Das Video zum Ocean Race Atlantic zeigt das, was Ergebnislisten nicht transportieren können: den Moment, in dem ein Vorsprung schmilzt. Die Arbeit unter Deck, als Wasser in das Boot dringt. Die bangen Minuten nach dem Knall in der Nacht. Und die Bilder eines Boots, das trotz beschädigtem Backbordfoil wieder Fahrt aufnimmt und es fast noch bis an die Spitze schafft.
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Schon die ersten Minuten machen klar, wie groß die Aufgabe ist. Sechs IMOCA-Teams starten zur Atlantikpassage nach Lorient. Die „Malizia 4“ ist zu diesem Zeitpunkt gerade zwei Monate im Wasser und muss sich sofort gegen eingespielte Konkurrenz behaupten. Mit Boris Herrmann segeln Justine Mettraux, Cole Brauer und Navigator Julien Villion. Die Crew ist nicht nur prominent besetzt, sondern verbindet Einhand-Erfahrung, Offshore-Routine und Routing-Kompetenz.
Die Bilder vom Auslaufen vor New York und von der Fahrt zur weit draußen liegenden Startlinie setzen einen ruhigen Kontrast zu dem, was folgt. Die Fahrt beginnt nicht mit dem üblichen Startliniengetümmel, sondern mit einer vorsichtigen Anfahrt durch ein Gebiet mit vielen Meeressäugern. Erst danach geht es wirklich los.
Und wie es losgeht: Die „Malizia 4“ gewinnt den ersten Super Sprint des Rennens und führt nach dem ersten Tag. Das Video fängt diese frühen, schnellen Szenen ein, in denen Boris Herrmann selbst steuert und der Neubau über das Wasser fliegt. Diese Sequenzen geben dem Rückblick seinen Reiz.
Die stärksten Szenen des Films liegen dort, wo der Plan nicht mehr aufgeht. Auf hartem Am-Wind-Kurs löst sich ein Inspektionsdeckel des vorderen Ballasttanks. Wasser gelangt in den Bugbereich. Die Crew ersetzt den verlorenen Deckel kurzerhand durch einen vom achteren Tank, pumpt das Wasser aus und macht den vorderen Ballast wieder nutzbar.
Die Bilder zeigen keine heroische Reparaturinszenierung, sondern einen seltenen, konkreten Bordmoment. Er zeigt, wie viel Improvisation selbst auf einem neuen Hightech-IMOCA nötig bleibt. Die frühe Führung der „Malizia 4“ wird relativiert, die einfache Reparatur zeigt, dass auf See jederzeit etwas passieren kann.
Der eigentliche Wendepunkt folgt in der vierten Nacht. Das Backbordfoil kollidiert laut Teamangaben mit einem Meeressäuger oder einem großen Fisch. Die Crew muss beidrehen, den Schaden prüfen und den Hydraulikzylinder sichern. Weitersegeln ist möglich, das Foil aber nicht mehr voll nutzbar.
Die Folgen waren brutal: Aus der Führungsposition wurde ein Rückstand von bis zu 110 Seemeilen. Die Kollision und der Foil-Schaden sind längst dokumentiert. Der Film macht aber das Geschehen spürbar: die Unsicherheit direkt nach dem Aufprall und die Konzentration einer Crew, die unter Zeitdruck eine provisorische Lösung finden muss.
Die Regatta war eng, taktisch und technisch komplex. Das Video zeigt viele Einstellungen unmittelbar von Bord: nasse Wachwechsel, Arbeit in Schutzkleidung, Segler mit Helmen im harten Nordatlantik und kurze Momente, in denen selbst Körperpflege zur kleinen Pause im Ausnahmezustand wird.
Dazwischen stehen lange, fast elegische Ozeanaufnahmen. Dünung, Gischt und wechselndes Licht geben dem Film die nötige Weite. Sie machen deutlich, dass ein IMOCA nicht nur eine 60-Fuß-Foilmaschine ist, sondern für seine Crew über Tage zugleich Arbeitsplatz, Schlafplatz und Rückzugsort bleibt. Gerade der Wechsel zwischen Tempo und Stille, zwischen technischem Schaden und Sonnenuntergang, trägt diesen Rückblick.
Wer nur wissen will, wer gewonnen hat, findet das Ergebnis in einer Zeile. Wer verstehen will, warum ein vierter Platz sich für dieses Team dennoch wie ein gelungener erster Härtetest anfühlt, bekommt im Video die bessere Antwort. Die neue „Malizia 4“ war schnell, sie lag in Führung und blieb nach der Kollision im Rennen. Auch die Trackeranalyse zum Ocean Race Atlantic bestätigt: In vielen vergleichbaren Leicht- und Mittelwindphasen zeigte das Boot das stärkste Speedprofil der Spitzengruppe.
Nach dem Schaden war das Rennen für Malizia keineswegs entschieden. Die Crew halbierte ihren Rückstand und gewann trotz des Handicaps noch einen weiteren Sprint. Als ein Hochdruckgebiet das Feld später wieder zusammenschob, lagen die ersten vier Boote erneut weniger als 50 Seemeilen auseinander. Die Aufholjagd nach der Kollision gehört zu den spannendsten Teilen des Films, weil hier wieder Hoffnung aufkommt, ohne dass die Einschränkung am Boot verschwindet.
Im Endspurt bis Lorient erreichen die IMOCAs bis zu 30 Knoten. „United by the Ocean“ gewinnt vor „11th Hour Racing“. Die neue „DMG Mori Global One“ verteidigt Rang drei, doch die „Malizia 4“ folgt nur 300 Sekunden später.
Boris Herrmann und das Rennen um die Welt begleitet Team Malizia im Ocean Race und öffnet den Blick hinter Kulissen, die ein Regatta-Tracker nicht zeigen kann. Der Text-Bildband behandelt Vorbereitung, Bootsentwicklung, Zusammenspiel der Crew sowie Höhen und Tiefen auf See.
Boris Herrmann seaexplorer richtet den Blick auf Boris Herrmanns Erfahrungen bei der Vendée Globe. Persönliche Texte und umfangreiches Bildmaterial erzählen von Einsamkeit, Belastung und Naturerlebnissen im Hochseerennsport. Für Leser, die nach dem Video noch tiefer in die Atmosphäre langer Tage auf dem Ozean eintauchen möchten, liefert der Band einen anderen, persönlicheren Zugang.
Welche Szene aus dem Video zeigt für Sie am deutlichsten, was moderne Hochseeregatten ausmacht: der Foil-Schaden, die Reparaturarbeit oder die Aufholjagd im Endspurt?

Chefredakteur Digital
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