Liebe Leserinnen und Leser,
neulich scrollte ich durch meine monatlichen Abbuchungen und blieb bei einem vertrauten Posten hängen: Seekarten-Abo. Wieder ein Jahr, wieder mehr als hundert Euro für aktuelle elektronische Seekarten. Nicht, dass ich das Geld nicht ausgeben würde – sichere Navigation hat ihren Preis. Aber Hand aufs Herz: Ärgert es Sie nicht auch manchmal, dass Daten, die von staatlichen Stellen mit unseren Steuergeldern erhoben werden, nochmal extra kosten?
Genau diesen Gedanken hatte offenbar auch Adam Lucke, ein Entwickler, der sich fragte: Wenn das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) seine Vermessungsdaten im Rahmen von Open Data sowieso veröffentlicht – warum macht daraus nicht jemand eine frei zugängliche Seekarte?
Gesagt, getan. Das Ergebnis heißt freenauticalchart.net und sorgt gerade in der Segelwelt für ordentlich Wirbel. Kostenlose Online-Seekarten für deutsche Gewässer und die niederländische Waddensee, wöchentlich automatisch aktualisiert, mit Tidenvorhersage, Gezeitenstromatlas und Plotting-Tools. Nutzbar im Browser oder als App, komplett ohne Registrierung oder Abo-Falle.
Als ich das Tool das erste Mal öffnete, war ich beeindruckt. Die Karten sehen aus wie richtige Seekarten – mit allen vertrauten Symbolen, Tiefenangaben und Tonnen. Man kann Routen planen, Peilungen eintragen, sogar Stromdreiecke konstruieren. Für Einhandsegler besonders praktisch: Alles funktioniert auf dem Tablet per Touchscreen. Kein Gang mehr nach unten zum Kartentisch, um schnell einen Kurs zu bestimmen.
Die Integration des Gezeitenstromatlas finde ich besonders gelungen. Ein Klick auf einen BSH-Vorhersagepunkt zeigt die Gezeitenkurve, ein Schieberegler lässt einen durch die Stunden vor und nach Hochwasser Helgoland scrollen. Seekarte, Tidenkalender und Stromatlas in einem Werkzeug – das ist durchaus komfortabel.
Für die Törnplanung am heimischen Schreibtisch oder als Ausbildungstool ist das eine feine Sache. Kartenausschnitte lassen sich sogar ausdrucken, inklusive Koordinaten und Maßstab. Und als Progressive Web App installiert, funktioniert das Ganze auch offline.
Nach unserer Veröffentlichung über freenauticalchart.net meldete sich Thomas Dehling vom BSH zu Wort. Seine Botschaft war unmissverständlich: Die Open-Data-Seekartendaten, auf denen das Tool basiert, sind nicht für die sichere Navigation freigegeben.
Moment mal, dachte ich. Dieselben Daten, die auch kommerzielle Anbieter nutzen, sollen nicht navigationsgeeignet sein?
Nicht ganz. Das BSH stellt zwei grundsätzlich verschiedene Datensätze bereit. Die qualitätsgesicherten Navigationsdaten – geprüft nach internationalen Standards, mit garantiert allen flachen Stellen – gehen nur an lizenzierte Partner. Die frei verfügbaren Open-Data-Bathymetrie-Daten hingegen sind für andere Zwecke gedacht: Offshore-Industrie, Sturmflutvorhersage, Angler. "Wir geben keinerlei Garantie ab, dass das nautisch richtig ist", so Dehling.
Besonders brisant: Auch die Positionen von Tonnen und Leuchtfeuern in den Open-Data-Diensten werden nicht mit derselben Aktualität gepflegt wie in offiziellen Seekarten. Wenn ein Seezeichen versetzt wird, erscheint die Änderung in den Nachrichten für Seefahrer und in den offiziellen Karten – aber eben nicht zwangsläufig zeitgleich in den Open-Data-Diensten.
Das ist hinterhältig. Denn auf den ersten Blick sieht alles korrekt aus. Die Abweichungen fallen erst im direkten Vergleich auf – etwa bei Tiefenangaben, die im Wattenmeer teilweise über einen halben Meter von den lizenzierten Daten abweichen können.
Ich sehe es so: Freenauticalchart.net ist ein großartiges Tool für Törnplanung, Übersicht und Ausbildung. Es macht Spaß, damit zu arbeiten, und es kostet nichts. Als Backup-Navigation oder für die grobe Orientierung bei GPS-Ausfall ist es allemal geeignet.
