SailGPCoutts fordert mehr Teamtiefe, doch bislang fehlten Möglichkeiten

Tatjana Pokorny

 · 03.10.2026

Erik Kosegarten-Heil und Team Germany kämpfen weiter um den Aufstieg im SailGP.
Foto: Samo Vidic for SailGP
Die Verletzung von US-Steuermann Taylor Canfield vor dem SailGP-Alpengipfel auf dem Genfersee und die Probleme, ihn zu ersetzen, haben Liga-Boss Russell Coutts zum forschen Weckruf in Richtung Teams bewogen. Dabei trägt auch die Liga selbst Mitverantwortung an den dünnen Personaldecken den Rennställe, die bislang zu wenig Trainingsgelegenheiten hatten.

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Einen “Weckruf” nennen die Weltliga SailGP und ihr Boss Russell Coutts das, was durch das Aus für den amerikanischen Steuermann kurz vor dem elften Event der sechsten Saison ausgelöst geworden war. Taylor Canfield hatte sich bei einem Verkehrsunfall verletzt, konnte nicht antreten. Der Versuch, Harry Melges als Ersatzsteuermann zu nominieren, war doppelt gescheitert: Zum einem, weil sich auch Melges verletzte. Zum anderen, weil Melges die notwendige Lizenz gefehlt hätte.

SailGP-Herausforderung: mehr Kadertiefe von den Teams gefordert

Am Ende steuerte Martine Grael den amerikanischen F50-Foiler auf dem Genfersee, weil die Brasilianerin und ihr Team Mubadala Brazil sich kurz zuvor getrennt hatten und die zweimalige 49erFX-Olympiasiegerin frei war. „Die Verletzung von Taylor Canfield war ein deutliches Warnsignal für die Mannschaften, dass sie ihre Ersatzkader besser vorbereiten müssen“, mahnte jetzt SailGP-Dirigent Russell Coutts.

Weiter sagte Coutts: „Glücklicherweise hatten auch die Brasilianer gerade Umstellungen vorgenommen, und Martine stand als Ersatzspielerin zur Verfügung – obwohl sie nur wenige Tage Zeit hatte, sich in die Mannschaft einzufinden und sich mit deren Segelsystem vertraut zu machen, was alles andere als ideal war.“ Die Liga nannte in ihrem Beitrag zum Thema weitere Beispiele für ähnliche Lücken bei den Teams.

​So habe in Saison vier das kanadische den zweiten Renntag in Auckland nicht bestreiten können, nachdem sich Flight Controller Billy Gooderham am ersten Renntag verletzt hatte. Erst diese Woche habe der Schweizer Steuermann Sebastien Schneiter (Explora Swiss Journeys) in den sozialen Medien bekanntgegeben, dass er sich den Fuß gebrochen habe, gleichzeitig aber engekündigt, “in ein paar Wochen wieder 100-pronzentig fit zu sein”.

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Schweizer Glück im Unglück: Schneiter-Verletzung fällt in Rennpause

Da kommt den Eidgenossen zugute, dass die Liga vor ihrem Saisonendspurt am 21./22. November in Dubai und dem großen Finale am 28./29. November in Abu Dhabi gerade eine längere Atempuse einlegt, die zur Heilung des Schneiter-Fußes ausreichen könnte.

Die Liga verweist in ihrem Beitrag zur Lage bei den Ersatzleuten auch darauf, dass vier Teams ganz ohne Ersatzfahrer mit wenigstens vorläufiger Lizenz seien. Genannt werden neben den Schweizern das US-Team, das Team D.S. Automobiles France und auch das Team Germany by Deutsche Bank.

Während alle anderen Teams zumindest über einen Ersatzsteuermann mit vorläufiger Lizenz verfügen, ist Kanadas Team NorthStar das einzige Team mit zwei Crewmitgliedern mit voller Fahrerlaubnis. Neben Doppel-Olympiasieger Giles Scott kann bei den Ahörnern jederzeit auch Flügeltrimmer Paul Campbell-James das Steuer übernehmen.

Coutts fordert Team-Bereitschaft “für alle Eventualitäten”

​„Einige Teams haben insbesondere an ihren Notfallplänen für Steuerleute, Flügeltrimmer und Flight Controller gearbeitet – das ist für alle Teams für den Rest dieser Saison und die nächste ein wichtiger Schwerpunkt, damit sie wettkampfbereit sind, sollte einer ihrer Schlüsselathleten erkranken oder sich verletzen“, sagte Coutts – und legte noch nach.

Diese Entwicklung, so Coutts, sei „der Beginn einer neuen Ära“ mit privaten Eigentümern und einem professionelleren Ansatz beim Teammanagement. „Da die meisten Teams mittlerweile über bedeutende Sponsoren und professionelle Investoren verfügen, wird von ihnen erwartet, dass sie rennbereit sind und durch den Aufbau ihrer Kader für alle Eventualitäten gewappnet sind.“

Selbst die beiden besten SailGP-Teams der Saison – Australiens Bonds Flying Roos und Spaniens Los Gallos – seien vor diesem Risiko nicht gefeit, so Coutts. „Beide sind mit ihrer Top-Aufstellung extrem stark, aber ich bin mir nicht sicher, wie viel Tiefe diese Teams zum jetzigen Zeitpunkt haben“, warf Coutts seine Beobachtung wie eine provokante Frage auf. Die Antwort gab er gleich selbst: „Sollte einer ihrer Schlüsselspieler verletzt oder krank werden, hätte das wahrscheinlich dramatische Auswirkungen auf ihre Leistung.“

Verjüngung von SailGP-Athleten angestrebt

Seine Feststellung ist mit Blick auf Ausnahmefahrer wie Tom Slingsby (Bonds Flying Roos) oder Diego Botin (Los Gallos) jedoch wenig überraschend. Sie sind die Stars und Messlatten im aktuellen SailGP-Geschehen und dürften adhoc kaum gleichwertig zu ersetzen. Doch, so Coutts, hätten Vorfälle wie Canfields Verletzung die Förderung und das Training neuer Athleten sowie das gesamte Management der Teams noch einmal stärker in den Fokus gerückt.

