MeinungVon Sesselseglern und Seehelden

YACHT

 · 10.10.2026

Meinung: Von Sesselseglern und Seehelden
YACHT-Woche – Der Rückblick
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​Liebe Leserinnen und Leser,

das Englische hat wunderschöne Worte. Der „armchair sailor“ gehört für mich dazu. Anders als man vielleicht zunächst vermuten möchte, ist der „Sesselsegler“ nämlich kein unangenehmer Zeitgenosse. Also einer, der praktisch keine Ahnung hat, aber trotzdem alles besser weiß.

Gemeint ist vielmehr jemand, der den Zugang zum Wasser zuhause findet, mit einem Buch in der Hand, für den bereits die bloße Vorstellung zum Erlebnis auf See wird. Wind und Wellen in den eigenen vier Wänden.

Zu romantisch? Moment! In gewisser Weise gehörte ich nämlich selbst in diese Kategorie. Der Grund liegt wie so vieles in der Familie: Zwar wohnten wir küstennah, doch für meine Eltern entfaltete das Meer seine Reize in erster Linie dann, wenn man es vom Land aus betrachtete.

Bevor ich selbst vergleichsweise spät zu segeln anfing – während des Studiums war es endlich soweit – musste ich meine Neugier auf andere Weise stillen: mit vielen Büchern. Während ich las, wurde die Dachschräge über mir zur perfekten Projektionsfläche für Fernweh.

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Einer meiner Lieblingsbände war ein abgegriffenes Taschenbuch, auf dem Titel das gemalte Bild einer weißen Ketsch nur unter Sturmfock zwischen turmhohen Wellenbergen: „Held der Sieben Meere“ von Sir Francis Chichester. Darin schildert der englische Autor die Geschichte seiner Einhand-Weltumseglung auf „Gypsy Moth IV“.

Was mich damals wie heute beeindruckte, war nicht nur die Herausforderung, der sich Chichester stellte, sondern auch die Weise, wie er ihr bei jedem Wetter begegnete – und im Anschluss darüber schrieb: nüchtern und prosaisch. Ohne jeden Drang zur Selbstdarstellung. Understatement in Bestform. Als wäre seine Reise um die Welt auch das Normalste der Welt.

Chichesters Abenteuer jährt sich gerade zum 60. Mal: Am 27. August 1966 war er in Plymouth aufgebrochen und hatte England hinter sich gelassen. An diesem Tag vor 60 Jahren, dem 9. Oktober, befand er sich bereits weit im Südatlantik, hatte Tristan da Cunha passiert und stand kurz vor der Überquerung des 40. Breitengrads, der unsichtbaren Grenze zu den berüchtigten Roaring Forties – ironischerweise ohne jedes Gebrüll.

Konsterniert schrieb er: „Der Wind kam entweder von direkt voraus, genau aus der Richtung, in die ich segeln wollte, oder es wechselte leichtes Säuseln mit Flaute. Neidisch dachte ich an die ,Cutty Sark‘, die in diesen Breiten in kräftigen Winden gesegelt und rasch vorangekommen war“.

Tatsächlich war das virtuelle Duell mit der legendären Königin der Klipper, die viele Jahrzehnte vor „Gypsy Moth IV“ auf der gleichen Route gesegelt war, eines der Begleitmotive auf der Reise.

Die stand allerdings auch so für sich: Zwar war der Engländer nicht der erste Mensch, der solo um die Welt segelte, und auch nicht der erste, der es nonstop tat (eine Unterbrechung in Australien war von Anfang an geplant), doch niemand vor ihm hatte auf Westkurs allein die drei großen Kaps umrundet: das Kap der Guten Hoffnung, Kap Leeuwin und Kap Hoorn – ein Dreiklang, der bei den großen Regatten wie Ocean Race, Vendée Globe oder der Neuauflage des Golden Globe Race auch heute noch den Ton bestimmt.

Chichesters Heimkehr nach vielen Stürmen wurde zum Triumphzug: Am 28. Mai 1967 war Plymouth Sound voller Boote, das Land um Plymouth Hoe herum voller Menschen. Die Begeisterung kannte keine Grenzen. In einer Zeit, die nach Jahrhunderten der Seeherrschaft einen Schlussstrich unter das britische Weltreich gezogen hatte, bescherte Chichester der mit dem Selbstverständnis ringenden Nation noch einmal einen echten Seehelden.

Wie einst Sir Francis Drake nach seiner Weltumseglung im sechzehnten Jahrhundert, wurde auch Chichester als mehrfacher Rekordhalter schon bald von der Königin zum Ritter geschlagen. Nur eine Sache blieb nun noch unerfüllt, „unfinished business“: die erste Einhand-Weltumseglung ohne Zwischenstopp. So wurde seine Reise schon ein Jahr später zum Anstoß für das Sunday Times Golden Globe Race, das Robin Knox-Johnston unter noch weitaus dramatischeren Umständen gewann.

Natürlich hat auch er seine Erlebnisse festgehalten, in „Allein mit dem Meer“. Wenn das Boot demnächst wieder an Land steht, könnte ich auch dieses Buch mal wieder vom Regal nehmen und es mir im Sessel gemütlich machen.

Christian Tiedt

Ressortleiter Reise


Buchtipps

Übers Segeln versammelt Texte von Robin Knox-Johnston über Solosegeln, Sicherheit und das Leben an Bord. Der Band ergänzt die im Artikel erwähnte Schilderung seiner Weltumsegelung um Erfahrungen aus späteren Jahren. Wer sich für die praktische Seite langer Einhandpassagen interessiert, findet hier seine Überlegungen zum Segeln und zum Umgang mit den Anforderungen auf See.

Der verschenkte Sieg führt zurück zum ersten Golden Globe Race. Bernhard Moitessier schildert seine Fahrt auf der „Joshua“ um die drei großen Kaps und erklärt, warum er 1969 auf das Ziel und einen möglichen Sieg verzichtete. Seine Beobachtungen auf See und seine Gedanken zu dieser Entscheidung zeigen eine andere Haltung zum Einhandsegeln als die auf Rekorde gerichteten Fahrten jener Zeit.



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