UmweltOrca-Toñi mit Schuss-Verletzungen entdeckt

Lars Bolle

 · 14.08.2026

Die vermeintlichen Schrotkugel-Verletzungen an der Rückenflosse von Orca Toñi.
Foto: Cristina Otero Sabio / Iberian Orca Guardians
Die etwa 60 Jahre alte Orca-Dame Toñi ist mit Verletzungen an der Rückenflosse in der Straße von Gibraltar gesichtet worden. Nach ersten Untersuchungen stehen die Spuren im Verdacht, von einer Schrotflinte zu stammen. Die spanischen Behörden haben Ermittlungen aufgenommen.

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Toñi, die auch unter der Kennung A-001 und dem Namen „La Abuela“ bekannt ist, gilt als ältestes bekanntes Mitglied der iberischen Orca-Population. Am 10. August entdeckte ein Forschungsteam die markanten Verletzungen an ihrer Rückenflosse. Nach der Auswertung der Aufnahmen gehen die beteiligten Fachleute von etwa zehn Einschussmarken aus. Einige Schrotkugeln könnten noch in der Flosse stecken. Damit besteht das Risiko von Entzündungen und Infektionen.

Verletzungen im Bereich der Rückenflosse

Nach Angaben der Beobachter schwamm Toñi gemeinsam mit zwei weiteren Orcas und beteiligte sich an der Jagd. Ihr Verhalten wirkte zunächst weitgehend unauffällig. Allerdings soll sie weniger lange als sonst in der Nähe der Beobachtungsboote geblieben sein. Eine genaue tiermedizinische Untersuchung und eine belastbare Prognose liegen bislang nicht vor.

Die spanische Umweltverwaltung wurde am 11. August über den Fall informiert und hat eine Untersuchung eingeleitet. Dabei soll auch geprüft werden, ob die Verletzungen in portugiesischen Gewässern entstanden sein könnten. Toñi und ihre Begleiterinnen waren zuvor entlang der portugiesischen Küste unterwegs und wurden unter anderem bei Faro beobachtet. Als möglicher Zeitraum für den Vorfall gilt deshalb die Strecke zwischen der Algarve und der Straße von Gibraltar.

Zusammenhang mit einem Bootsfall ungeklärt

Eine Organisation zum Schutz der iberischen Orcas berichtet von einem Vorfall vor Faro am 7. August. Dabei soll es zu einer Interaktion zwischen Orcas und einem Segelboot gekommen sein. Nach Angaben der Organisation existieren Zeugenaussagen und möglicherweise Videoaufnahmen. Ob dieser Vorfall tatsächlich mit Toñis Verletzungen zusammenhängt, ist jedoch nicht bestätigt. Auch ein konkreter Tatverdächtiger wurde bislang nicht öffentlich benannt.

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Sollte sich der Zusammenhang bestätigen, würde der Fall in eine bereits angespannte Situation zwischen Seglern, Fischern und den Orcas hineinwirken. Seit 2020 werden vor der Iberischen Halbinsel regelmäßig Interaktionen mit Booten dokumentiert. Betroffen sind vor allem Segelyachten; die Tiere konzentrieren sich dabei meist auf die Ruderanlage. Ein YACHT-Bericht von 2023 dokumentierte damals bereits 40 untersuchte Fälle und schilderte auch eine gesunkene Yacht vor Portugal.

​Ein ähnlicher Fall hatte sich bereits im August 2023 ereignet. Damals filmte ein Walbeobachtungsboot, wie eine Katamaranbesatzung nahe Tarifa offenbar pyrotechnische Geschosse auf Orcas abfeuerte. Die Guardia Civil identifizierte die Besatzung und leitete Ermittlungen ein. Nach Angaben der Schutzorganisationen WeWhale und Sea Shepherd France ist dieses Verfahren weiterhin anhängig.

Mehrere Totalverluste

Die Gefahr für die Crews ist nicht nur theoretisch. Im Mai 2024 sank die 15 Meter lange Segelyacht „Alboran Cognac“ nach einer Begegnung in marokkanischen Gewässern nahe Gibraltar. Die beiden Segler konnten von einem Tanker aufgenommen werden. YACHT berichtete damals über den Untergang der Yacht bei Gibraltar.

Auch danach riss die Serie schwerer Schäden nicht ab. Im Oktober 2024 sank die französische Yacht „Ti’fare“ vor Portugal. Im September 2025 wurde zudem eine Segelyacht vor der Costa da Caparica bei Lissabon nach einer Beschädigung des Ruders aufgegeben. Für das Jahr 2026 meldete die Plattform orcas.pt bereits bis Ende April neun Vorfälle; in den ersten drei Maiwochen kamen 22 weitere Sichtungen und Interaktionen hinzu. YACHT fasste die aktuelle Entwicklung im Mai zusammen.

Forschende bewerten das Verhalten der Tiere überwiegend als Spiel-, Erkundungs- oder Sozialverhalten und nicht als gezielte Rache an Menschen. Der Orca-Experte Rui Alves weist zugleich darauf hin, dass die Orcas das Ruderblatt offenbar als besonders verletzliche Stelle eines Bootes erkannt haben könnten.

Was Crews beachten sollten

Für die Schifffahrt gelten die offiziellen Empfehlungen der spanischen Behörden. Risikogebiete sollen nach Möglichkeit gemieden und Routen möglichst küstennah geplant werden. Bei einer Interaktion sollen sich Personen von der Reling fernhalten und sich gegen abrupte Bewegungen sichern. Die jeweils gültigen Hinweise sollten vor dem Törn geprüft werden. Weitere Informationen bietet das spanische Umweltministerium.

Die iberische Orca-Population umfasst nach aktuellen Angaben nur noch etwa 32 Tiere und gilt als stark gefährdet.

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Lars Bolle

Lars Bolle

Chefredakteur Digital

Lars Bolle ist Chefredakteur Digital und Gründer von YACHT-Online. Viele Jahre war der Diplom-Sportwissenschaftler als Redakteur der YACHT in den Bereichen Sport und Seemannschaft tätig und hat die größten Segelsport-Veranstaltungen der Welt begleitet, vom America's Cup bis zu Olympischen Spielen. Seine persönliche Segel-Vita reicht vom Leistungssport in der Jolle (Deutscher Meister 1992 im Finn Dinghi) über historische und moderne Jollenkreuzer bis hin zu europaweiten Charter-Törns.

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