Liebe Leserinnen und Leser,
geht es nur mir so, oder liegt es am vergleichsweise guten Wetter und daran, dass die Bäume noch nicht bunt geworden sind? Ich habe dieses Jahr einfach keine Lust auf das Saisonende.
Normalerweise kommt im Herbst irgendwann der Zeitpunkt, an dem man nicht mehr jedes Wochenende zum Boot muss. Die kühle und feuchte Witterung nervt, und man freut sich insgeheim auf den Moment, in dem das Boot in der wind- und regengeschützten Halle steht. Parallel dazu wächst die Liste der im Winter durchzuführenden Arbeiten – und ja, ich bin ein Tüftler und Bastler, deshalb genieße ich das Schrauben, Schleifen, Polieren und Malen im Winterlager fast so sehr wie den Sommer auf dem Wasser.
Doch dieses Jahr ist es anders. Ich versuche, den Krantermin so weit wie möglich hinauszuzögern. Während am Steg immer mehr Boxen leer bleiben oder von Yachten ohne Großbaum oder Rigg belegt sind – sie wirken wie gerupft – schleppe ich noch fröhlich Proviant fürs Wochenende zum Boot, während andere die Segel und die übrig gebliebenen Vorräte der Sommerreise von Bord befördern.
Das Mastenregal im Hafen füllt sich zusehends, während der Hafenmeister eine Yacht nach der anderen an Land verfrachtet. Gleichzeitig ist mehr Leben auf den Stegen und Booten als an manchem schönen Sommerwochenende. An Stelle der sonst üblichen Frage nach dem Törnziel steht jetzt der Krantermin im Mittelpunkt. „Wann geht ihr aus dem Wasser? Habt ihr schon alles eingewintert? Wir sind Montag dran." – „Ende Oktober? So spät erst? War vorher schon alles voll?"
Kurz bin ich versucht, einfach ja zu sagen, um meine Ruhe zu haben. Aber wenn ich ehrlich bin: Ich bin noch nicht fertig mit der Saison. Da sind noch die Ankerplätze, für die die Windrichtung noch nicht gepasst hat, so viele Sonnenuntergänge und der wunderbare Sternenhimmel, den man mit der früher einsetzenden Dunkelheit besser genießen kann. Der Gedanke, das Boot jetzt schon einzumotten, fühlt sich einfach falsch an. Ein wenig wie ein vorzeitiger Abschied von einem guten Freund.
Der Herbst auf dem Wasser hat seinen eigenen Zauber – die klare Luft, die ruhigen Häfen, die intensiven Farben. Vielleicht ist es genau das, was mich dieses Jahr noch festhält. Oder vielleicht ist es einfach die Erkenntnis, dass jeder Tag auf dem Wasser ein Geschenk ist, das man auskosten sollte, solange man kann.
Hauke Schmidt
YACHT-Redakteur
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