„Malizia 4“Warum Handsteuerung wieder zum Erfolgsfaktor wird

Jochen Rieker

 · 19.04.2026

Boris und seine Crew können das Boot schon am Simulator kennenlernen.
Foto: Andreas Lindlahr
​Im Hochseerennsport entscheidet längst nicht mehr nur die Rumpfform über Sieg oder Niederlage. Bei „Malizia 4“ richtet Team Malizia den Fokus auch auf die Frage, wie das Boot gesteuert wird: von Hand, per Autopilot und künftig womöglich mit deutlich intelligenteren Systemen. Dort liegen die nächsten rennentscheidenden Reserven.

​Warum der Mensch auf manchen Kursen noch schneller ist

In einem weiteren Artikel haben wir das neue Konzept der „Malizia 4“ vorgestellt. Darin unterlagen noch sehr viele Informationen der Geheimhaltung. Über einen anderen Erfolgsfaktor sprechen Konstrukteur und Team vergleichsweise offen, ohne freilich auch hier alle Karten auf den Tisch zu legen und detaillierte Einblicke zu geben: Das neue Boot soll mehr als je zuvor für das Steuern von Hand ausgelegt werden.

Das erscheint zunächst absurd, weil der Autopilot bei der Vendée Globe das Kurshalten zu 99 Prozent übernimmt und auch bei The Ocean Race 2023 kaum je eines der vier Crewmitglieder die V-förmige Pinne von „Malizia 3“ angefasst hatte. Was, nebenbei bemerkt, Schwerarbeit gewesen wäre, weil das System gar nicht darauf ausgelegt war. Doch hat in der Imoca-Klasse inzwischen ein Umdenkprozess stattgefunden.

Weil selbst die ausgeklügelsten elektronischen Systeme, die jenseits von 250.000 Euro kosten, noch nicht in der Lage sind, die Boote bei marginalen Bedingungen auf den Foils zu halten, hat sich manuelles Steuern in einigen Bereichen als effizienter erwiesen. Insbesondere auf tiefen Kursen und an der Grenze zwischen Gleit- und Flugmodus sind Steuerleute schneller als der Autopilot.

Das gilt zwar nur bei Tageslicht, wenn die Crew Wellen und Windböen sehen oder antizipieren kann. Aber das, sagt Will Harris, könnten „rennentscheidende Momente“ sein: „Oft macht das zwei Knoten mehr Geschwindigkeit aus, manchmal auch mehr. Aber selbst wenn es nur eine Seemeile pro Stunde wäre, und das über zehn, zwölf Stunden, ist es jede Anstrengung wert.“

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Auf diese Weise konnte er zusammen mit Co-Skipperin Francesca Clapcich, die vorigen Herbst „Malizia 3“ übernahm, beim Transat Café l’Or den zweiten Platz sichern. Rückblickend bereut Harris, nicht schon im Ocean Race vor drei Jahren mehr von Hand gesteuert zu haben – „sehr sogar!“

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„Malizia 4“ wird auch für Handsteuerung gebaut

„Malizia 4“ ist deshalb von Beginn an auch auf manuellen Betrieb hin ausgelegt. Das erfordert eine bequeme Steuerposition, gute Sicht voraus und in die Segel, außerdem gutes Feedback von den Ruderblättern bei geringen Bedienkräften. Letzteres spräche eigentlich für Radsteuerung. Doch ist diese Ära bei den Imocas lange vorbei; das letzte Boot, das so konzipiert war, stammt von 2007: die von Juan Kouyoumdijan entwickelte Ex-Pindar, die 2010 für Alex Thomson modifiziert wurde („Hugo Boss 3“).

Kommt die Rückkehr der Radsteuerung?

Reaktiviert das Team Malizia das Thema? „Kein Kommentar“, heißt es dazu. Interessant in dem Zusammenhang ist aber, dass der Simulator, auf dem die Crew bereits virtuell mit dem neuen Boot segelt, über ein Steuerrad verfügt. Es ist eines aus dem Videospiel-Sortiment und muss deshalb keine Rückschlüsse zulassen.

Was der neue Autopilot künftig können soll

Ungeachtet des Trends zur Handsteuerung geht auch die Autopilot-Entwicklung weiter. Hier sind größere Fortschritte allerdings wohl erst in ein bis zwei Jahren zu erwarten.

Zunächst bleibt es an Bord von „Malizia 4“ bei einem System aus zwei Ebenen: Die Basis bildet eine redundant ausgelegte H5000-Anlage von B&G, über der ein Exocet-Silver-System von Pixel sur Mer liegt, das die relevanten Impulse gibt. Dieses verarbeitet die Daten der Geber eigenständig und nahezu in Echtzeit. Es berechnet in höchstmöglicher Auflösung wahre Windgeschwindigkeit und Windwinkel, liefert inzwischen aber auch eigenständig optimierte Kursdaten. Bisher geschah dies nur als Overlay.

Ziel ist es, wegzukommen von bisherigen reaktiven Systemen, die auf sogenannten PID-Controllern basieren (Proportional-Integral-Derivative) und jeweils gesetzten Soll- oder Schwellenwerten hinterherregeln. Der heilige Gral, an dem alle führenden Teams forschen, sind Model Predictive Controller (MPC).

Wie Simulator und KI die Leistung steigern sollen

„Wir versuchen, den Simulator, den es ja gibt vom Schiff, und in dem alle physikalischen Gleichungen hinterlegt sind, also nicht nur Geschwindigkeitsprognosen für bestimmte Kurse und Windbedingungen, sondern die ganze dynamische Mathematik in das Modell zu integrieren“, erklärt Boris.

Im ersten Schritt und mit der Hilfe von Künstlicher Intelligenz soll damit die Analyse von Trainings- und Wettfahrtdaten automatisiert werden. „So ließen sich Abweichungen zwischen Modell und Realität aufzeichnen“. Das wiederum würde die Präzision des Autopiloten enorm verbessern.

Tatsächlich lässt der Skipper und sein Team nichts unversucht, „Malizia 4“ zum Siegerboot zu machen. Sogar beim Design haben sie am Gewicht gefeilt. Weil die Farbgebung der alten Segel 18 Kilogramm Mehrgewicht verursacht hatte, soll der neue Look weitaus reduzierter sein. Aber auch der ist noch Verschlusssache.

Am 29. Juni soll der Launch der gut neun Millionen Euro teuren Neuentwicklung in Lorient stattfinden. Spätestens dann wird es kaum noch Geheimnisse geben.


Jochen Rieker

Jochen Rieker

Herausgeber YACHT

Aufgewachsen in Süddeutschland, hat Jochen Rieker das Segeln auf Bodensee, Ammersee und Starnberger See gelernt. Zunächst war er auf Pirat, H-Jolle und Tempest unterwegs, später auf Hobie Cat, A Cat und Dart 16. Aber wie das so ist: Je weiter entfernt das Meer, desto größer die Leidenschaft danach. Inspiriert durch die Bücher von Bobby Schenk und Wilfried Erdmann, folgte in den 90ern der erste Dickschifftörn im Ionischen Meer auf einer Carter 30, damals noch ohne Segelschein. Danach war’s um ihn geschehen. Als YACHT-Kaleu und Jury-Vorsitzender des European Yacht of the Year Award hat Rieker in den vergangenen mehr als 25 Jahren gut 500 Boote getestet. Sein eigenes, ein 36-Fuß-Racer/Cruiser, lag zuletzt in der Adria. Diesen Sommer verholt er es an die Schlei, wo er inzwischen lebt.

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