Was wiederum die “Chancen für junge, aufstrebende Athleten beschleunigen“ werde. Davon sind die Liga und ihr Lenker überzeugt. „Das ist für den Sport unglaublich spannend“, sagte Coutts. Der Neuseeländer hob auch die alternde Struktur der Spitzensportler in dieser Disziplin als problematisch hervor.

Dazu sagte Russell Coutts in fast schon brutaler Deutlichkeit: „Es gibt eine ganze Reihe äußerst talentierter junger Sportlerinnen und Sportler, die in der Lage sind, auf höchstem Niveau anzutreten. Wir sollten keine Spitzensportler Ende vierzig oder Anfang fünfzig sehen, die auf diesen Booten an den Start gehen. So etwas würde man in der Formel 1 oder den meisten anderen Profisportarten niemals sehen.“

Mangelnde Trainingschancen haben knappe SailGP-Personaldecken mitverursacht

Coutts verwies zudem auf die ehrgeizigen Wachstumspläne der Liga, die einen Kalender mit mehr als 20 Veranstaltungen allein in einer Saison vorsehen könnten. Seine nächste Mahnung: “Es ist möglich, dass dieselben Athleten nicht bei all diesen Wettkämpfen ihre Bestleistung abrufen können. Möglicherweise müssen sie in bestimmten Phasen der Saison eine Pause einlegen, um für die großen Rennen gegen Ende der Saison fit zu bleiben.“

Dieser Wandel in der Mentalität der Teams sei Teil eines umfassenderen „Wandels“, der „in diesem Sport in diesem Ausmaß noch nie zuvor zu beobachten war“, hielt Coutts fest. Und auch dies: “Professionelle Investoren und Teambesitzer werden von ihrer Teamleitung verlangen, bei der Rekrutierung und dem Training der Athleten professioneller vorzugehen. Ich gehe davon aus, dass die Teams künftig deutlich mehr Aufwand in die Talentsuche, die Verpflichtung und die Ausbildung der nächsten Generation von Starathleten stecken werden.“

Erst am Ende des Beitrags kommt Coutts selbst auf das Problem zu sprechen, dass den bisherigen Nachwuchsmangel mitverursacht hat: der Mangel an Trainingsmöglichkeiten, die auch Team Germany oft und deutlich bei der Liga angemahnt hatte. Wie sollen vor allem die weniger erfahrenen Teams ohne ausreichend Trainingsmöglichkeiten auf Ballhöhe zu den länger aktiven Liga-Teams kommen, wenn sie nicht jede Trainingschance mit ihrem A-Team nutzen? Luft für Talenttraining blieb bei den wenigen Gelegenheiten kaum.

Die SailGP-Traininsbasis in Florida öffnet ihre Pforten

Wenn das Hauptteam jeden der raren Trainingstage dringend für die eigene Entwicklung braucht, ist es kaum möglich, zusätzlich neue Talente und Ersatzleute ins Spiel zu bringen. So kommen auch Coutts und die Liga zu diesem Schluss: “Entscheidend für all dies ist die Eröffnung der ersten langfristigen SailGP-Trainingsbasis im ‘American Magic Performance and Innovation Center’ in Pensacola.”

Es ist ein Highlight für uns, dass wir das erste Mal Trainingszeit haben.” Erik Kosegarten-Heil

Das Zentrum kommt spät, doch jetzt geht es endlich los. Es soll „ein wichtiger Faktor“ bei der Ausbildung neuer Athleten werden. In diesem Monat nimmt es seinen Betrieb auf, bietet den Teams nach “Pay to train”-Modell erstmals die Möglichkeit, auch außerhalb der Rennwochenenden und der knapp bemessenen Vorabtrainingszeiten in Eigenregie und zielgerichtet zu testen und zu trainieren. Das Germany SailGP Team wird diese Chance erstmals noch im Oktober wahrnehmen.

Russell Coutts ist überzeugt: „Dadurch können neue Athleten ausgebildet werden.” Und mehr noch, wie der in seiner aktiven Segelzeit extrem leistungsorientierte Olympiasieger, Admiral’s-Cup-Gewinner, Matchrace-Virtuose und fünfmalige America’s-Cup-Sieger selbst weiß und für die Liga hofft: Nachrückende Athleten können “wiederum Druck auf die bestehenden Athleten ausüben, die bisher keine Leistungen gezeigt haben, nun Leistung zu bringen”.

Der Blick aufs Szenario vor dem Saisonfinale mit den SailGP-Kommentatoren Lisa Darmanin und Stevie Morrison:

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Tatjana Pokorny

Tatjana Pokorny

Freie Reporterin Sport

Tatjana „tati“ Pokorny ist Autorin von neun Büchern. Sie arbeitet als Reporterin für die YACHT, berichtete unter anderem von neun Olympischen Spielen, als Korrespondentin für die Deutsche Presse-Agentur (DPA), das Hamburger Abendblatt sowie weitere nationale und internationale Medien. Kernthemen sind der America's Cup, das Ocean Race, die Vendée Globe, SailGP und weitere nationale und internationale Regatten und ihre Protagonisten. Lieblingsdisziplin: Portraits von und Interviews mit Segelsportpersönlichkeiten.

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