KroatienZu viele Charterer mit zu wenig Erfahrung?

Jill Grigoleit

 · 07.10.2026

Kroatien: Zu viele Charterer mit zu wenig Erfahrung?Foto: credit iStock/ vuk8691
Debatte über Sicherheit im Chartertourismus: sind die Unfallzahlen auf der Adria auf mangelnde Erfahrung zurückzuführen?
Die kroatische Unfalluntersuchungsbehörde fordert bessere Sicherheitseinweisungen für Chartercrews. Ein Experte sieht zudem Lücken bei den Wetterwarnungen auf der Adria.

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Kroatien gehört zu den größten Charterrevieren Europas. Im Zusammenhang mit der Unfallstatistik wird zunehmend über Zusammenhänge mit mangelnder Erfahrung, dichtem Verkehr und Wetterphänomenen auf der Adria diskutiert. Anfang Oktober 2026 sprach Ivan Toman vom Maritimen Fachbereich der Universität Zadar bei einer Fachtagung in Zagreb über die Risiken für saisonale Wassersportler. Er warnte vor den teils lebensgefährlichen Konsequenzen des “Massenamateurismus auf See” und forderte bessere Warnungen und mehr Wetterkunde in der Ausbildung.

Auslöser der Sicherheitsdebatte

Am 30. April 2025 kollidierte die Ro-Ro-Passagierfähre „Ugljan“ im Zadar-Kanal mit dem Segelboot „Lena“. Nach der Untersuchung der kroatischen Unfallbehörde AIN wurde auf dem Segelboot kein ausreichender Ausguck gehalten. Die Behörde nennt die geringe Erfahrung des Skippers und seine mangelnde Vertrautheit mit dem Revier als mitwirkende Faktoren.

Die Verantwortung lag nach den Ermittlungen allerdings nicht allein auf der Seite des Seglers. Auf der Fähre wurde das andere Fahrzeug zu spät wahrgenommen, die ARPA (Automatic Radar Plotting Aid, eine Radaranlage zur automatischen Erfassung und Kollisionsvermeidung) wurde nicht zur Beurteilung der Kollisionsgefahr genutzt. Ob das Segelboot eine Charteryacht war, geht aus der veröffentlichten Zusammenfassung nicht hervor.

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In einem aus dem Untersuchungsbericht abgeleiteten Sicherheitshinweis rät die AIN Charterunternehmen, Crews vor der Übergabe des Boots gezielt über örtliche Gefahren, dichten Verkehr, typische Navigationsfehler und das Verhalten bei unerwarteten Situationen zu informieren. Auch Beispiele früherer Unfälle aus dem Revier sollen Teil der Einweisung sein. Bisher handelt es sich hierbei aber nur um eine Empfehlung. Eine gesetzliche Pflicht gibt es nicht.

Wie groß ist das Sicherheitsproblem?

Toman bezifferte die Zahl der Chartergäste auf der kroatischen Adria in seinem Vortrag auf rund 580.000 pro Jahr. Bis zu 87.000 Bootsvermietungen entfielen auf eine Saison, davon nach seinen Angaben 43 Prozent auf Bareboat-Charter. Allein aus der Tatsache, dass kein bezahlter Skipper an Bord ist, lässt sich allerdings nicht unmittelbar ableiten, dass die übernehmenden Skipper unerfahren sind.

Die amtliche Statistik für 2025 weist 796 Such- und Rettungseinsätze auf See aus. In 629 Fällen ging es allerdings um medizinische Hilfe. Die Gesamtzahl der Rettungseinsätze lässt daher keinen direkten Rückschluss auf Charterunfälle zu und belegt keine pauschale Schuld unerfahrener Skipper.

Eine Studie der Universität Rijeka zu 2.654 Unfallakten von Freizeitfahrzeugen hatte zuvor für den untersuchten Zeitraum bis 2024 zwar steigende Unfallzahlen genannt und daraus eine Empfehlung für eine bessere Ausbildung von Skippern abgeleitet; aber auch diese Untersuchung lieferte keinen Nachweis dafür, dass Bareboat-Charterer die Hauptursache der Unfälle wären.

Welche Rolle spielt das Wetter?

