Straße von GibraltarAuf Kuschelkurs mit den Orcas?

Ursula Meer

 · 17.06.2026

Straße von Gibraltar: Auf Kuschelkurs mit den Orcas?Foto: Brend Schuil/Team JAJO/The Ocean Race Brend Schuil/Team JAJO/The Ocean Race
Wale faszinieren. Einige greifen seit Jahren jedoch immer wieder Yachten an der europäischen Atlantikküste an.
​Ein Video zeigt Orcas beim Zerbeißen eines Ruderblatts – während die Crew seelenruhig filmt und eine Drohne fliegen lässt. Was auf den ersten Blick spektakulär wirkt, wirft bei genauerer Betrachtung Fragen auf.

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Seit Tagen kursiert in den sozialen Medien ein Video, das eine ungewöhnlich ruhige Begegnung mit Orcas in der Straße von Gibraltar zeigt. Unterwasseraufnahmen dokumentieren, wie die Tiere das Ruderblatt einer Yacht untersuchen und dabei zerbeißen. Die Crew wirkt entspannt, niemand trägt Rettungswesten, jemand fliegt eine Drohne. Ein Crew-Mitglied bezeichnet die Begegnung in den sozialen Medien sogar als "schönsten Moment" der gesamten Atlantiküberquerung. Doch je länger man hinsieht, desto mehr Fragen stellen sich. Eine entsprechende Anfrage an die Content-Ersteller blieb bislang unbeantwortet.

Das Video: Spektakuläre Aufnahmen, wenig Kontext

Das Video trägt den Titel "Underwater with the Orcas of Gibraltar // Raw Rudder Interaction" und zeigt etwa vier bis fünf Orcas, vermutlich ein Muttertier mit Jungtieren, beim Kontakt mit dem Ruder einer Segelyacht. Die Aufnahmen wirken professionell, die Stimmung an Bord erstaunlich gelassen.

Über dem Video schreibt der Content-Ersteller: “Der Iberische Orca ist einer der seltensten Wale der Welt, mit weniger als 50 verbliebenen Individuen. Seit 2020 hat diese kleine Population ein faszinierendes und einzigartiges kulturelles Verhalten entwickelt: die Interaktion mit den Rudern mittelgroßer Segelboote, die in der Nähe der Straße von Gibraltar unterwegs sind. Viel wurde über dieses Phänomen gesagt, aber sehr wenig wurde von unter Wasser gezeigt. Dieses Material spricht für sich selbst und macht es schwer zu argumentieren, dass das, was diese Tiere tun, irgendetwas mit einem aggressiven Angriff zu tun hat.”

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Unter dem Video steht ein Copyright-Hinweis, die Verbreitung erfordert eine Lizensierung. Daher verzichten wir hier auf die sonst übliche Einbindung des Videos und geben Ihnen hier einen Link zu YouTube.

Hinter dem Upload steht Satori Factory, eine kommerzielle Content-Produktionsfirma, die nach eigener Darstellung "inspirierende Videos" für Social Media-Kampagnen erstellt und mit Kunden wie RedBull, Samsung und Ralph Lauren zusammenarbeitet

Wann und warum genau die Begegnung mit den Orcas stattfand, bleibt zunächst unklar. Auf eine detaillierte Anfrage unserer Redaktion mit konkreten Fragen zu Ort, Zeitpunkt, Bootsdaten, Sicherheitsmaßnahmen und den Umständen der Begegnung erhielten wir keine Antwort.

Ein ernstes Problem

Orca-Interaktionen vor der iberischen Küste sind seit 2020 ein zunehmendes Problem für Segler. Bis 2022 stieg die Zahl der dokumentierten Vorfälle auf 180 pro Jahr, 2024 waren es noch 128 Fälle. Die Zahlen gingen nicht zurück, weil das Problem verschwand, sondern weil Segler besser informiert sind und ihre Routen entsprechend planen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass etwa 15 von 30 bis 40 Tieren der betroffenen Orca-Gruppe aktiv Boote angreifen – und dass die Jungtiere dieses Verhalten lernen. Auch in diesem Jahr gehen die Interaktionen weiter: Allein im laufenden Monat wurden bereits zehn Angriffe auf Yachten gemeldet - die meisten davon in der Straße von Gibraltar.

Die Folgen können dramatisch sein. Im November 2022 sank eine Yacht nach einem 45-minütigen Angriff vor Gibraltar. Im Oktober 2024 versenkten Orcas die französische Yacht "Ti'fare" 45 Seemeilen südwestlich von Peniche – eine fünfköpfige Familie mit drei Kindern zwischen acht und zwölf Jahren musste sich in die Rettungsinsel retten und wurde nach aufwendiger Suche geborgen. Im September 2025 sank eine Segelyacht vor der Costa da Caparica bei Lissabon, nachdem Orcas das Ruder beschädigt hatten. Selbst große Segelrennyachten blieben nicht verschont: Beim Ocean Race 2023 wurden zwei VO65-Yachten vor Gibraltar attackiert.

