Die neue „Malizia 4“ führt das Ocean Race Atlantic nach rund 40 Stunden an, und das bei ihrer ersten Regatta überhaupt. Um 8.35 Uhr MESZ am 4. September lag Boris Herrmanns Team im PredictWind-Tracker 13,4 Seemeilen vor United by the Ocean, 22,8 Seemeilen vor 11th Hour Racing und 37,4 Seemeilen vor DMG Mori. Noch rund 2.475 Seemeilen bis Lorient liegen vor der Flotte.
Die folgende Zwischenbilanz ist jedoch bei weitem keine vorgezogene Siegesprognose. Sie ist ein erster Trackercheck: Was lässt sich aus Positionen, Kursen, Geschwindigkeiten, Winddaten und Manövern über die Leistungsfähigkeit des Neubaus tatsächlich herauslesen?
Für die Analyse haben wir die verfügbaren Positionsspuren und Telemetriedaten aller sechs Boote verglichen. Sie liefern unter anderem Fahrt über Grund, Kurs über Grund, wahren Wind, Windwinkel und teils weitere Bordwerte. Damit lässt sich nachvollziehen, wann ein Boot beschleunigt, in schwächeren Wind gerät oder ein Manöver fährt.
Die Daten haben Grenzen. Sie sind kein kontrollierter Bootstest mit identischen Wind- und Seebedingungen. Die Crews segeln unterschiedliche Kurse, treffen taktische Entscheidungen und liegen oft in verschiedenen Windfeldern. Einzelne Werte springen, es gibt Übertragungslücken, und ein schnelleres Boot kann schlicht mehr Wind haben. Deshalb wurden auffällige Werte immer zusätzlich mit der geglätteten Positionsspur abgeglichen.
Denn ein einzelner hoher Geschwindigkeitswert beweist wenig. Aussagekräftiger sind längere, vergleichbare Phasen und das Zusammenspiel aus Speed, Winkel und Position.
Die ersten neun Rennstunden liefern den bislang besten Vergleich. Nach dem Start am 2. September um 14 Uhr UTC segelte die Flotte bei 17 bis 18 Knoten Nordostwind und rund 0,8 Meter Welle auf Backbordbug nach Südosten. Team Malizia überquerte die virtuelle Startlinie zuerst; alle sechs Imocas starteten innerhalb von 30 Sekunden.
In dieser vergleichsweise ähnlichen Am-Wind-Phase erreichte „Malizia 4“ nach unserer Auswertung im Mittel etwa 17,0 Knoten Fahrt über Grund. 11th Hour Racing kam auf rund 16,4 Knoten, United by the Ocean auf etwa 16,1 Knoten, DMG Mori auf ungefähr 15,5 Knoten. Malizia segelte dabei teilweise sogar etwas höher am Wind.
Das ist der bisher deutlichste positive Befund für den Neubau. Er passt zu der Erwartung des Teams, dass das Koch-Finot-Conq-Design besonders am Wind stark sein könnte. Vor dem Start hatte Herrmann genau diesen Vergleich als spannend bezeichnet: Malizia 4 gegen die neue DMG Mori und die weiterentwickelten älteren Foiler und gestern auch bestätigt: “Das Boot hat am Wind echte Kraft”.
Auch der erste Super Sprint stützt den Eindruck. Malizia legte in dem 20-Minuten-Fenster 6,75 Seemeilen zurück, ein Schnitt von 20,25 Knoten. Das Team gewann diese Sonderwertung. Der zweite Sprint ging allerdings an 11th Hour Racing vor Malizia und United by the Ocean. Es gibt also keinen einseitigen Trend.