​Ivan Toman ist Leiter des Nautischen Studiengangs an der Universität Zadar und lehrt unter anderem zu meteorologischen Risiken, Sicherheit der Schifffahrt und Wetter-/Navigationssystemen. Neben der Ausbildung von Skippern beschäftigt Toman daher die Frage, ob Wetterwarnungen Crews rechtzeitig und verständlich erreichen. Die vorhandenen Unfalldaten seien zu lückenhaft, um die Rolle des Wetters zuverlässig zu bestimmen. Aber Toman spricht von einem „Paradoks lijepog vremena“, einem Schönwetter-Paradoxon: Laut seinen Daten ereignen sich 61 Prozent der Todesfälle auf See bei ruhigem Wasser oder schwachem Wind. Als Hauptfaktoren nennt er Alkohol, Geschwindigkeit und Unachtsamkeit. Bei schwerem Unwetter sei dagegen der Anteil an allen Unfällen geringer als zehn Prozent – wenn es aber zu einem solchen Unfall kommt, steigt die Sterblichkeit pro Unfall um das Drei- bis Vierfache.

​Gerade die kroatische Adria kann dabei tückisch sein. Bora, Jugo und sommerliche Gewitter können innerhalb kurzer Zeit erhebliche Veränderungen bringen. YACHT erklärt die wichtigsten Wetterphänomene der Adria und ihre Besonderheiten.

​Warnungen kurzfristiger, lokaler, deutlicher

Toman sieht auch beim Wetterwarnsystem Verbesserungsbedarf. Großflächige Warnungen seien für ortsunkundige Charterer nur begrenzt hilfreich. Entscheidend sei die Frage, was eine Wetterlage für das konkrete Seegebiet bedeutet. Seine Forderung: mehr lokale, kurzfristige und präzise Vorhersagen, sowie Warnungen, die nicht nur Wetterdaten nennen, sondern konkrete Handlungsempfehlungen geben. Also etwa: „Dieses Seegebiet wird in Kürze von einer Gewitterzelle getroffen – suchen Sie Schutz.“ Auch ein stärkerer Einsatz des kroatischen Warnsystems SRUUK steht zur Diskussion.

Toman schlägt automatische Küstenwarnungen in mehreren Sprachen, kurzfristige Prognosen für Gewitterstürme und einheitliche Wetterinformationen bei der Charterübergabe vor. Diese Vorschläge ergänzen die bereits verfügbaren Hinweise des kroatischen Wetterdienstes für Nautiker. Sie ersetzen natürlich weder den Ausguck noch die Entscheidung des Skippers, einen Törn bei ungünstigen Bedingungen zu ändern oder abzubrechen.

​Die neue Sicherheitsempfehlung der kroatischen Unfalluntersuchungsbehörde ist weniger eine Anklage gegen Charterer als ein Hinweis an die gesamte Branche: Je mehr Menschen auf der Adria unterwegs sind, desto wichtiger werden gute Einweisungen, lokale Informationen und eine realistische Einschätzung der eigenen Fähigkeiten.

Welche Erfahrungen habt ihr bei einer Charterübernahme in Kroatien gemacht? Gab es hilfreiche Empfehlungen und Warnungen zu Verkehr und Wetter? Schreibt eure Erfahrungen in die Kommentare.


Buchtipps

Küstenhandbuch Kroatien und Montenegro verbindet Revierinformationen zu Mittel- und Süddalmatien mit Hinweisen auf Wetterlagen und Vorschriften. Karten sowie Pläne von Häfen, Marinas und Ankerbuchten helfen bei der Vorbereitung von Etappen und Ansteuerungen. Für Chartercrews liegt der Nutzen vor allem in der konkreten Orientierung entlang der kroatischen Küste; allgemeine Wetterkunde steht hier nicht im Mittelpunkt.

Wetter auf See ergänzt den Revierführer um meteorologische Grundlagen. Das Buch erklärt die Entstehung verschiedener Wetterlagen, lokale und regionale Ereignisse sowie Seegang und Meeresströmungen. Es behandelt außerdem, wo verlässliche Wetterinformationen zu finden sind und wie sie in die Törnplanung einfließen. Damit unterstützt es Crews dabei, Prognosen vor dem Ablegen besser einzuordnen.


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Jill Grigoleit

Jill Grigoleit

Redakteurin Reise

Jill Grigoleit lebte zehn Jahre mit ihrer Familie auf einem Hausboot im eigenen Hafen südlich von Hamburg und schrieb ein Buch über den Hausbootbau und das Leben mit Kindern auf dem Wasser. Seit 2020 schreibt sie vor allem Reisereportagen und Revierporträts für YACHT und BOOTE und konnte damit ihre zwei großen Leidenschaften zum Beruf machen: Reisen und darüber schreiben. Seit Januar 2024 gehört sie fest zum Team des Reiseressorts der Wassersportredaktion von Delius Klasing. Seither sammelt sie in den verschiedensten Regionen Reviertipps und Geschichten über Menschen, die am und auf dem Wasser leben - von der Mecklenburgischen Seenplatte über die bretonische Küste bis ins kanadische Ontario.

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