MeinungKostenlose Seekarten – zu schön, um wahr zu sein?

YACHT

 · 14.03.2026

Meinung: Kostenlose Seekarten – zu schön, um wahr zu sein?
YACHT-Woche – Der Rückblick
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Liebe Leserinnen und Leser,

​neulich scrollte ich durch meine monatlichen Abbuchungen und blieb bei einem vertrauten Posten hängen: Seekarten-Abo. Wieder ein Jahr, wieder mehr als hundert Euro für aktuelle elektronische Seekarten. Nicht, dass ich das Geld nicht ausgeben würde – sichere Navigation hat ihren Preis. Aber Hand aufs Herz: Ärgert es Sie nicht auch manchmal, dass Daten, die von staatlichen Stellen mit unseren Steuergeldern erhoben werden, nochmal extra kosten?

Genau diesen Gedanken hatte offenbar auch Adam Lucke, ein Entwickler, der sich fragte: Wenn das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) seine Vermessungsdaten im Rahmen von Open Data sowieso veröffentlicht – warum macht daraus nicht jemand eine frei zugängliche Seekarte?

Gesagt, getan. Das Ergebnis heißt freenauticalchart.net und sorgt gerade in der Segelwelt für ordentlich Wirbel. Kostenlose Online-Seekarten für deutsche Gewässer und die niederländische Waddensee, wöchentlich automatisch aktualisiert, mit Tidenvorhersage, Gezeitenstromatlas und Plotting-Tools. Nutzbar im Browser oder als App, komplett ohne Registrierung oder Abo-Falle.

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Klingt fast zu gut, um wahr zu sein, oder?

Als ich das Tool das erste Mal öffnete, war ich beeindruckt. Die Karten sehen aus wie richtige Seekarten – mit allen vertrauten Symbolen, Tiefenangaben und Tonnen. Man kann Routen planen, Peilungen eintragen, sogar Stromdreiecke konstruieren. Für Einhandsegler besonders praktisch: Alles funktioniert auf dem Tablet per Touchscreen. Kein Gang mehr nach unten zum Kartentisch, um schnell einen Kurs zu bestimmen.

Die Integration des Gezeitenstromatlas finde ich besonders gelungen. Ein Klick auf einen BSH-Vorhersagepunkt zeigt die Gezeitenkurve, ein Schieberegler lässt einen durch die Stunden vor und nach Hochwasser Helgoland scrollen. Seekarte, Tidenkalender und Stromatlas in einem Werkzeug – das ist durchaus komfortabel.

Für die Törnplanung am heimischen Schreibtisch oder als Ausbildungstool ist das eine feine Sache. Kartenausschnitte lassen sich sogar ausdrucken, inklusive Koordinaten und Maßstab. Und als Progressive Web App installiert, funktioniert das Ganze auch offline.

Doch dann kam das "Aber".

Nach unserer Veröffentlichung über freenauticalchart.net meldete sich Thomas Dehling vom BSH zu Wort. Seine Botschaft war unmissverständlich: Die Open-Data-Seekartendaten, auf denen das Tool basiert, sind nicht für die sichere Navigation freigegeben.

Moment mal, dachte ich. Dieselben Daten, die auch kommerzielle Anbieter nutzen, sollen nicht navigationsgeeignet sein?

Nicht ganz. Das BSH stellt zwei grundsätzlich verschiedene Datensätze bereit. Die qualitätsgesicherten Navigationsdaten – geprüft nach internationalen Standards, mit garantiert allen flachen Stellen – gehen nur an lizenzierte Partner. Die frei verfügbaren Open-Data-Bathymetrie-Daten hingegen sind für andere Zwecke gedacht: Offshore-Industrie, Sturmflutvorhersage, Angler. "Wir geben keinerlei Garantie ab, dass das nautisch richtig ist", so Dehling.

Besonders brisant: Auch die Positionen von Tonnen und Leuchtfeuern in den Open-Data-Diensten werden nicht mit derselben Aktualität gepflegt wie in offiziellen Seekarten. Wenn ein Seezeichen versetzt wird, erscheint die Änderung in den Nachrichten für Seefahrer und in den offiziellen Karten – aber eben nicht zwangsläufig zeitgleich in den Open-Data-Diensten.

Das ist hinterhältig. Denn auf den ersten Blick sieht alles korrekt aus. Die Abweichungen fallen erst im direkten Vergleich auf – etwa bei Tiefenangaben, die im Wattenmeer teilweise über einen halben Meter von den lizenzierten Daten abweichen können.

Was bedeutet das nun für uns Segler?

Ich sehe es so: Freenauticalchart.net ist ein großartiges Tool für Törnplanung, Übersicht und Ausbildung. Es macht Spaß, damit zu arbeiten, und es kostet nichts. Als Backup-Navigation oder für die grobe Orientierung bei GPS-Ausfall ist es allemal geeignet.

Aber – und das ist ein wichtiges Aber – es ersetzt keine offiziellen Seekarten. Besonders nicht in kritischen Bereichen wie dem Wattenmeer, wo Zentimeter entscheiden können. Die Schiffssicherheitsverordnung verlangt weiterhin aktuelle Papierkarten oder zugelassene elektronische Seekarten an Bord. Und die Nachrichten für Seefahrer bleiben unverzichtbar.

Es ist ein bisschen wie mit Wikipedia: Großartig für den ersten Überblick und oft erstaunlich gut. Aber wenn es wirklich darauf ankommt, braucht man verlässliche Quellen.

Trotzdem bin ich froh, dass es freenauticalchart.net gibt. Es zeigt, was mit offenen Daten möglich ist. Es demokratisiert den Zugang zu Seekarteninformationen. Und es stellt unbequeme Fragen an die kommerzielle Seekartenindustrie: Warum dauert es bei euch Wochen oder Monate, bis neue BSH-Daten verfügbar sind, wenn ein Hobby-Entwickler das vollautomatisch hinbekommt?

Vielleicht ist das der größte Wert dieses Projekts: Es bringt Bewegung in einen Markt, der dringend Bewegung braucht. Und es erinnert uns daran, dass Navigation mehr ist als das blinde Vertrauen auf ein Display. Es erfordert kritisches Denken, mehrere Informationsquellen – und im Zweifelsfall immer noch einen Blick aus dem Cockpit.

Nutzen Sie freenauticalchart.net für die Planung? Oder vertrauen Sie ausschließlich auf kommerzielle Anbieter? Ich bin gespannt auf Ihre Erfahrungen.

Hauke Schmidt

YACHT-Redakteur

Das BSH erhebt und bearbeitet Vermessungsdaten mit unseren Steuergeldern. Dürfen diese dann nochmal Geld kosten?
Steuerfinanzierte Daten sollten grundsätzlich kostenfrei sein – schließlich wird auch die Nachbearbeitung beim BSH mit Steuermitteln finanziert
Ja, der Bundesrechnungshof verlangt Refinanzierung – staatliche Stellen sollen marktgerechte Preise nehmen, auch wenn's doppelt zahlen bedeutet
Zweiklassenmodell ist ein praktikabler Kompromiss – Basisdaten frei für alle, wer Premium-Qualität will, zahlt extra

Umfrage beendet

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