Ein „Super Sprint“ ist beim Ocean Race Atlantic ein kurzes Wertungsrennen innerhalb der laufenden Hochseeregatta. Das Zeitfenster können die Teams nicht frei wählen: Alle Boote werden gleichzeitig über denselben, von der Regattaorganisation festgelegten Zeitraum von 20 Minuten gewertet. Der Zeitpunkt ist während der Regatta fest: Der Sprint ist an die tägliche OnBoard-Live-Show (Sendezeiten und Player unten im Artikel) gekoppelt und beginnt an jedem Renntag um 17 Uhr MESZ beziehungsweise 15 Uhr UTC. Entscheidend ist die größte per GPS gemessene Distanz zwischen Start- und Endpunkt, unabhängig von der gesegelten Richtung. Die Wertung hat keinen Einfluss auf das Rennergebnis: Es wird eine eigene Tages- und Gesamtwertung mit Punkten geführt, diese verändert aber nicht die Gesamtwertung des Ocean Race Atlantic.
Der Tracker zeigt ebenso deutlich, dass der aktuelle Vorsprung nicht allein aus Bootsgeschwindigkeit entstanden ist. Nach dem langen Südostschlag wendete Malizia als erstes Boot nach Norden. Die Daten legen den Zeitpunkt auf den 3. September gegen 1.07 Uhr MESZ. Die offizielle Rennkommunikation bestätigt Team Malizia als erstes Boot in dieser Wendenserie.
Diese frühe Entscheidung führte die Crew zunächst durch eine ausgeprägte Leichtwindzone. Die wahren Windgeschwindigkeiten lagen am Morgen zeitweise nur noch bei fünf bis acht Knoten, einzelne Telemetriewerte sogar darunter. Die Flotte blieb eng zusammen, bevor sie auf Nordost- und später Ostkurs in wieder stärkeren Südostwind kam.
Am Nachmittag und Abend des 3. September war United by the Ocean phasenweise schneller. Das Boot holte auf, übernahm gegen 20.10 Uhr MESZ rechnerisch die Führung und lag in der Nacht zeitweise knapp vier Seemeilen vor Malizia. Auch 11th Hour Racing, Embrace the Challenge und DMG Mori zeigten in dieser schnellen Reach-Phase starke Geschwindigkeiten.
Malizia konterte nicht mit einem auffälligen Top-Speed, sondern über die Position. Das Boot segelte rund 0,4 Breitengrade, also ungefähr 24 Seemeilen, nördlicher als United und 11th Hour Racing. In der Nacht zum 4. September zahlte sich diese Position aus: Während die südlicheren Konkurrenten längere langsamere Abschnitte hatten, hielt Malizia im Mittel das bessere Tempo. Gegen 2.20 Uhr MESZ übernahm das Team wieder die Spitze.
Damit lautet die faire Aussage zum Führungswechsel: Malizia war schnell genug, um ihre nördlichere Position zu verteidigen und zu verwerten. Der Vorsprung ist aber ebenso ein taktischer Erfolg wie ein Leistungsnachweis des Bootes.
In 39 Zehn-Minuten-Fenstern, in denen „Malizia 4“ und 11th Hour Racing annähernd gleiche gemeldete Windstärken und Windwinkel hatten, war die mittlere Fahrt über Grund praktisch identisch. Gerade in den Übergangs- und Leichtwindphasen ergibt sich bislang kein klarer Vorteil des Neubaus gegenüber der früheren „Malizia – Seaexplorer“, die heute als 11th Hour Racing segelt.
Bei den bislang gemeldeten Höchstgeschwindigkeiten liegen die Foiler ebenfalls eng zusammen: Malizia erreichte rund 26,8 Knoten, United 27,3 und DMG Mori 27,9 Knoten. Solche Spitzen sind ohnehin nur Momentaufnahmen. Sie sagen wenig darüber aus, welches Boot unter wechselnden Bedingungen über Tage hinweg die höchste Durchschnittsgeschwindigkeit halten kann.
Die oft genannte Zielgröße von zehn Prozent mehr Leistung lässt sich nach den ersten Rennstunden nicht bestätigen. Sie sollte ohnehin nicht als ständiger Zwei-Knoten-Vorsprung verstanden werden. Die „Malizia 4“ ist als vielseitiger Neubau konzipiert: konkurrenzfähig vor dem Wind, näher an den sehr schnellen Leichtwindkonzepten und zugleich stark auf der Kreuz.
