Liebe Leserinnen und Leser,
ganz ehrlich, wann haben Sie ihre Seestiefel das letzte Mal in der Hand gehabt? Bei mir war es in den ersten Stunden der Ostseesturmflut, als das Wasser anfing den Steg zu überspülen. Richtig, das ist schon über zwei Jahre her. Als ich meine Stiefel aus der hintersten Ecke des Ölzeugschranks gekramt und angezogen hatte, merkte ich beim ersten Schritt in den kühlen Fluten sofort: Die Seestiefel waren nicht mehr dicht. Schnell stieg das Wasser damals so weit, dass der Weg zum Boot nur noch mit dem Dingi möglich war. Die Seestiefel waren so kaputt, dass ich sie nur noch wegwerfen konnte. Dabei waren sie nur wenig benutzt.
Ich denke so geht es vielen Seglern mit ihren Seestiefeln. Das Schuhwerk fürs Grobe kommt nur an wenigen Tagen im Jahr zum Einsatz. Auch nach Jahren sehen die Stiefel meist noch sehr gut aus, der Verfall findet aber hinter verschlossenen Schranktüren statt. Die Weichmacher verflüchtigen sich aus den Sohlen, das Gummi wird spröde. Werden die Stiefel dann nach langer Zeit wieder getragen, bricht die Sohle bei den ersten Schritten und durch die Risse dringt Wasser. Das ist sehr ärgerlich, wähnte man die klobigen Fußwärmer doch noch in tadellosem Zustand.
In der Situation muss man dann mit nassen Füßen leben. Ersatz ist sehr teuer, ein Paar Segelstiefel von Dubarry kostet 370 Euro. Deswegen habe ich mir auch keine neuen gekauft. Auf den wenigen Törns im Frühjahr, bei denen Stiefel nötig sind, trage ich jetzt einfach Gummistiefel mit dicken Socken. Ist die Saison fortgeschrittener, machen mir nasse Füße nichts mehr aus. Ich habe immer zwei Paar Bordschuhe dabei, so bleibt mir am Ende eines nassen Törns zumindest ein trockenes Paar Schuhe. Alles fein.
Dennoch frage ich mich natürlich, ob ich mir ein Paar neue Seestiefel kaufen sollte? Die besonders Rutschfeste Sohle, Atmungsaktivität und zusätzlicher Schutz der Zehen und Knöchel sind eindeutige Vorteile gegenüber Gummistiefeln. Allerdings brauchen Seestiefel einmal außen durchnässt auch lange zum Trocknen, da haben die Gummistiefel die Nase vorn. Und für die wenigen Einsätze lohnt sich die Anschaffung meiner Ansicht nach nicht. Ich segle nicht im Winter oder in besonders eisigen Revieren. Und dann ist es doch ärgerlich, wenn so ein kostspieliges Ausrüstungsteil fast ungenutzt dennoch verschleißt.
Für die Recherche eines Artikels war ich kürzlich mit einem deutlich über zehn Jahre alten Paar Segelstiefel von Henri Llyod beim Schuhmacher für eine Reparatur: Die Sohle brüchig und extrem rutschig, die Stiefel aber ansonsten in gutem Zustand. Die Diagnose des Experten: Eine Reparatur ist nur möglich, wenn die passende Sohle als Ersatzteil aufzutreiben wäre. Diese ist so an den Stiefel angeformt, dass ein Standardteil als Ersatz nicht passen würde. Die Anfrage beim Hersteller bestätigte nur die Befürchtung, dass nach so langer Zeit kein Ersatz mehr zu bekommen war. Die Stiefel waren ein Totalschaden. Jetzt verstehe ich auch, warum einige Segler bei angenehmen Temperaturen Shorts und Stiefel kombinieren: Wenn man die Stiefel einfach öfter anzieht, auch wenn es nicht kalt ist, hat man zumindest das gute Gefühl sie viel benutzt zu haben, wenn ihr unvermeidbares Ende gekommen ist.
Michael Rinck
YACHT-Redakteur
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