-Kollision am Bodensee

boot/612729152-1_8b9a5601a4289ecf302a866bf57423aa

Der Bodensee-Katamaran “Constanze” ist am Freitagmorgen (14.08.) gegen eine Hafenmauer geprallt. Bei der Kollision wurden zwölf Menschen verletzt.


SailGP

Der Wunschzettel zum Heimspiel – ”Sonne, Wind, Podiumsplatz”

yacht/fd1-0319-3_9b1b4d5dd063dc4cd803ffa1542f1b85

Die Countdown-Uhr zum Rockwool Germany SailGP tickt lauter. Am 22. und 23. August gastiert die Segel-Formel 1 zum zweiten Mal in Sassnitz an der Ostsee.



Newsletter: YACHT-Woche

Der Yacht Newsletter fasst die wichtigsten Themen der Woche zusammen, alle Top-Themen kompakt und direkt in deiner Mail-Box. Einfach anmelden:

Artikel teilen:
Kommentare

Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.

Meistgelesen in der Rubrik Allgemeiner Service