„Malizia 4“ ist im Rennbetrieb sofort konkurrenzfähig. In rauer Am-Wind-Fahrt zeigte sie den überzeugendsten Geschwindigkeitsnachweis der bisherigen Regatta. Sie überstand die Leichtwindphase ohne großen taktischen Schaden und konnte ihre nördlichere Position später in einen klaren Führungswechsel ummünzen.
Rund zwei Monate nach dem Stapellauf fährt der werftneue IMOCA seine erste Regatta, ohne dass bislang größere technische Probleme sichtbar geworden sind. Das ist für einen Neubau ein wichtiges Signal. Vor dem Start hatte die YACHT die sechs Teams und ihre sehr unterschiedlichen Boote im Favoritencheck eingeordnet. Der bisherige Verlauf bestätigt vor allem eines: Baujahr allein entscheidet dieses Rennen nicht.
United by the Ocean bleibt der aktuell gefährlichste Gegner. Die bewährte Ex-„Biotherm“ segelte konstant genug, um die Führung bereits einmal zu übernehmen. 11th Hour Racing ist als frühere „Malizia – Seaexplorer“ der unmittelbarste Vergleichsmaßstab – und mit dem Sieg im zweiten Sprint weiterhin sehr nah dran. Auch DMG Mori hat hohe Geschwindigkeiten gezeigt, diese bislang aber nicht in eine ebenso günstige Gesamtposition übersetzt.
Der nächste aussagekräftige Test beginnt erst jetzt: mehrere Tage mit hohen Geschwindigkeiten, stärkerer Seegang, wenige Manöver und dauerhafte Belastung von Material und Crew. Am Morgen des 4. September meldete Malizia an der Spitze nur knapp zwölf Knoten wahren Wind, während die hinteren Boote teils 19 bis 25 Knoten hatten und entsprechend schneller fuhren. Das kann die Abstände wieder zusammenschieben.
Unser Trackercheck liefert damit eine vorsichtige, aber interessante erste Antwort: Die neue „Malizia 4” erfüllt auf der Kreuz die hohen Erwartungen und wirkt in ihrer ersten Regatta erstaunlich robust. Dass sie der älteren Konkurrenz grundsätzlich zehn Prozent voraus ist, lässt sich aus den bisherigen Daten nicht ableiten. Noch nicht.
| Datum | Uhrzeit (MESZ) | Programm | Stream |
| Dienstag, 1. September | ab 17.55 Uhr | NDR: Auslaufparade mit deutscher Kommentierung | NDR-Livestream |
| Dienstag, 1. September | 18.00 Uhr | Internationale Startshow: Aufbau, Ablegen und Auslaufen aus New York | YouTube-Livestream |
| Mittwoch, 2. September | 17.00 Uhr | OnBoard Live Show, Race Day 2 | Direkt zum Liveplayer |
| Donnerstag, 3. September | 17.00 Uhr | OnBoard Live Show, Race Day 3 | Direkt zum Liveplayer |
| Freitag, 4. September | 17.00 Uhr | OnBoard Live Show, Race Day 4 | Direkt zum Liveplayer |
| Samstag, 5. September | 17.00 Uhr | OnBoard Live Show, Race Day 5 | Direkt zum Liveplayer |
| Sonntag, 6. September | 17.00 Uhr | OnBoard Live Show, Race Day 6 | Direkt zum Liveplayer |
| Montag, 7. September | 17.00 Uhr | OnBoard Live Show, Race Day 7 | Direkt zum Liveplayer |
| Dienstag, 8. September | 17.00 Uhr | OnBoard Live Show, Race Day 8 | Direkt zum Liveplayer |
Boris Herrmann seaexplorer führt mit Bildern und persönlichen Texten in die Welt ein, aus der Team Malizia kommt: Hochseerennen unter Belastung, Entscheidungen fernab der Küste und der Umgang mit den besonderen Bedingungen auf See. Der Band ergänzt die technische Trackerperspektive dieses Rennberichts um den menschlichen Blick auf Boris Herrmanns frühere Regattaerfahrungen und seinen Einsatz für den Ozeanschutz.
Wie beurteilen Sie Malizias bisherigen Vorsprung: vor allem als Geschwindigkeitsnachweis oder als Ergebnis der besseren nördlichen Positionierung?

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