Liebe Leserinnen und Leser,
MAYDAY, MAYDAY, MAYDAY! - „Hilfe! Was habe ich mir denn da schon wieder bei gedacht. Als ob ich nicht schon genug im Kopf hätte!“, denke ich mir am Ende dieses Wochenendkurses. Zwei Tage lang saß ich an einem bitterkalten Novemberwochenende zusammen mit vier Mitstreitern in einer kleinen Sportbootschule und versuchte mich durch einen Wust an neuen Informationen zu kämpfen. Denn diesen Winter habe ich mir vorgenommen, das Thema Funken anzugehen. Meine Mission: SRC und UBI. Zwei Scheine, die mir nicht nur Zugang zum Funkgerät verschaffen, sondern mich hoffentlich souveräner machen im Umgang mit Notrufen, Schleusen und dem ganzen Funkbetrieb auf See und Binnen.
Die Prüfung, auf die ich mich vorbereite, während ich diese Zeilen schreibe, besteht aus drei Teilen: Die SRC-Prüfung beginnt mit dem Diktat eines Seefunktextes auf Englisch, der mitgeschrieben und ins Deutsche übersetzt werden muss. Inklusive internationalem Funkalphabet. – YANKEE, ALPHA, CHARLY, HOTEL, TANGO – check, krieg ich hin.
Dann muss ein deutscher Seefunktext mit Fachvokabeln ins Englische übersetzt werden. Für mich machbar, für einige meiner „Klassenkameraden“, die zuletzt vor 30 Jahren in der Schule Englisch gesprochen haben, eine echte Herausforderung. Im zweiten Teil sind dann 24 (SRC) bzw. 22 (UBI) Multiple-Choice-Fragen zu Funkregeln, Technik, Kanälen und Betriebsabläufen aus einem beachtlich großen Fragenkatalog zu beantworten (180 Fragen SRC, 130 Fragen UBI). Ok, auch das machbar – wenn man die Zeit findet, dafür zu lernen.
Als wirklich hilfreich erweist sich hierbei für mich in meinem vollgepackten Alltag die Delius Klasing Lern-App. Denn mit ihr kann ich jederzeit spontan, sobald sich eine freie Minute ergibt, pauken. Zum Beispiel in der S-Bahn auf dem Weg zur Arbeit. Da starre ich ja ohnehin meist auf mein Handy – warum also nicht dabei mal etwas sinnvolles machen? Die App arbeitet mit dem Karteikartensystem. Fragen, die ich nicht sicher beherrsche, werden so oft wiederholt, bis die Antworten sicher sitzen.
Was mir aber noch am meisten Respekt einflößt, ist der praktische Teil der Prüfung, auf den ich mich nicht hundertprozentig vorbereiten kann. Ich muss nachweisen, dass ich mich sicher durch die verschiedenen Programmpunkte eines Funkgeräts durch navigieren kann und dann eine komplette Funkmeldung absetzen. Nach den standardisierten Anrufschemata, in der richtigen Reihenfolge, ohne dass ich mich irgendwo verhasple. Und das ist schwieriger, als ich dachte. Da die wenigsten Leute zuhause ein Funkgerät stehen haben, empfiehlt es sich, einen Kurs zu machen, bei dem man – so banal das klingt - sprechen übt.
Im Fall der Fälle muss ich außerdem unterscheiden können, ist das jetzt ein Notfall? Dringlichkeit? Oder nur Sicherheit? Wann sage ich was und in welcher Reihenfolge und was muss ich wie oft wiederholen? Beim Anblick der verschiedenen Anrufschemata raucht mir der Kopf. Vor allem, als ich versuche, die Funksprüche ohne den Merkzettel vor mir, aufzusagen. Vor meinem geistigen Auge schwirrt alles fröhlich durcheinander, immer vergesse ich irgendwas. Schiffsnamen dreimal, Calls Sign, MMSI, nochmal Schiffsnamen, einmal, Ah Mist, die Position hätte ich wiederholen müssen. Dazu switchen zwischen See und Binnen, Englisch und Deutsch. Dann der ganze Routineverkehr mit seinen eigenen Kanälen und seinem eigenen Protokoll: Häfen, Schleusen, Brücken, you name it. Ich hoffe einfach, dass sich in der Prüfung der Knoten löst.
Und plötzlich wird mir klar, warum ein Funkschein eben doch mehr ist als ein lästiger Zettel für die Bordmappe. Am Ende weiß jeder: So wie in der Prüfung sitzt im Notfall niemand am Funkgerät und beherrscht im Zweifel Jahre später noch bis ins Detail jedes Anrufschema. Aber die Grundlagen geben im Ernstfall Sicherheit und machen vielleicht im entscheidenden Moment den Unterschied.
Jetzt im Winter ist doch die beste Zeit, etwas anzugehen, was man lange vor sich hergeschoben hat und etwas Neues zu lernen. Bevor die nächste Saison startet, bevor wieder andere To-dos dazwischen rutschen. Und ich kann Ihnen versprechen: wenn man erstmal angefangen hat, macht es sogar ein bisschen Spaß. Und wer weiß - vielleicht hören wir uns ja im Frühjahr auf Kanal 69.
Silence Fini
Jill Grigoleit
YACHT-Redakteurin
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