Rolex SailGPStürmische Zeiten vor Leichtwindschach auf dem Genfersee

Tatjana Pokorny

 · 17.09.2026

Das United States SailGP Team jagt das Schweizer Team Explora Journeys Swiss. Vor dem erneuten Kräftemessen auf dem Genfersee plagen die Amerikaner allerdings schwere Personalsorgen.
Foto: Bob Martin for SailGP
Prominente Personalentscheidungen, doppeltes Verletzungspech bei den Amerikanern und ein fokussiertes Germany SailGP Team: Die Formel 1 des Segelsports ist im Saisonendspurt stärker in Bewegung als es die F50-Foiler am Wochenende auf dem Genfersee voraussichtlich sein werden.

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Es ist kein Geheimnis, dass es Wind im einzigen Binnenrevier der Weltliga meist nicht im Übermaß gibt. Schon bei der SailGP-Premiere auf dem Genfersee im vergangenen Jahr waren im Kampf um den Sieg vor allem Leichtwindschach-Qualitäten gefragt. Das Germany SailGP Team hatte sie, agierte in schwierigen Bedingungen nervenstark und gewann erstmals in der Geschichte des deutschen Rennstalls ein Event.

SailGP vorerst wieder ohne Steuerfrau

Am kommenden Wochenende (19./20. September) steht das Comeback auf dem Genfersee auf dem Programm der 13 SailGP-Teams. Nicht alle können den drittletzten Gipfel der Saison in optimaler Stärke angehen. Im Team Mubadala Brazil hat der britische Laser-Olympiasieger Paul Goodison das Steuer von der brasilianischen Doppel-Olympiasiegerin und Weltumseglerin Martine Grael übernommen. Die einzige Fahrerin der Segel-Formel 1 ist – so hat sie es selbst in den sozialen Netzwerken verkündet – ”offiziell arbeitslos”.

Dabei ließ Team Mubadala Brazil es aber nicht bewenden. Zunächst war Ersatzathlethin Marina Arndt als neue Strategin auf die Ex-Position von Paul Goodison vorgerückt. So hatte es das Team ganz offiziell angekündigt. Dann folgte am Mittwoch – als hätte es die Crew-Liste mit Marina Arndt nie gegeben – eine weitere Pressemitteilung, in der die Rückkehr von Kahena Kunze als Strategin für die Brasilianer verkündet wurde.

Kahena Kunze war im ersten Liga-Jahr des deutschen Rennstalls zeitweise auch für Team Germany im Einsatz, ebenso für Brasilien und auch das dänische Team Rockwool Racing. Nun kehrt die Frau, die zweimal an der Seite ihrer Steuerfrau Martine Grael im 49er zu Olympiasiegen segelte, wieder ins brasilianische Team zurück. Weder sie noch der neue Fahrer Paul Goodison äußerten sich zum Aus für Martine Grael, das die Liga 657 Tage nach ihrem ersten Rennen am 23. November 2024 vorerst ohne Frau am Steuer hinterlässt.

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Doppeltes Verletzungspech im US-Team

Dafür gab es zum Abgang der bislang einzigen SailGP-Fahrerin ein starkes Echo aus anderen Richtungen. Die amerikanische Grinderin Anna Weis schrieb zum “Arbeitslos-Post” von Martine Grael: “Du bist eine Legende und für immer eine Grenzenüberwinderin.” Justine Mettraux, bei der letzten Vendée Globe als beste Solistin Achte und gerade vom Ocean Race Atlantic mit Boris Herrmann auf der neuen “Malizia 4” zurück, schickte ein weinendes Smiley. Bruder und Gerade-noch-Teamkamerad Marco Grael postete ein gebrochenes Herz.

Heftige Sorgen plagen in diesen Tagen auch das U.S. SailGP Team. Erst hatte sich Taylor Canfield bei einem Unfall an Land im vom Team nicht näher beschriebenen Oberkörperbereich verletzt. Dann zog sich der mögliche junge Ersatzmann Harry Melges IV. eine Beinverletzung zu. Wer nun den amerikanischen F50-Foiler am Wochenende in der Schweiz steuern soll, war zwei Tage vor Eventstart noch offen. Zu den möglichen internen Kandidaten zählt der dreimalige America’s-Cup-Teilnehmer und Stratege Andrew Campbell.

Team Germany indessen hat mit solchen Eruptionen aktuell nicht zu kämpfen. Die Mannschaft um Erik Kosegarten-Heil hat sich ruhig und fokussiert aufs Wochenende im Nachbarland vorbereitet. Ein intensives Debriefing des auch schon windarmen spanischen SailGP-Gipfels in Valencia bildete den Auftakt zum Anlauf nach Genf. Nicht nur Coach Lennart Briesenick weiß: “Genf ist ja grundsätzlich nicht dafür bekannt, dass dort viel Wind herrscht. Insofern stellen wir uns auf wenig Wind ein.”