Wenn Social Media Antworten hat

Blieben auch die Fragen aus der Redaktion bisher unbeantwortet, ergibt sich aus den Kommentaren und Antworten unter dem YouTube-Videos ein recht klares Bild. Der antwortende Kanal @SatoriAmbientSeries, Uploader des Videos, rekonstruiert die Ereignisse in seinen Antworten ausführlich.

Instagram-Posts von Satory Factory schildern, dass die Orca-Begegnung am letzten Tag einer Atlantiküberquerung in der Straße von Gibraltar stattfand. Ein weiterer Post desselben Accounts sagt, man habe den Atlantik an Bord von "The Escape Adventure" überquert. Das Boot, eine norwegische Hanse 548, sei zum Ende der Atlantiküberquerung in der Straße von Gibraltar mit etwa neun Knoten unterwegs gewesen. Die Crew habe bewusst eine Route gewählt, auf der zuletzt weniger Orca-Begegnungen gemeldet worden seien. Dennoch seien die Tiere aufmerksam geworden.

Zunächst habe die Crew versucht, gängigen Empfehlungen zu folgen: Motor nutzen, Wasserbewegung am Ruder erzeugen, nicht anhalten. Diese Phase sei jedoch deutlich heftiger gewesen als die beruhigten Szenen im Video. Ein starker Schlag habe schließlich die Steueranlage beschädigt, man habe das Boot daraufhin gestoppt. Erst dann habe sich die Situation beruhigt. Die Orcas hätten das Ruder weniger attackiert, sondern eher untersucht. Ein späterer Versuch, den Motor zu starten, habe die Situation laut Uploader wieder verschärft. Deshalb habe man sich entschieden stillzuhalten. Nach einiger Zeit hätten die Orcas das Interesse verloren. Die Crew habe mit einer Notpinne die Kontrolle zurückgewonnen und sei aus eigener Kraft in den Zielhafen gesegelt.

Die Kurslinie der Hanse weist kurz vor der Begegnung mit den Orcas um wenige Grad nach Norden, das Boot verringert seine Geschwindigkeit, bis es schließlich langsam gen Westen driftet. Nach dem Vorfall nimmt das Boot Fahrt auf und kreuzt mit bis zu acht Knoten durch die Straße von Gibraltar.

Nachdem Orcas das Ruder der Hanse beschädigt haben, wird nach Angaben des Video-Erstellers eine Notpinne installiert. Damit nimmt das Boot Fahrt auf und kreuzt mit bis zu acht Knoten durch die Straße von Gibraltar.Foto: Screenshot VesselfinderNachdem Orcas das Ruder der Hanse beschädigt haben, wird nach Angaben des Video-Erstellers eine Notpinne installiert. Damit nimmt das Boot Fahrt auf und kreuzt mit bis zu acht Knoten durch die Straße von Gibraltar.

Befremdliche Szenen

Manche Szenen in dem Video wirken befremdlich vor dem Hintergrund der teils schweren Schäden, die Yachten bei Orca-Angriffen davongetragen haben. Der Uploader beschreibt zwar auch umfassende Sicherheitsvorkehrungen – Mayday-Plan, Funkkontakt, Sea Shepherd und Küstenwache in Reichweite. Eine Rettungsweste trägt niemand an Bord - in einer Situation, die der Uploader selbst als potenziell gefährlich beschreibt und bei der "das Ergebnis in den Händen der Orcas" gelegen habe.

Während des Ereignisses lässt jemand an Bord eine Drohne fliegen, um Außenaufnahmen zu machen. Sie zeigen, wie sich eine Seglerin über den Bugkorb beugt, um die Annäherung der Tiere zu beobachten. Ein Crew-Mitglied beschreibt die Begegnung in den sozialen Medien als "schönsten Moment der gesamten Atlantiküberquerung". Gleichzeitig werden Unterwasseraufnahmen gemacht.

Orca-Kontakt für Clicks?

Rui Alves ist Gründer und Betreiber von orcas.pt, der zentralen Informationsplattform zu Orca-Sichtungen und Interaktionen vor der iberischen Küste. Der portugiesische IT-Experte arbeitet seit Jahren an der Sammlung, Validierung und Verbreitung von Orca-Daten: Er steht in engem Austausch mit Wissenschaftlern aus Portugal und Spanien, Behörden, den portugiesischen und spanischen Marinen sowie Seglern. Seine Community umfasst mehrere tausend Mitglieder, die portugiesische und spanische Marine nutzen seine Daten offiziell.

Seine Einschätzung zu dem Video: "Nach meinem Kenntnisstand ist der Produzent gezielt mit seinem Boot in das Gebiet gefahren, um dieses Material zu drehen. Meiner Meinung nach geschah dies aus rein kommerziellen Interessen. Er ist kein Wissenschaftler und war sich der Anwesenheit der Orcas an diesem Tag durchaus bewusst. Die Schäden am Ruder werden vermutlich durch eine Versicherung oder durch die Vermarktung des Bildmaterials gedeckt. Ich halte dieses Vorgehen für sehr kritikwürdig. Unser oberstes Ziel sollte es sein, dazu beizutragen, dass die Orcas dieses Verhalten wieder ablegen, anstatt es für Unterhaltungszwecke oder Profit gezielt zu provozieren."

