Das Bild eines typischen Ostseehafens war noch bis vor wenigen Jahren geprägt von kleinen und großen Kuttern, mit denen die Fischer auf Fang gingen. Im Hochsommer hatten sie Pause und lagen an der Pier oder standen auf dem Slip einer Werft und wurden überholt. Dieses Bild ist längst verschwunden. Doch wer es vermisst, kann zu Pfingsten in Laboe an der Kieler Förde die Erinnerung auffrischen. Was er dort findet, ist eine ganze Flotte von Kuttern, die zumindest durch ihre Silhouette an die Idylle von einst erinnern.
Zugegeben, die Rümpfe sind auf Hochglanz poliert, an Deck stehen hohe Masten, an denen große Segel gesetzt werden können, und es fliegen auch keine Möwen über die Decks, weil kein Fischgeruch sie anlockt. Was sich hier abspielt, ist das in diesem Jahr mittlerweile siebte Treffen der Fisher-Freunde, eines informellen Zusammenschlusses der deutschen Eigner dieser britischen Motorsegler. Eine Gemeinschaft von Enthusiasten, die ihre Leidenschaft für die kultigen Fahrzeuge und ihre Besonderheiten teilen. Denn davon gibt es reichlich. Zwar wurden seit 1971 bis heute mehrere verschiedene Typen in der Größe von 25 bis 46 Fuß entwickelt und mehr als 1.000 Exemplare gebaut, allen gemeinsam ist jedoch eine Charakteristik, die diese Schiffe von allem abhebt, was sonst in Sportboothäfen zu finden ist.
Da wäre zum einen das geschlossene Ruderhaus, aus dem heraus eine Fisher gefahren wird. Zwar gibt es bei allen Typen auch eine Pinne im Cockpit, doch gefahren wird im Regelfall von drinnen. Dann ähneln sich die Linien des Rumpfes, die mit ihrem langen Kiel unter Wasser an klassische Colin Archer erinnern, über Wasser aber dem erwähnten Ostsee-Fischkutter ähneln, was den Schiffen auch ihren Namen gab. Und schließlich ist es, um nur die wichtigsten Merkmale zu nennen, das hohe Gewicht, welches das Resultat einer überaus massiven Bauweise von Rumpf und Deck und überdies einem hohen Ballastanteil ist.
Im Cockpit seiner „Santa Monica“, einer Fisher 34, sitzt Siegfried Schmidt, den sie hier alle nur Siggi nennen. Im Jahr 2013 kontaktierte er die YACHT und bat um einen Aufruf an alle deutschen Eigner, sich bei ihm zu melden. Es war der Startschuss zur Vereinigung der Fisher-Freunde, die im Oktober 2014 an Land und 2015 erstmals mit den Schiffen hier in Laboe stattfand.
Für Schmidt und seine Frau ist die „Santa Monica“ das 14. Schiff in ihrem Seglerleben. Sie verbringen darauf seit zwölf Jahren ihre Sommer. Wer die beiden fragt, was sie am meisten an der Fisher 34 schätzen, bekommt eine einhellige Antwort: „Diese wahnsinnige Geborgenheit“, beschreibt es Siggi Schmidt. „Wenn ich beim Segeln von draußen reinkomme und die Tür zumache, dann ist Ruhe. Man fühlt sich geschützt und muss keine Angst vor schlechtem Wetter haben.“ Ein tolles Konzept nennt es Schmidt, der sich an das Leben davor noch gut erinnern kann. „Im Frühjahr zog man immer noch eine lange Unterhose mehr an und noch einen Pullover, hier geht man rein, macht die Tür zu und die Heizung an.“
Hinzu komme das „ungeheuer tolle“ Seeverhalten. Die ruhigen Bewegungen seien eben ein Vorteil der rund 13 Tonnen Schiffsgewicht. Und schließlich, so Schmidt, der sein Schiff über die Jahre komplett überarbeitet hat, habe er das Gefühl, einen echten Oldtimer zu besitzen. „Es gibt keinen Hafen, in dem wir nicht mindestens einmal hören: Das ist ja ein schönes Schiff!“ Und auch im Hafen, so der Eigner, habe das Ruderhaus seine Qualitäten: „Wir haben auf unseren früheren Schiffen viel unter der Kuchenbude gesessen. Hier muss man nichts aufbauen, man geht durch die Tür, setzt sich auf das Sofa und guckt in den Hafen.“
Wenn er beim An- und Ablegen die Manöver fahre, schätzt es Schmidt sehr, dass sein Schiff nicht vertreibt. „Die bleibt einfach liegen und man kann sich in aller Ruhe orientieren.“ Trotzdem habe er ein Bugstrahlruder, und damit lasse sich die Fisher 34, auch wenn sie, wie jeder Langkieler, bei Rückwärtsfahrt schlecht zu steuern sei, mühelos auf engstem Raum dirigieren.
