Liebe Leserinnen und Leser,
„An Bord ist eigentlich alles in Ordnung, nur der Plotter spinnt manchmal!“ Ein Satz, gefallen im Rees nach der Heimkehr am Steg. „Mit Deinem Plotter ist vermutlich alles in bester Ordnung“, erwidere ich. Und frage, ob das Thema GPS-Störungen auf der Ostsee bekannt sei. Natürlich ist es das. Aber hier bei uns? Ja, leider. Auch hier bei uns, beziehungsweise da, wo wir jetzt, in der Ferienzeit hinsegeln.
Das Gespräch erinnert mich an die Ungläubigkeit, die manch einen beschleicht, wenn er erfährt, dass er eine seltene Krankheit hat. Klar, davon gehört, dass es das gibt, hat jeder schon. Aber selbst betroffen?
Mein Gegenüber nimmt es gelassen. „Dann kann ich es mir ja sparen einen Yacht-Elektroniker zu beauftragen“, sagt er und ergänzt, fast schon mit romantischer Verklärung: „Ich weiß ja noch, wie man ohne GPS segelt!“
Nun ist für abendfüllenden Gesprächsstoff gesorgt. Es folgen Anekdoten aus einer Zeit, als selbst elektrischer Strom an Bord mancher Yacht noch als „neumodischer Kram“ verpönt war – wenn auch meist eher aufgrund der Verhältnisse in den Jahren, als das Segeln nach dem Krieg wieder erlaubt und das Material Mangelware war.
Es sind schöne, alte Geschichten von Relingslog und Meridiantertie, von vernebelten Ansteuerungen mit dem Handlot als einziger Hilfe, von stundenlangem Plieren auf den unbeleuchteten Steuerkompass und vom Auszählen der Kennungen von Leuchtfeuern bei Nacht, die notwendig waren, um durch eine Kreuzpeilung wenigstens etwas Gewissheit darüber zu erlangen, ob der Koppelort annähernd stimmt, oder ob mehr oder weniger Strom oder Abdrift einberechnet werden muss.
Die Geschichten von der Bäcker-Navigation (nach dem Einlaufen Brötchen holen, um auf der Tüte zu lesen, wo man ist) schreibe ich dem fortgeschrittenen Abend zu, aber äußere trotzdem amüsiertes Erstaunen, denn ich bin ein höflicher Mensch.
Etwas nachdenklich gehe ich zur Koje. Denn tatsächlich sehe ich mich mit einer neuen Realität konfrontiert, von der ich bisher zwar gelesen hatte, die ich aber verdrängt habe, wie der erwähnte Patient seine Diagnose. Zur umsichtigen Navigation, wird mir jetzt klar, gehört es in meinem Revier in diesem Sommer tatsächlich, sich nicht auf den GPS-Standort zu verlassen.
In Gedanken gehe ich mit meinem Schiff ganz ohne Plotter oder Karten-App auf Reisen. Bin ich dazu überhaupt bereit? In diesem Sommer ist kein großer Törn über See geplant. Was aber, wenn tatsächlich Nebel aufzieht, oder die Wetterlage dazu zwingt, außer Landsicht zu segeln?
Auf der Papierseekarte mitzukoppeln, traue ich mir ohne weiteres zu. Log und Lot funktionieren, das Kurslineal ist immer griffbereit, ein vernünftiger Peilkompass sitzt in seiner Halterung am Kartentisch, und mit all dem zu hantieren gehörte in meinen Anfangsjahren unter Segeln auch durchaus noch zum Bordalltag.
Unverzichtbar ist für die klassische Navigation aber auch und vor allem ein gut ablesbarer Steuerkompass, dessen Ablenkung man einigermaßen kennen sollte. Ich erinnere mich an Gespräche mit einem Segler, der den im Cockpit aufgrund der modernen Navigationselektronik für verzichtbar hielt. Vermutlich wäre er gar nicht in der Lage, stundenlang danach zu steuern, was für eine saubere Koppelnavigation unverzichtbar ist.
Aber wenn ich ehrlich bin, geht es da auch bei mir schon los: Erst im vergangenen Sommer, erinnere ich mich jetzt wieder, hatte ich mir nachts im Großen Belt fest vorgenommen, die Kompassbeleuchtung zu verbessern. Und in den vergangenen Jahren habe ich zwar alles Mögliche an Bord verbaut, den Einfluss auf den Kompass jedoch nie überprüft.
Wahrscheinlich würde man klarkommen, denke ich mir und schlafe darüber ein, aber am nächsten Morgen wache ich mit dem Vorsatz auf, das Thema Navigation wieder etwas ernster zu nehmen.
Selbst, wer an Bord ohne Nachrichten auskommt und versucht, auf diese Weise dem Alltag zu entfliehen, muss sich eingestehen, dass die GPS-Störungen vorerst Teil unserer seglerischen Wirklichkeit sind. Das schwedische Sjöfartsverket warnt ganz offiziell davor, und zwar in der südlichen, zentralen und nördlichen Ostsee sowie im Finnischen Meerbusen und in der Ålandsee.
Man vermutet, dass die Störungen ein Teil der hybriden Kriegsführung sind und von russischen Militärstützpunkten, oder der Schattenflotte ausgehen.
In der Bordpraxis sieht das dann so aus, dass der Empfänger das Signal verliert. Das erkennt man, wenn man sich die benutzten Satelliten anzeigen lässt. Werden nur wenige benutzt, kann das an einer Störung liegen. Die nämlich funktioniert in der Regel so, dass ein stärkeres Störsignal das des Satelliten überlagert.
Ein Indiz für eine solche Störung kann es sein, wenn die angezeigte Geschwindigkeit des GPS-Geräts ungewöhnlich stark schwankt. Oder, dass die Schiffsposition springt. Wird lediglich ein falscher Ort angezeigt, bleibt der Fehler im Zweifel unentdeckt – und das ist für uns Segler die eigentliche Gefahr.
Mitzukoppeln, oder, wenn es drauf ankommt einen Standort terrestrisch zu bestimmen, sollte daher wieder zur Routine an Bord gehören. Als Teil einer – hoffentlich nicht andauernden – neuen Realität.
Lasse Johannsen
stellv. YACHT-Chefredakteur
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