Was Experten eigentlich empfehlen

Die Verhaltensempfehlungen, die Rui Alves und andere Experten auf Basis von Tests mit Wissenschaftlern und Seglern entwickelt haben, unterscheiden sich erheblich von dem, was im Video zu sehen ist. Die klare Empfehlung lautet: nicht anhalten, weiterfahren, am besten Richtung Küste ins flache Wasser unter 20 Meter Tiefe. Der Grund: Wenn ein Boot stoppt, können die Orcas das Ruder so lange bearbeiten, bis es kaputtgeht. Wenn das Boot weiterfährt, verliert der Orca nach einer Weile die Verbindung zu seiner Gruppe und kehrt zurück – das Boot wird uninteressant.

Auch vom häufig empfohlenen Rückwärtsfahren rät Alves dringend ab. Das Risiko, das Ruder oder die Ruderaufhängung zu beschädigen, sei bei Wellen und starker Strömung enorm. Ruderblätter seien nicht fürs Rückwärtsfahren unter solchen Bedingungen konstruiert. Die Analyse aller dokumentierten Fälle zeigt zudem: Im Flachwasser unter 20 Metern Tiefe gab es in sechs Jahren nur 34 Vorfälle. Thunfisch, die Beute der Orcas, hält sich nicht in diesem Bereich auf. Das flache Wasser bleibt damit die sicherste Option – trotz des Risikos von Stellnetzen, das Segler abwägen müssen.

Alves betont: Vorbereitung ist entscheidend. Segler sollten sich über aktuelle Sichtungen informieren, ihre Crew vorbereiten, einen Notfallplan erstellen und mehrere Informationsquellen nutzen.

Verharmlosende Aufnahmen?

Das virale Video mag spektakulär sein und liefert zweifellos beeindruckende Einblicke in das Verhalten der Orcas. Vielleicht kann es auch dazu beitragen, das Problem der Orca-Interaktionen zu verstehen und zu lösen. Gleichzeitig verharmlost es eine Situation, die für andere Segler sehr real und gefährlich sein kann. Es sollte keinesfalls dazu verleiten, jetzt mit den Meeressäugern an der Iberischen Halbinsel auf Tuchfühlung zu gehen.

Die norwegische Familie Erichsen wurde im September 2022 zweimal innerhalb eines Monats von Orcas angegriffen. Sie beschrieb ihre Erfahrung ganz anders: "Es war wirklich wie ein nicht enden wollender Albtraum. Unsere Kinder hatten panische Angst, und wir sahen die abgebissenen Teile unserer Yacht im Wasser treiben, während die Orcas unaufhörlich gegen den Rumpf schlugen." Beim ersten Angriff dauerte die Attacke 30 bis 45 Minuten, das Ruder wurde bis zur Manövrierunfähigkeit zerbissen. Auch das Ausschalten von Motor und Echolot sowie Rückwärtsfahren half nicht – selbst als das Boot geschleppt wurde, ließen die Orcas nicht locker.

Informationsquellen für Segler

Segler, die die betroffenen Gebiete befahren wollen, sollten sich vorab gründlich informieren. Die Webseite orcas.pt enthält Karten mit aktuellen Sichtungen und Interaktionen, eine Hotspot-Karte der Straße von Gibraltar, Meldeoptionen, Verhaltenshinweise und weitere Informationen. Zusätzlich unterhält der Betreiber Telegram- und Facebook-Gruppen.

Inhaltlich ähnlich sind die Seiten der britischen Cruising Association und der spanischen Grupo de Trabajo Orca Atlántica (GTOA), die miteinander kooperieren. Beide stellen ebenfalls Karten und Meldeoptionen bereit. Die Cruising Association zeigt Statistiken und Berichte, die GTOA unter ein Ampel-Warnsystem für einzelne Seegebiete, das regelmäßig aktualisiert wird.

Besonders benutzerfreundlich ist die GT Orca App der GTOA, die entwickelt wurde, um den Schutz, die Erforschung und die Aufklärung über Meeressäuger zu unterstützen. Mit ihr lassen sich Sichtungen und Interaktionen identifizieren und nach Zeiträumen filtern. Eigene Sichtungen können direkt gemeldet werden. Die App enthält außerdem Sicherheitsrichtlinien, ein Warnsystem und Verhaltenshinweise für Begegnungen mit Orcas.

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Ursula Meer

Ursula Meer

Redakteurin Panorama und Reise

Ursula Meer ist Redakteurin für Reisen, News und Panorama. Sie schreibt Segler-Porträts, Reportagen von Booten, Küsten & Meer und berichtet über Seenot und Sicherheit an Bord. Die Schönheit der Ostsee und ihrer Landschaften, erfahren auf langen Sommertörns, beschrieb sie im Bildband „Mare Balticum“. Ihr Fokus liegt jedoch auf Gezeitenrevieren, besonders der Nordsee und dem Wattenmeer, ihrem Heimatrevier.

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