In den vergangenen Jahren haben die Schmidts mit der „Santa Monica“ schon fast die gesamte Ostsee bereist. Und das in aller Regel unter Segeln. Denn auch wenn die Fisher an der Kreuz nur mäßige Segeleigenschaften habe, auf allen anderen Kursen würde er selten motoren, so Schmidt. Und dann erzählt er von den zahlreichen Langfahrten, die schon mit diesen Schiffen unternommen wurden. Denn gleich nach der Markteinführung entdeckten Blauwassersegler die seetüchtigen und stabil gebauten Schiffe für sich. Lange Passagen verbringen sie warm und trocken im Ruderhaus, genießen die Aussicht, kommen entspannt am Ziel an und müssen dann kein Ölzeug zum Trocknen aufhängen. Fishers überqueren Atlantik und Pazifik und sind bei Fahrtenseglern beliebt, die im Heimatrevier lange Schläge lieben. Einer der deutschen Fisher-Freunde etwa ist mit seiner 30er schon mehrfach rund England gesegelt. Allein.
Ulrike und Detlef Kadow sind mit ihrer Fisher 30 „Lotti“ aus Greifswald nach Laboe gekommen. Nach dem Treffen bleiben sie bis zum Ende des Sommers unterwegs. Es ist die 28. Saison mit dem Schiff. Drei Monate verbringt das Paar seit dem Eintritt in den beruflichen Ruhestand vor vier Jahren an Bord und segelt meist schnurstracks nach Norden, um über Skagen nach Westschweden zu gehen.
Mit der 30er hat die Fisher-Story einst angefangen. Und zwar im Jahr 1971. Es war eine Zeit, in der des Seglers Auge noch an den Anblick ehemaliger Arbeitsfahrzeuge gewöhnt war, die zu Freizeitzwecken umgebaut worden waren und durchaus ihre Liebhaber hatten. Doch sie waren allesamt in die Jahre gekommen und galten als Groschengrab. Wer sich für solch ein Gefährt interessierte, wurde vor dem Kauf meist abgeschreckt.
Zur Bootsmesse in Hamburg kam Ende der Segelsaison 1971 mit der nagelneuen Fisher 30 de Luxe ein Ausstellungsstück aus England angesegelt, das genau diese Klientel ansprechen sollte. „Die Überführungsfahrt“, so stand es später in der YACHT, „fand ausgerechnet zu dem Zeitpunkt statt, als sich die ersten Herbststürme auf der Nordsee ankündigten. Doch zeigte sich, wie ein Crewmitglied glaubhaft versicherte, das englische Schwergewicht davon ziemlich unbeeindruckt, denn etwas mehr Wind, als die anderen vertragen, ist für dieses Fahrzeug gerade richtig.“ Einen ausführlichen Fahrbericht des Messebootes druckte die YACHT gleich im darauffolgenden Sommer ab. Die Fisher 30 sei das Richtige „für den Individualisten auf dem Wasser, dem es in erster Linie auf gemütliches Reisen ankommt“. Das könne er, dank des Ruderhauses, ohne Komfortbeeinträchtigung auch bei Kälte und strömendem Regen tun.
Tatsächlich stellte sich am Testtag aber auch heraus, dass das Schiff schon bei wenig Wind in Fahrt kam, dank seiner großen Segelfläche und weil die Konstrukteure sich beim Unterwasserschiff an den traditionellen Segelfahrzeugen orientierten und nicht an den Motorkuttern, die für das Design über der Wasserlinie Pate standen.
Hinter dem Projekt standen seinerzeit die Schiffbauingenieure David Freeman und Gordon Wyatt sowie der ehemalige Flugkapitän und Profi-Skipper David Skellon mit seinem Yachthandels-Unternehmen Fairways Marine Ltd. Wyatt und Freeman hatten schon 1969 mit der Freeward 30 einen neuen Motorsegler entwickelt mit dem Ziel, Seegängigkeit, traditionelle Rumpflinien, robuste Bauweise und ebenso gute Segel- wie Motoreigenschaften miteinander zu vereinen und in der mittlerweile salonfähig gewordenen GFK-Bauweise zu verwirklichen. Denn was sie seinerzeit am Markt fanden, waren entweder völlig untertakelte Motorsegler, die keine ernst zu nehmenden Segeleigenschaften hatten, oder reine Segelyachten mit einem Hilfsmotor, der sie nur bei Flaute vorwärtsbrachte. „Gentlemen never sail to windward“ – Gentlemen segeln nicht gegen den Wind, sagte man damals zwar, aber die zeitgenössischen Fahrtenyachten waren nicht in der Lage, effektiv gegenan zu motoren.