Aber – und das ist ein wichtiges Aber – es ersetzt keine offiziellen Seekarten. Besonders nicht in kritischen Bereichen wie dem Wattenmeer, wo Zentimeter entscheiden können. Die Schiffssicherheitsverordnung verlangt weiterhin aktuelle Papierkarten oder zugelassene elektronische Seekarten an Bord. Und die Nachrichten für Seefahrer bleiben unverzichtbar.
Es ist ein bisschen wie mit Wikipedia: Großartig für den ersten Überblick und oft erstaunlich gut. Aber wenn es wirklich darauf ankommt, braucht man verlässliche Quellen.
Trotzdem bin ich froh, dass es freenauticalchart.net gibt. Es zeigt, was mit offenen Daten möglich ist. Es demokratisiert den Zugang zu Seekarteninformationen. Und es stellt unbequeme Fragen an die kommerzielle Seekartenindustrie: Warum dauert es bei euch Wochen oder Monate, bis neue BSH-Daten verfügbar sind, wenn ein Hobby-Entwickler das vollautomatisch hinbekommt?
Vielleicht ist das der größte Wert dieses Projekts: Es bringt Bewegung in einen Markt, der dringend Bewegung braucht. Und es erinnert uns daran, dass Navigation mehr ist als das blinde Vertrauen auf ein Display. Es erfordert kritisches Denken, mehrere Informationsquellen – und im Zweifelsfall immer noch einen Blick aus dem Cockpit.
Nutzen Sie freenauticalchart.net für die Planung? Oder vertrauen Sie ausschließlich auf kommerzielle Anbieter? Ich bin gespannt auf Ihre Erfahrungen.
Hauke Schmidt
YACHT-Redakteur
Umfrage beendet
*** Abstimmen/Klicken, um das Ergebnis zu sehen! ***
Er am Ruder, sie an den Leinen: Auf vielen Yachten ist diese Rollenverteilung immer noch Alltag. Nicht weil Frauen es nicht könnten, sondern weil sie es sich zu selten zutrauen. In Folge 92 von YACHT – der Segelpodcast spricht Annette Kilch mit Host Timm Kruse darüber, was Frauen tatsächlich abhält, die Verantwortung an Bord zu übernehmen und wie aus Skepsis echte Begeisterung am Steuer wird.
Ein Sturm hat am Sonntag (27.09.) im Hafen von Marblehead in den USA Boote von ihren Moorings gerissen. Mehrere Boote sind gestrandet oder gesunken.
Oyster Yachts erweitert sein Modellportfolio nach oben: Die neue Oyster 36M ist eine 36-Meter-Slup mit Linien von Frers Naval Architecture. Das Flaggschiff soll den Komfort einer Superyacht mit den Anforderungen langer Blauwassertörns verbinden und lässt Eignern viel Spielraum bei Layout, Ausrüstung und Segelplan.
Beim Silverrudder 2026 ging ein Segler nachts über Bord. Was danach über die dramatische Rettung bekannt wurde: Mitsegler und Seenotretter berichten.
Drei Seemeilen vor Skagen sitzt ein Stahlsegelboot im Sand fest, die Brandung schlägt gegen die Bordwand. Was folgt, ist ein Wettlauf mit Pumpen, Schleppleinen und einem Hubschrauber.
Für Boris Herrmann und die neue "Malizia 4" läuft der nächste Countdown. Am 1. November fällt der Startschuss zur Route du Rhum mit viel Offshore-Prominenz.
Firmware 1.15 macht den Victron Orion XS zur Notlösung bei leerer Starterbatterie. Was die Rückladefunktion kann und wo ihre Grenzen liegen.
Beneteau ergänzt die First 36 um eine dritte Variante: Die neue Spirit setzt auf einen einfacheren Ausbau und einen niedrigeren Einstiegspreis. Das Gleitsegelboot feiert im Januar 2027 auf der Messe in Düsseldorf Weltpremiere.
Der Rote Mond scheint hell auf Kurs America's Cup: Das italienische Team Luna Rossa hat auch die zweite Vorregatta gewonnen, in Neapel den Maßstab gesetzt.
Die X-79 ist ein leichter Racer mit Kultstatus. Schnell auf Raumwindkursen, lebendig am Ruder und erstaunlich nutzbar unter Deck. Worauf Käufer achten sollten und ob sich das Gebrauchtboot lohnt.
Der Yacht Newsletter fasst die wichtigsten Themen der Woche zusammen, alle Top-Themen kompakt und direkt in deiner Mail-Box. Einfach anmelden:
Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.