Liebe Leserinnen und Leser,
das kennen Sie auch, oder? Es ist kurz vor Mitternacht. Sonderborg liegt still im Mondlicht, ausnahmsweise schlagen keine Fallen gegen die Masten. Sommerliche Stille – bis ein Liegeplatz zum Leben erwacht.
"JAAAAA! Spring, Gib die Vorleine zurück, noch einen Meter, Maschine stopp, Darauf ein Anlegerbier!“
Acht Männer zwischen geschätzten 45 und 60, im echten Leben Ärzte, Anwälte, Unternehmensberater, feiern ihre Ankunft so, als hätten sie gerade die Vendée Globe gewonnen. Dabei sind sie von Höruphav nach Sonderborg gesegelt. Knapp fünf Seemeilen. Die Vermutung liegt nahe, dass sie dort rausgeflogen sind.
Es hat eigentlich schon beim Einlaufen begonnen. Das Boot kommt mit deutlich zu viel Fahrt in die Box, die Fender hängen schon draußen, das Nachbarboot bekommt den ersten Kontakt zu spüren. "Alles gut, alles gut!" ruft jemand herüber, ohne wirklich hinzuschauen. Keine Frage. Eine Feststellung. Eine Entlassung aus der Verantwortung in vier Worten. Der Eigner des Nachbarboots hebt kurz den Kopf. Ein Blick reicht ihm. Er kennt das. Er hat die Crew kommen hören.
Was folgt, ist ein Abend, den die unmittelbare Nachbarschaft nicht braucht. Die Lautstärke steigt in einem vorhersehbaren, exponentiellen Verhältnis zur Anzahl der Flaschen. Die Bluetooth-Box wird angeworfen. Dire Straits (wenigstens kein Rap!), laut. Anekdoten werden erzählt, nein fast gebrüllt, mit dramatischen Umdrehungen und begleitendem Gejohle. Das Lachen trägt weit über das Wasser. Was hätte mich das früher gestört! Auf dem Nachbarboot schläft eine Familie mit zwei Kindern. Niemand an Bord des Partybootes weiß das – nicht weil es ihnen egal wäre, sondern weil sie schlicht nicht hinschauen. Die Gruppe ist nach innen orientiert, eine kleine Welt für sich, und was außerhalb dieser Welt existiert, existiert kaum.
Ein anderer Segler erscheint. Er bittet freundlich. Die Männer nicken, sie meinen es ernst. Für etwa zwanzig Minuten.
Am nächsten Morgen zeigt das Cockpit die Spuren des Abends. Leere Flaschen, ein umgekipptes Glas, auf dem Steg davor zwei Bierdosen. Nicht absichtlich dort. Einfach vergessen. Aber vergessen ist manchmal schlimmer als absichtlich. Um halb zehn kommt die Crew zum Vorschein, gut gelaunt, mit dem kollektiven Gedächtnisschwund gut ausgeschlafener Männer. Jemand steigt über das Nachbarboot – ohne zu fragen, es ist ja der einfacherer Weg zum Steg. Um viertel nach zehn legt das Boot ab. Laut, fröhlich, mit Musik (Biskaya, James Last).
Sie sind weg. Zurück bleibt ein Abdruck am Nachbarboot, eine falsch aufgeschossene Leine, eine leere Dose – und in den Köpfen aller anderen Hafengäste: ein Bild, ein Stereotyp der rücksichtslosen Männercrew.
Die Psychologie erklärt, was hier passiert. In homogenen Gruppen löst sich individuelle Verantwortung auf. Was der Einzelne zuhause nie täte, erscheint in der Gruppe, obendrein in einer Freizeitsituation, plötzlich normal. Deindividuierung nennt sich das. In der Gruppe verliert der Einzelne das Gefühl der persönlichen Verantwortung, die Mentalität ist: "Die anderen machen es auch“. So reduzieren sich eigene moralische Standards. Und diese Effekte verstärken sich, je größer die Gruppe wird. Sie entwickelt ihre eignen Normen, ihre eigene kleine Welt, und wer bremst, ist der Spielverderber. Also bremst keiner, die Gruppenmitglieder bestärken sich gegenseitig in ihrem Verhalten. Hinzu kommt die Anonymität des Hafens: Man kennt niemanden, man ist morgen weg. Was zuhause der Blick des Nachbarn verhindert, verhindert hier nichts. Alkohol tut sein Übriges. Es gibt weitere Gründe: Statusdenken, Männer beweisen ihren Status oft durch dominantes Verhalten in dem Lautstärke Selbstbewusstsein und Stärke signalisiert. Es ist leider so, unter Männern fallen soziale Hemmungen schneller weg. Gemischte Crews dämpfen extremes Verhalten, Frauen wirken in der Gruppe oft als natürliche Moderatorinnen.
In Summe: Das Ergebnis ist eine Crew, die sich selbst als fröhliche, lockere Gemeinschaft erlebt – und von allen anderen als das Problem der Nacht wahrgenommen wird, als die Geißel des Fahrtensegelns.
Und hier liegt das eigentliche Dilemma. Denn von hundert Männercrews, die in diesem Sommer diesen Hafen anlaufen, sind vielleicht fünf so wie die beschriebene. Vielleicht zehn. Die anderen neunzig legen ordentlich an, respektieren ihre Nachbarn, binden vielleicht sogar die Fallen ab, räumen auf. Aber die neunzig sieht man nicht. Man hört sie nicht. Das menschliche Gehirn schreibt das Bild der lauten Zehn all jenen zu, die ähnlich aussehen: Männer, mittleres Alter, keine Frauen an Bord. Und so kämpft jede ordentliche Herrencrew gegen ein Image, das sie nicht verdient hat – das ihr aufgezwungen wurde von jenen, die lauter sind.
Das eigentliche Problem der Herrencrew ist nicht nur das Verhalten der wenigen Rücksichtslosen. Es ist das Schweigen der vielen Vernünftigen ihnen gegenüber. Solange in jeder dieser Gruppen der Ruhigste, der Nüchternste, der mit dem schlechten Gewissen, nicht den Mut aufbringt zu sagen "Leute, es reicht" – solange wird das Bild bleiben.
Ich sage Ihnen, was mich daran am meisten stört – und es ist nicht der Lärm, es ist noch nicht einmal die Rücksichtslosigkeit. Am meisten stört mich, dass es mich stört- tzw. gestört hat, das war die vergeudete Energie der Empörung. Denn es gibt zwei Arten mit dem beschriebenen Gespenst der lärmenden Männercrew umzugehen: Aufregen oder ignorieren. Ich wähle mittlerweile Letzteres. Nicht aufregen, nicht ärgern, einfach abperlen lassen und sich freuen, dass der Spuk am nächsten Tag vorbei ist.
Fridtjof Gunkel
stellv. YACHT-Chefredakteur
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