Mit ihrer Freeward 30 wollten sie die festgestellte Marktlücke schließen. Sie sollte sowohl gut segeln als auch unter Motor zu fahren sein. Das Boot besaß bereits ein Ruderhaus, das hatte aber noch nicht seine charakteristischen, nach vorne geneigten Fenster. Außerdem war es als Sloop getakelt. Davon abgesehen verkörperte die Freeward 30 bereits sämtliche Charakteristika der späteren Fisher. Sie besaß das klassische Kanu-Heck, hatte einen Ballastanteil von rund 50 Prozent und tiefe Laufdecks mit hohen Schanzkleidern. Hinter dem Ruderhaus befand sich ein geschütztes Cockpit mit Pinne für das Segeln bei gutem Wetter. Sie trug eine Segelfläche von 34 Quadratmetern und war mit rund 5 PS pro Tonne Bootsgewicht reichlich motorisiert.
Auf der Suche nach einem Vertrieb stießen die beiden während der Earls Court Boat Show im Januar 1970 auf Skellon, und gemeinsam erreichten sie schnell die Produktion und den Verkauf mehrerer Exemplare der Freeward 30. Das war die Vorgeschichte.
Auf Grundlage ihres Designs entwickelten die drei mit der Fisher 30 de Luxe schließlich ihren stilbildenden Motorsegler mit fischkutterartigem Ruderhaus, der fortan die Vorlage für mehrere weitere Typen wurde. Die Rümpfe ließen sie bei der Firma Robert Ives Ltd. nach Lloyd’s-Vorschriften herstellen und von Northshore Yacht Yards ausbauen. Dort hat man sich laut dem Fahrbericht der YACHT eher am kontinentalen als am britischen Standard orientiert, was als Lob verstanden werden sollte. Hervorgehoben wurden außerdem die für damalige Verhältnisse außerordentlich großen Tankkapazitäten von jeweils 200 Liter für Diesel und Wasser und dass die Hälfte der mit 6,5 Tonnen hohen Verdrängung auf den Ballast zurückzuführen sei.
Das Schiff von damals fand auf der Messe tatsächlich schnell einen Liebhaber und ging nicht mehr nach England zurück. Zwei, die diese Ur-Fisher später für gut zehn Jahre ihr Eigen nannten, sind Angelika und Reiner Seher. Das Schiff war Liebe auf den ersten Blick, als sie es 1996 kauften, und infizierte sie für immer mit dem Fisher-Virus. Heute sind sie mit ihrer Fisher 37 „Anna Hamburg“ zum Treffen gekommen, dessen Organisation sie von Siggi Schmidt vor einigen Jahren übernommen haben.
Auch die Sehers schätzen das Ruderhaus, welches in ihrer 37er nicht allein den Steuerstand, sondern auch einen echten Deckssalon mit L-Sofa und Tisch beherbergt. Vom Heimathafen in Wedel geht es regelmäßig durch den Kanal auf die Ostsee. „Dann ist es spektakulär“, so Reiner Seher, „wenn man hier im warmen Salon durch die Landschaft fährt und die Menschen draußen frieren sieht.“ Bei gutem Wetter, insbesondere unter Segeln, steuere er aber meist aus dem Cockpit mit der Pinne.
Die Schöpfer der Fisher 30 fühlten sich durch ihren Erfolg bestätigt und machten sich daran, die Marke auszubauen. Die Fisher 37 kam 1973 auf den Markt. Sie war nicht nur größer, sondern auch gediegener ausgebaut. Im Jahr 1975 kam mit der Fisher 25 ein drittes Modell auf den Markt. Bis heute ist die 25er, die auch in einer Freeward-Version und als Potter-Version für Sportangler gebaut wurde, die einzige Fisher mit Spiegelheck. Mit der Fisher 34 kam, weitere zwei Jahre später, ein Modell heraus, das nicht nur die Größenlücke zwischen der 30er und der 37er schloss, sondern auch die Weiterentwicklung des gesamten Konzepts darstellte. Nur ein Jahr später wurde mit der 46er die größte Fisher vorgestellt.