Wir haben uns mit den Learnings aus Valencia gut vorbereitet.” Lennart Briesenick

“Wir rechnen vor allem am Sonntag mit wenig Wind, obwohl es noch etwas früh ist für ganz genaue Prognosen. Insofern haben wir viel Zeit damit verbracht, Valencia zu analysieren und uns entsprechend auf Genf vorzubereiten.” Der ebenfalls sehr leichtwindige Einsatz auf dem Genfersee 2025 wird den Schwarz-Rot-Goldenen auf immer unvergesslich bleiben. Da war Team Germany fast ohne Wind eine Wucht und siegte. “Darauf blicken wir gerne zurück”, sagte Lennart Briesenick.

Eine deutsche SailGP-Stärke: das Segeln in kleiner Crew

Briesenick erinnert sich auch gut daran, dass bei der erfolgreichen Zeitlupenerstürmung des Genfer Gipfels im vergangenen Jahr Dreier-Crews im Einsatz waren. “Das gibt es so mittlerweile nicht mehr”, erklärt der Coach, “jetzt wird zu Viert gesegelt. Aber das Zu-Viert-Segeln fühlt sich an wie Zu-Dritt-Segeln, denn die Strategin darf nicht mehr grinden. Also segelt man im Prinzip zu dritt, denn die Strategin ist vor allem für die Sicherheit hinten mit dabei.”

Diese Neuregelung kam nach dem Triple-Crash von New York, als Amerikaner, Italiener und Brasilianer im Start ineinander gerauscht waren. Solche Szenen will die Liga mit wachsamen Strateginnen und Strategen auch bei kleinen Crews im Leichtwindspiel vermeiden. Naturgemäß haben die Teams umgehend damit begonnen, ihre Manöverabläufe an Bord auf diese Neuordnung abzustimmen.

“Die Strateginnen werden auch eingesetzt, um sich vor allem um das Vorsegel zu kümmern. Damit haben wir viel Zeit verbracht, sind aber natürlich nicht die einzigen. Aber da denke ich, dass wir gut einen Schritt weiter nach vorne gekommen sind”, sagte Briesenick wenige Tage vor dem Rolex Switzerland Sail Grand Prix in Genf. Das Segeln in kleinster Crew-Konstellation zählt der Trainer auch mit Blick auf den Erfolg im vergangenen Jahr zu den Stärken seines Teams.

Team Germany kämpft um konstante Starts

Zufrieden blickt Briesenick auch aufs Bootshandling seines Teams: “Unsere Stärke ist auf jeden Fall das technische Segeln über alle Bedingungen: bei viel, bei mittlerem und auch bei leichtem Wind.” Die Mannschaft habe sich “unglaublich gesteigert im Delta, wie wir durchs Feld segeln, also wie viele Plätze wir gewinnen”. Gleichzeitg räumte Briesenick ein: “Diese Stärke hat auch ein wenig mit unserer Schwäche zu tun: Das waren in diesem Jahr die Starts. Natürlich kann man so ein Delta besser hinbekommen, wenn man von hinten startet.” Man muss es aber auch erst einmal hinbekommen.

Ein Jahr nach dem goldenen Germany-Coup in Genf liegt der Fokus der Mannschaft laut Briesenick weiter darauf, “die Konstanz bei den Starts hinzukriegen”. Briesenick blickte optimistisch auf das letzte europäische Event des Jahres, bevor die Entscheidungen im November erst in Dubai (21./22.11) und dann beim großen Finale in Abu Dhabi (28./29.11.) fallen sollen. Zur SailGP-Tabelle mit den Zwischenständen im Kampf um die Saisonmeisterschaft geht es hier. Das ZDF überträgt die Rennen des Rolex Switzerland Sail Grand Prix Genf am Samstag und am Sonntag jeweils ab 15.30 Uhr hier live im Stream.

“Die Stunde der Wahrheit” – interessantes Gespräch zwischen Tabellenführer Tom Slingsby (Bonds Flying Roos) und seinem ersten Jäger Diego Botin (Los Gallos):

Goldene Erinnerungen an den Genfersee – die Höhepunkte von der Schweizer SailGP-Premiere im vergangenen Jahr:

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Tatjana Pokorny

Tatjana Pokorny

Freie Reporterin Sport

Tatjana „tati“ Pokorny ist Autorin von neun Büchern. Sie arbeitet als Reporterin für die YACHT, berichtete unter anderem von neun Olympischen Spielen, als Korrespondentin für die Deutsche Presse-Agentur (DPA), das Hamburger Abendblatt sowie weitere nationale und internationale Medien. Kernthemen sind der America's Cup, das Ocean Race, die Vendée Globe, SailGP und weitere nationale und internationale Regatten und ihre Protagonisten. Lieblingsdisziplin: Portraits von und Interviews mit Segelsportpersönlichkeiten.

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