1981 kam mit der Fisher 31 eine modellgepflegte Version des Urtyps Fisher 30 auf den Markt. Sie wurde einen Fuß länger und minimal breiter, was allerlei Veränderungen im Inneren des Schiffes ermöglichte. Nicht zuletzt erhielt sie ein größeres Ruderhaus mit einem echten Deckssalon. Es war die letzte Neuentwicklung. Ein Verkaufsschlager wurde der Typ indes nicht. Und das war nicht das erste Mal. Neben den klassischen Typen 30, 25, 37, 34 und 46 gab es schon früher Modelle, die sich am Markt nicht durchsetzen konnten. Schon bald nach Produktionsbeginn der Fisher 30 etwa entstand mit der Fisher 30 Northeaster eine Version mit Achterkajüte, die kein offenes Cockpit hatte. Und die Catfisher 28 war ein Katamaran. Nur wenige Exemplare fanden jeweils einen Abnehmer.
Heute werden die Schiffe von Liebhabern regelrecht gesucht – oder umgekehrt. Die Sehers etwa kauften mit ihrer 37er, ohne es zu wissen, das Schiff, das sie aus dem Hotelfenster sahen, als sie nach ihrer Hochzeit eine Reise nach London machten. Die „Sand Shadow“ lag damals an den St Katharine Docks, und bei der Zimmerwahl verzichtete das frischvermählte Paar dankend auf den vornehmeren Blick nach vorne zum Tower, denn nach hinten konnten sie eben die Fisher 37 sehen. Erst einige Jahre nach dem Kauf überreichte ihnen ein Voreigner das frühere Namensschild ihrer „Anna Hamburg“, und siehe da, es war das Schiff von damals.
Bei Tim Schneider, der hier in Laboe mit seiner ganzen Familie und ihrer Fisher 37 „Festina Lente“ festgemacht hat, war es ähnlich. Als Jugendlicher lebte er mit seinen Eltern in England. Als begeisterter Segelsportler besuchte er jede Boat Show und jeden Hafen und stand wie automatisch immer wieder vor den Fisher-Yachten. „Sie strahlten aus, dass ihnen nichts etwas anhaben kann, und wirkten wie ein Zuhause auf mich.“ Schneider erinnert sich auch daran, dass auf einer Boat Show die Aussteller der Fisher Owners Association zu ihm sagten: „I can see it in your eyes, one day you are going to have one“ – ich sehe in deinen Augen, dass du eines Tages eine haben wirst.
Auch Schneiders haben ihre Fisher 37 schon lange vor dem Kauf gekannt, und als es ernst wurde mit der Suche, lief sie ihnen wieder über den Weg, als wäre es so bestimmt. Heute ist Tim Schneider auch Mitglied der britischen Fisher-Eigner und für die deutschen Freunde ein wichtiges Bindeglied zur Szene im Herkunftsland. Bei derart enthusiastischen Eignern und deren weltweiter Verbreitung ist es kein Wunder, dass sich verschiedene Netzwerke gebildet haben. Das älteste von ihnen ist der Niederländische FisherClub von 1987, in Großbritannien gründete sich die Fisher Owners Association erst etwas später, sie ist mittlerweile jedoch die größte Vereinigung und Anlaufstelle für Eigner weltweit.
Heute werden die Boote noch von Neil Marine in Sri Lanka für Fisher Yachts International gebaut. Wer bereit ist, den Preis eines Einzelbaus zu bezahlen, der ein solcher Neubau ist, kann sowohl die Fisher 25 als auch die 34 und die 37 in Auftrag geben und sehr individuelle Wünsche und Vorstellungen dabei verwirklichen lassen. Genau das Richtige eben – für Individualisten.
Pflege und Instandsetzung klassischer Yachten von Uwe Baykowski und Anna-Marie Frick richtet den Blick auf das, was viele klassische Boote erst über die Jahre ausmacht: Substanz, Alterung und die Spuren sorgfältiger Arbeit. Zwischen Materialien, Details und typischen Problemstellen entsteht genau jene Nähe zum Schiff, die auch den Reiz vieler Fisher ausmacht. Wer solche Boote nicht nur vom Steg aus betrachtet, findet hier die ruhigere, tiefere Seite des Klassikers.
Praxisguide Fahrtensegeln von Leon Schulz führt mitten hinein in den Bordalltag längerer Reisen und in die kleinen Entscheidungen, die unterwegs den Unterschied machen. Weg von der bloßen Form, hin zu der Frage, wie sich ein Boot auf Strecke anfühlt, bewährt und über Tage hinweg lebt.
Ruderhaus, Langkiel, viel Gewicht und ein fast trotzig eigener Stil: Ist das besonders reizvoll oder bleibt die Fisher ein Schiff für eine kleine, eingeschworene Szene? Schreiben Sie Ihre Meinung in die Kommentare.

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